Millionen-Projekt Borkums neues Wasserwerk läuft mit „halber Kraft“
Die neue Aufbereitungsanlage im Ostland liefert erste Wassermengen für die Versorgung der Insel. Wir haben uns im und am Gebäude zusammen mit Wassermeister Frank Schönball umgeschaut.
Borkum - Ein Profi wie Frank Schönball weiß, wie der Hase läuft. Oder in seinem Fall besser: das Wasser. Der Wassermeister der Stadtwerke Borkum kennt die Peaks, also die Höchststände beim H2O-Verbrauch, aus langjähriger Berufserfahrung. Sei es morgens oder abends beim Duschen, nach einem Löscheinsatz der Feuerwehr oder bei besonderen Anlässen mit großem Anspannungspotenzial. Wie bei der Fußball-WM 2006 vor dem Elfmeterschießen zwischen Deutschland und Argentinien im Viertelfinale in Berlin. Vor dem – am Ende mit 4:2 erfolgreichen – Krimi vom Punkt rannte offenbar nahezu die ganze Nation, also auch Borkum, aufs Klo und betätigte die Spülung.
Wie erfolgreich die deutsche Elf bei der diesjährigen Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko abschneiden wird, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass die Wasserversorgung auf Borkum für alle Eventualitäten gesichert ist. Dazu trägt vor allem das neue Wasserwerk im Ostland bei, für das sechs bis acht Millionen Euro veranschlagt sind. Bei einem Pressebesuch Ende April läuft es bereits im Teilbetrieb. „Wir machen jetzt ungefähr 40 Kubikmeter Wasser in der Stunde“, verrät Frank Schönball. „Jeder, der auf Borkum in letzter Zeit Wasser genommen hat, hatte schon Wasser von unserer neuen Anlage, ohne es zu merken.“
Anlage soll bis zu 160 Kubikmeter Wasser in der Stunde aufbereiten
Die Leistung wird laut Nordseeheilbad Borkum GmbH (NBG) nun kontrolliert erhöht. „Wir haben die Anlage bewusst schrittweise hochgefahren, um maximale Betriebssicherheit zu gewährleisten“, erklärt Stadtwerke-Direktor Axel Held in einer Pressemitteilung der NBG. Später, im Vollbetrieb, soll das neue Werk nach Angaben Schönballs rund 160 Kubikmeter Wasser pro Stunde aufbereiten. Das könne in etwa zwei Monaten der Fall sein und würde dann rund zwei Drittel des kompletten Inselbedarfs abdecken. Der Rest kommt aus der Waterdelle.
Frank Schönball, der den Anfang 2023 begonnenen Neubau auf etwa 530 Quadratmetern Grundfläche von Beginn an eng begleitet hat, hat bereits etliche Führungen durch das Gebäude hinter sich. Den Vortrag, wie das „Lebensmittel Nummer 1“ aus der Süßwasserlinse über mehrere Flachbrunnen gefördert und wie anschließend im Werk aus Rohwasser trinkbares Reinwasser wird, könnte er sicher rückwärts im Schlaf halten. Ermüdungserscheinungen sind an diesem Tag aber nicht festzustellen, wenn Schönball bei einem Rundgang die verschiedenen Aufbereitungsschritte erläutert.
Stoffe müssen raus – Wasser wird Eisen entzogen und entmangant
Dazu zählt die Belüftung des ankommenden Wassers in einer Kaskade. Hier werden Schwefelwasserstoff – bekannt für den typischen Faule-Eier-Geruch – und Methangase ausgeblasen, Luft-Sauerstoff eingetragen. Anschließend geht es weiter in den Keller, zur „Beruhigung“ in drei Reaktionsbecken. Die haben jeweils ein Fassungsvermögen von 300.000 Litern – und konnten bei einem früheren Pressebesuch noch betreten werden. Nun sind sie mit Wasser gefüllt, eines bereits komplett. Bleibt diesmal nur der Blick von außen durchs Fenster.
Ein nächster wichtiger Schritt findet wieder weiter oben im Gebäude statt, wo das Wasser in mehreren Filterbecken mittels Filterkies und spezieller Mikroorganismen weiter aufbereitet wird. Dort wird Eisen entzogen, es wird – wer kannte das Verb bisher nicht? – entmangant und anschließend durch ein Rohr in den Reinwasserbehälter geleitet. Logisch, dass dem hier vorgeschalteten Probehahn eine besonders wichtige Rolle zukommt. Die Filter indes müssen regelmäßig gespült werden. Bei der Vorführung erinnert das Blubbern im Becken an spritzendes Fett in der Pommes-Fritteuse. Das Wasser wird später nach draußen in den Spülteich neben dem Gebäude geleitet.
Bräunliches Trinkwasser: Auf Borkum verboten, auf Norderney erlaubt
Zum Einsatz kommen im Laufe des Aufbereitungsprozesses Flockungsmittel, um dem Wasser die braun-graue Farbe zu entziehen. Dies, erläutert Frank Schönball, habe rein optische Gründe und sei eine Vorgabe des Gesundheitsamtes Leer. Auf Norderney, wo das Gesundheitsamt Aurich zuständig ist, ist leicht bräunlich gefärbtes Trinkwasser dagegen erlaubt – und wird entsprechend vermarktet. Unabhängig von der Farbe genießt Borkums Trinkwasser einen sehr guten Ruf. Das bestätigte Krimi-Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf in einem Interview mit dieser Zeitung im Sommer 2023. Auf die Frage, „Was ist für Sie ,typisch Borkum‘?“, antwortete er: „Ich liebe euer Wasser. Wenn wir (Wolf und seine Frau Bettina Göschl; Anm. d. Red.) ankommen, gehen wir ins Hotelzimmer, machen erst mal den Hahn auf und trinken ein großes Glas. Das Wasser hat einen ganz eigenen Geschmack, nirgendwo schmeckt es wie auf Borkum.“
Bevor aus dem neuen Wasserwerk allerdings irgendetwas über Leitungen im Versorgungsnetz der Insel landet und damit beim Kunden aus dem Hahn, Klospüler, Duschkopf oder Gartenschlauch kommt, wurde und wird intensiv getestet und geprüft. Frank Schönball zieht wie zuvor Axel Held den Vergleich mit dem „großen Blutbild“ beim Menschen, wenn er von engmaschigen Kontrollen, detaillierten mikrobiologischen Analysen und einzuhaltenden Grenzwerten berichtet. Schließlich gibt es die Betriebsfreigabe vom Gesundheitsamt nur, wenn alle Daten stimmen.
Sonne muss draußen bleiben – Wasserwerk hat keine Fenster
Heißt: Einfach ein paar Schalter umlegen oder einen Knopf drücken und dann „Wasser marsch!“ hat mit der Realität nichts zu tun. Gleichwohl ist die Erleichterung, dass nach jahrelanger Vorplanung und Bauzeit nun der Teilbetrieb läuft, Frank Schönball anzumerken – nachdem er mit seinem Kollegen Silas Poppinga monatelang darauf hingearbeitet hatte. Auch wenn das „Scharfstellen“ ohne „Posaunenchor oder Feuerwerk“ vonstatten ging, wie er scherzhaft anmerkt.
Was beim Gang durch das Gebäude, das über einen Analyseraum mit vielen Schränken und Datenanzeigen verfügt, wo die moderne Technik zusammenläuft, auffällt: Es gibt keine Fenster. Das ist gewollt. „Licht und Wasser vertragen sich nicht so gut“, sagt Frank Schönball. Es bestehe die Gefahr der Algenbildung. Angenehmer Nebeneffekt (zumindest im Sommer): In der neuen Wasseraufbereitungsanlage, die mehr oder weniger autark laufen wird und in den nächsten Jahrzehnten einen zentralen Bestandteil der Daseinsvorsorge auf der Insel darstellen soll, ist es immer schön kühl.
Eröffnung am 30. Mai mit Party und Livemusik
Am Ende des Besuchs bleibt Zeit für einen Abstecher ins alte Wasserwerk gegenüber, das irgendwann abgeschaltet werden soll. Hier verströmen die abgenutzten Kacheln an der Wand und die rostigen Rinnen Industrie-Charme der 1960er Jahre. Die technischen Anlagen wirken aus der Zeit gefallen, der Filterkies ist durch zahlreiche Ablagerungen dunkler. Dazu liegt eine ziemlich starke „Faule-Eier“-Note in der Luft. Wie genau das Gebäude in Zukunft genutzt werden soll, ist offenbar noch unklar. In einem Raum fallen zahlreiche beschriftete Gläser mit dunklem Inhalt auf. Sieht von außen aus wie Schokopudding, sind aber Entnahmen von Probebohrungen für neue Brunnen-Standorte.
- Am Samstag, 30. Mai 2026, soll das neue Wasserwerk ab 17 Uhr mit einer Party, Liveband und gastronomischer Versorgung eingeweiht werden. Es werde einen Busshuttle über die Borkumer Kleinbahn eingerichtet; die genauen Ab fahrtszeiten würden noch bekannt gegeben, teilt die NBG mit.