Keerlke-Preis für Frank Jakobs Er macht Plattdeutsch massentauglich
Plattdeutsch ist Frank Jakobs‘ Muttersprache. Die spricht er gern – in Radiobeiträgen ebenso wie in der Plattlern-App. Das macht ihn jetzt zu einem der jüngsten Preisträger des Keerlke-Preises.
Reepsholt - Fast schon andächtig betrachtet Frank Jakobs den Keerlke, der auf dem Küchentisch in seinem Reepsholter Bauernhaus steht. Der gebürtige Norder, den man fast nie ohne seinen Hut sieht, ist mit 42 Jahren einer der jüngsten Preisträger, den der Verein Oostfreeske Taal jemals ausgezeichnet hat. Im November überreichte der Vorstand den Preis in einer Feierstunde. Der kleine Kerl aus Ton, geschaffen von Christian Eisbein aus Esens, ist nach einer der Romanfigur in Wilhelmine Siefkes‘ gleichnamigen Roman gestaltet. Jährlich zeichnet der Verein um den Vorsitzenden Hans Freese Personen oder Institutionen aus, die sich im hohen Maße für den Erhalt und die Förderung von Plattdeutsch einsetzen. Jemand Junges auszuzeichnen sei schon lange das Bestreben des Vereins, sagt Freese der Redaktion. Allerdings ist das nicht so einfach: „Es ist so, dass Platt bei den Leuten erst eine Bedeutung bekommt, wenn sie älter werden.“
Nicht so bei Frank Jakobs. „Plattdeutsch ist meine Muttersprache“, stellt er klar. „Ich habe Hochdeutsch erst in der Schule gelernt.“ Aber was noch viel wichtiger ist: Er hat eine der Stimmen, die in der Region fast jeder kennt. Der Ostfriese ist als Reporter für den NDR von Emden bis Cuxhaven unterwegs und vor allem für seine Radiobeiträge bekannt. So ist er regelmäßig als einer von 20 Autoren im Format „Hör mal `n beten to“ neben Yared Dibaba, Annie Heger oder auch Werner Momsen zu hören. Jakobs ist fester Freier für den NDR und verfolgt auch andere Projekte. So sprach er beispielsweise Infotexte auf Tafeln für die Besucher verschiedener Ortschaften in der Gemeinde Friedeburg ein – ebenso wie Sätze für die Plattlern-App „PlattinO“. Wer also plattdeutsche Vokabeln lernen oder seinen Wortschatz aufpolieren möchte, tut dies schätzungsweise mit Jakobs‘ markanter Stimme. Der 42-Jährige bringt Plattdeutsch auf verschiedenen Kanälen in die Breite.
Illustre Reihe von Preisträgern
Frank Jakobs ist ein Mann mit Humor und mit Freude am Plattdeutsch. „Man darf sich selbst nicht so ernst dabei nehmen“, sagt der Preisträger über sich selbst und die Ehrung. Genau das zeichnet ihn Freese zufolge aus: „Die Liebe und die Freude an Plattdeutsch merkt man bei ihm. Man kann die Begeisterung beim Sprechen hören. Er bringt das sehr lebendig und zeitgemäß rüber.“ Plattdeutsch wirke manchmal eher altbacken, gibt er zu. Nicht so beim Preisträger aus Reepsholt: „Er hat eine ganz selbstverständliche Art, wie er Platt spricht. Er sorgt dafür, dass es moderner wirkt.“ Jakobs hat früh seine Faszination fürs Radio entdeckt: „Du kannst mit Radio viel machen, viel spielen.“ Jakobs hat im Laufe seiner Arbeitsjahre einiges ausprobiert und weiß mittlerweile: „Mit Formaten zu brechen, macht es interessanter.“ So produziert er beispielsweise plattdeutsche Beiträge mit hochdeutschen Zitaten – oder umgekehrt.
Dass sein Wirken in Funk und Fernsehen so viel Anklang findet, sei Frank Jakobs nicht bewusst gewesen: „Ich habe erst durch den Preis bemerkt, wie viele Leute das zu schätzen wissen.“ Im Anschluss ans Bekanntwerden der Auszeichnung habe es viele Gratulanten gegeben. „Das setzt dem Ganzen die Krone auf“, freut er sich. Jakobs reiht sich in eine lange Liste von Preisträgern ein. Die scherzhaft auch als „Ostfriesen-Oscar“ bezeichnete Auszeichnung Keerlke wird seit 1993 jährlich vergeben. Die letzten Preisträger sind Artur Reents aus Ostrhauderfehn (2023) für seinen regionalen und überregionalen Einsatz, Johann Saathoff aus Pewsum für seinen Einsatz für Plattdeutsch im Deutschen Bundestag (2022) und Heinz Janssen aus Wittmund für die Übersetzung von Texten für Wikipedia (2021). Zu den weiteren Geehrten gehören beispielsweise Hanne Klöver, die im Mai verstorbene Antje Gronewold oder Helmut Collmann.
Plattdeutsch als Türöffner
Welche Rolle Plattdeutsch im Leben von Frank Jakobs spielt, sei ihm erst mit zunehmendem Alter klargeworden. Es sei einfach seine Familiensprache. Jakobs wuchs in Osteel auf – in einem Haushalt, in dem ausschließlich Platt gesprochen wurde. Mit seinen vier Kindern spreche er ebenfalls Platt, verrät er. Ganz unbewusst. Beim Jobben auf dem Bau oder als Zivi im Altenheim habe er bemerkt, dass Platt- oder Hochdeutsch den Unterschied machen kann: „Platt ist sofort ein Türöffner. Da ist egal, wie man aussieht.“ Auch heute, wenn er Interviews führt, sei das manchmal so: „Du hast dann einfach einen anderen Draht zu den Leuten.“ Manchmal ermögliche ihm Plattdeutsch erst die Kommunikation auf Augenhöhe.
Frank Jakobs ist eigenen Angaben zufolge der einzige noch in Ostfriesland lebende Ostfriese im Studio Oldenburg des NDR. Seine Sprachkompetenz ist somit des Öfteren gefordert – wenn dies auch nur ein Viertel seiner Aufträge ausmache, überschlägt er. Meist arbeite der Reepsholter tagesaktuell und auf Hochdeutsch. Seinen ersten Beitrag in Heimatsprache produzierte er bereits 2009. Frank Jakobs sieht übrigens einen Imagewandel in der öffentlichen Wahrnehmung. „Es ist wieder eine Selbstverständlichkeit geworden, dass wir Platt sprechen“, meint er. „Heute ist Platt ja cool.“
Auch Hans Freese sieht diese Trendwende – nach dem Einbruch in den 1980er Jahren: „Da hat eigentlich keiner mehr Platt mit den Kindern gesprochen. Da ist eine ganze Generation weggebrochen“, moniert er. „Das ist ziemlich verloren gegangen.“ Jetzt aber gebe es ein Umdenken, Eltern und Großeltern würden wieder mehr Plattdeutsch mit den Kindern sprechen. Plattdeutsch verjüngt sich, hält Einzug in soziale Medien. „Das ist nicht die breite Masse“, unterstreicht Freese. Aber eben doch eine positive Entwicklung, die noch deutlich Fahrt aufnehmen könnte: „Die Vokabeln sind alle bekannt“, meint Freese. Viele scheuten sich dennoch, einfach zu schnacken oder zu proten. „Unsere Gesellschaft ist auch nicht so offen für andere Sprachen“, bedauert der Oostfreske-Taal-Vorsitzende. Frank Jakobs sieht das ganz pragmatisch: „Doen deit lernen“, stellt er klar. Einfach im Gespräch bleiben, ohne dabei auf Perfektion zu setzen. „Wir müssen akzeptieren, dass Platt für viele eine Fremdsprache ist.“