Ehrenbürger Albrecht Weinberg wird 101 Jahre alt
Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust, lebte lange in den USA und kehrte in seine Heimat zurück. Jetzt ist er Ehrenbürger von Leer und Rhauderfehn. An diesem Samstag wird er 101 Jahre alt.
Leer/Rhauderfehn - Es war ein großes Geburtstagsfest, was vor genau einem Jahr im Festsaal des Leeraner Rathauses für Albrecht Weinberg ausgerichtet wurde. An diesem Samstag, 7. März 2026, feiert der Ehrenbürger der Stadt Leer und der Gemeinde Rhauderfehn seinen 101. Geburtstag. Aus diesem Anlass wird am Nachmittag der neue Film „Es ist immer in meinem Kopf“ über den Holocaust-Überlebenden im Theater an der Blinke in Leer gezeigt. Über drei Jahre lang hat ein Filmteam unter der Leitung von Güner Balci und Jesco Denzel den Ehrenbürger und seine gute Freundin und Mitbewohnerin Gerda Dänekas zu Veranstaltungen begleitet.
In den vergangenen zwölf Monaten war Albrecht Weinberg bei vielen Veranstaltungen dabei. Im Mai wurde er im Leeraner Rathaus zum Ehrenbürger der thüringischen Stadt Nordhausen ernannt. Im Juni begleitete er die Verlegung weiterer Stolpersteine in der Altstadt für die Opfer des Nationalsozialismus. Weinberg hatte sich lange dafür eingesetzt, dass auch in Leer welche verlegt werden.
Mitte August besuchte ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau Elke Büdenbender in Leer. Während des Gesprächs wiesen Weinberg und Dänekas darauf hin, dass es keine Zeitzeugen-Gespräche vom Holocaust-Überlebenden mehr geben werde.
Kurz vor seinem 101. Geburtstag ging dann der Herzenswunsch von Albrecht Weinberg in Erfüllung. Die Stadt kauft das Grundstück der ehemaligen Synagoge an der Heisfelder Straße. Der Ehrenbürger wünscht sich schon seit Langem, dass dort ein würdiger Gedenkort für das jüdische Gotteshaus entsteht.
Das Leben Albrecht Weinbergs
Albrecht Weinberg wurde am 7. März 1925 in seinem Elternhaus am Untenende in Westrhauderfehn geboren. Das Gebäude existiert heute noch. Im Bürgersteig davor sind mittlerweile Stolpersteine eingelassen worden, die an das Schicksal der Familie Weinberg während des Zweiten Weltkrieges erinnern sollen.
In Weinbergs Ausführungen vor den Schulklassen und bei den Lesungen schilderte er immer wieder, dass er und seine Schwester Friedel am 20. April 1939 verhaftet und in das zentrale Arbeitslager Groß Breesen überstellt wurden. 1941 folgte nach Auskunft von Weinberg die Deportierung in das Arbeitslager Wulkow, am 19. April 1943 wurden Friedel und Albrecht Weinberg nach Auschwitz transportiert. Am 17. Januar 1945 begann die Räumung des Lagers Auschwitz III/Manowitz.
Auch Albrecht Weinberg begab sich auf den 62 Kilometer langen Todesmarsch nach Gleiwitz. Später, so berichtet der Holocaust-Überlebende, ging es im Güterwaggon in den Tunnel des KZ Mittelbau-Dora. Anschließend wurde Weinberg nach Bergen-Belsen transportiert. Seine Eltern Flora und Alfred Weinberg kamen im März 1943 zunächst nach Theresienstadt. Im Oktober 1944 wurden sie nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft umgebracht wurden.
Albrecht und seine Schwester Friedel Weinberg wanderten im Januar 1947 in die USA aus. 2011 kehrten die Geschwister, nachdem sie für sich Frieden mit ihrem Heimatort Rhauderfehn und mit der Stadt Leer geschlossen hatten, nach Ostfriesland zurück. Friedel Weinberg starb 2012. Mittlerweile ist Albrecht Weinberg Ehrenbürger der Gemeinde Rhauderfehn und der Stadt Leer – und das Albrecht-Weinberg-Gymnasium Rhauderfehn trägt seit 2020 seinen Namen.
Glückwünsche von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
„Trotz allem, was Sie und Ihre Familie in diesem Land und durch Deutsche in der Shoah erfahren mussten, sind Sie 2012 zusammen mit Ihrer Schwester Friedel nach Ostfriesland zurückkehrt. Dort und an vielen Orten in Deutschland haben Sie als Zeitzeuge Schülerinnen und Schüler über die Vergangenheit aufgeklärt und von Ihrem Schicksal berichtet, ein Engagement das Sie, wie Sie mir im Sommer letzten Jahres erzählten, aus gesundheitlichen Gründen nun leider aufgeben mussten. Sie haben mir im Gespräch Ihre Sorgen um die Zukunft der Demokratie in unserem Land angesichts der Zunahme von Antisemitismus und Rechtsextremismus anvertraut. Ich versichere Ihnen, dass Ihr größter Wunsch, unsere freiheitliche Demokratie auch künftig stark zu wissen, unvermindert meine Amtsführung als Bundespräsident prägt. Ich vertraue darauf, dass wir die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger dabei an unserer Seite haben.
Ihnen, lieber Herr Weinberg, wünsche ich für das neue Lebensjahr alles Gute, vor allem Gesundheit und Lebensfreude.“
Glückwünsche von Ministerpräsident Olaf Lies
„Zum 101. Geburtstag gratuliere ich Albrecht Weinberg, auch im Namen der Niedersächsischen Landesregierung, sehr herzlich. Ein solches Lebensjubiläum ist ein besonderer Anlass – umso mehr, wenn es mit einer Lebensgeschichte verbunden ist, die viele Menschen tief berührt und in ihrem Handeln auch geprägt hat. Albrecht Weinberg hat als Überlebender der nationalsozialistischen Verfolgung und der Konzentrationslager unermessliches Leid erfahren. Dass er dennoch über viele Jahre hinweg bereit war, seine Erfahrungen öffentlich zu teilen und insbesondere jungen Menschen davon zu berichten, verdient höchsten Respekt und große Dankbarkeit.
Gerade heute, in einer Zeit, in der antisemitische Einstellungen und demokratiefeindliche Haltungen wieder sichtbarer werden, ist sein Engagement von großer Bedeutung. Weinberg erinnert uns daran, dass die Würde des Menschen, Respekt und gegenseitige Verantwortung das Fundament unseres Zusammenlebens bilden. Sein Einsatz mahnt uns zugleich, die Erinnerung wachzuhalten und uns aktiv für Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit einzusetzen. Ich wünsche Albrecht Weinberg zum 101. Geburtstag von Herzen Gesundheit, Kraft und weiterhin viele gute Begegnungen.“
Glückwünsche von Landrat Matthias Groote
„Albrecht Weinberg ist ein außergewöhnlicher Mensch, dessen Lebensweg und Haltung uns tief berühren. Seit vielen Jahren prägt er mit seiner Offenheit und seinem unermüdlichen Engagement die Erinnerungskultur in unserer Region. Besonders junge Menschen hat er mit seinen Gesprächen nachhaltig erreicht und bewegt. Zu seinem 101. Geburtstag gratuliere ich ihm von Herzen und danke ihm für alles, was er für den Landkreis Leer und weit darüber hinaus getan hat.“
Glückwünsche von Leers Bürgermeister Claus-Peter Horst
„Herzlichen Glückwunsch, lieber Albrecht!
Ich bin mir sicher, dass Dein 101. Geburtstag für Dich zu einem weiteren ganz besonderen Erlebnis wird und Du ihn in vollen Zügen genießen wirst. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir Dir schon vor Deinem Ehrentag Dein Herzensanliegen und größten Wunsch erfüllen konnten und den Weg, das Grundstück der ehemaligen Synagoge zu einem würdigen Ort des Gedenkens zu entwickeln, geebnet haben.
Ich wünsche Dir, dass Du gesund und uns noch lange als Ehrenbürger erhalten bleibst. Es ist mir eine große Ehre, Dich als Freund an meiner Seite wissen zu dürfen.“
Glückwünsche von Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller
„Herzlichen Glückwunsch von den Vertretern der Gemeinde Rhauderfehn zum 101. Geburtstag. Du hast alle Übeltäter und alles Grausame Deiner Zeit überlebt. Dich überleben wird Dein beeindruckendes Wirken für Frieden und Versöhnung. Wir wünschen Dir im neuen Lebensjahr alles erdenklich Gute und vor allem Gesundheit.“