495 Marathons in Folge  Extrem-Heldin freut sich bei -17 Grad auf Sommer in Leer

| | 19.01.2026 12:24 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In tief verschneiten Wäldern gab es kürzlich kaum ein Vorankommen. Screenshot: Lilienthal
In tief verschneiten Wäldern gab es kürzlich kaum ein Vorankommen. Screenshot: Lilienthal
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Joyce Hübner läuft und läuft. Täglich absolviert sie einen Marathon. Schnee und Eis im Süden haben ihr zuletzt schwer zu schaffen gemacht.

Bayreuth - Ein Marathonlauf ist für Joyce Hübner wie Schlafen, Essen oder Zähneputzen. Er gehört einfach zum Leben dazu. Immer nach dem Frühstück schnürt sich die 37-Jährige die Schuhe – seit dem 1. Juni 2025 hat sie noch keinen Tag Pause eingelegt und mittlerweile rund 10.000 Kilometer in 233 Etappen zurückgelegt. Bis Mitte Oktober will sie an 495 Tagen 495-mal die Königsdisziplin des Ausdauersports gemeistert und dabei alle 2059 Städte Deutschlands durchquert haben. Im Juni 2026 erreicht die Berlinerin Ostfriesland und sehnt sich derzeit mehr denn je nach sommerlichen Bedingungen in Leer, Emden oder Aurich. Denn aktuell machen ihr die Unbilden des Winters zu schaffen. Kürzlich kämpfte sie mit Temperaturen bis zu minus 17 Grad und manchmal fast meterhohen Schneewehen.

Alles weiß – selbst die Häuser. So sah es kürzlich für Joyce Hübner in Franken aus. Screenshot: Lilienthal
Alles weiß – selbst die Häuser. So sah es kürzlich für Joyce Hübner in Franken aus. Screenshot: Lilienthal

„Überall in Deutschland wird die Schule abgesagt und ich trotte durch die Weltgeschichte“, zeigte sie sich in einem Video sarkastisch. Im Süden Thüringens und in Franken kämpfte sie sich durch Schnee und Eis. Die Extremsportlerin macht die schwerste Phase ihres XXL-Abenteuers durch. „Die Kälte zehrt an den Kräften“, sagt ihr Lebensgefährte Sven Dünnwald. „Durch den hohen Schnee zu stapfen, ist einfach kein Spaß mehr.“

40 Grad Hitze ist kein Problem

Im Sommer erhielt Joyce Hübner bundesweite Medienanfragen, weil sie selbst an 40-Grad-Tagen ihr Programm abspulte. „Das ist alles kein Problem“, antwortete sie den oft verständnislosen Gesprächspartnern. „Der Körper gewöhnt sich an die Hitze.“ Bis zu 44 Grad hatte der Sensor am Schuh gemessen. Vor ein paar Tagen leuchtete der Frostrekord in Oberfranken (nahe Bayreuth) auf: minus 17 Grad. Das sind 61 Grad weniger als im Juli.

Solange kein Schnee auf den Straßen liegt, hat Joyce Hübner (Zweite von rechts) Freude an ihrem ehrgeizigen Projekt und joggt meistens mit ein paar Begleitern kreuz und quer durch Deutschland. Foto: Kolb
Solange kein Schnee auf den Straßen liegt, hat Joyce Hübner (Zweite von rechts) Freude an ihrem ehrgeizigen Projekt und joggt meistens mit ein paar Begleitern kreuz und quer durch Deutschland. Foto: Kolb

An Extremkälte gewöhnt sich der Körper aber keinesfalls. „Deshalb läuft Joyce auch durch zwei Sommer und nur durch einen Winter“, sagt Dünnwald. Normalerweise stoppt er alle sieben Kilometer sein Begleitfahrzeug und hält für die Freundin mit dem eisernen Willen Getränke und energiereiche Kost bereit. An den heftigen Frosttagen versorgte er sie aber alle zwei oder drei Kilometer mit warmem Tee. „Der Winter raubt Energie.“

Fiese Etappe Nummer 226

Aufgeben oder die ehrgeizigen Pläne ein wenig runterzuschrauben, ist für die Sportlerin, die alle Grenzen sprengt, keine Option. Als vor einer Woche bei Etappe Nummer 226 die Autos bei Eisregen nicht mehr vorwärts kamen und Fußgänger oder Fahrradfahrer die Straßen im Fichtelgebirge mieden, verdiente sich Hübner symbolisch die wohl größte Tapferkeitsmedaille ihres epischen Programms. Weil tief verschneite Waldwege teilweise nicht mehr passierbar waren, musste sie gar die Strecke ändern. Regen und Frost in Kombination ließen Käppi genauso starr gefrieren wie ihre Warnweste. Nach siebeneinhalb Stunden (Pausen eingerechnet) hatte sie den schlimmsten Marathon ihres Lebens gemeistert.

Erschwerend kam hinzu, dass sie an Montagen auf Begleitung von Hobbyläufern aus der Region verzichtet. „Joyce braucht auch mal Ruhe“, sagt ihr Freund und Helfer. Bei den fordernden Wetter-Kapriolen dieses Tages wären aufmunternde Worte von Mitläufern aber sicherlich hilfreich gewesen.

Weihnachten in der Oberpfalz

Ein paar Tage zuvor hatte die diplomierte Betriebswirtin ihren Marathon durch Schneemassen noch mit Humor genommen, wie Videos auf Tiktok erkennen lassen. „Eigentlich müsste man heulen, aber man kann nur lachen“, sagte sie oder an ihre Begleiter gerichtet: „Kein Mensch geht bei diesem Wetter auf die Straße – nur wir.“ Das folgende Tauwetter machte die Strapazen erträglicher. „Nun kann Joyce normal laufen“, sagte ihr Freund. Auch bis Weihnachten lief alles rund. Heiligabend erreichte das Pärchen das Örtchen Tanzfleck (Oberpfalz) und verbrachte den Abend besinnlich mit Dünnwalds Sohn und dessen Freundin. Silvester kreiselte Joyce Hübner dann durch Kleinstädte im Süden Thüringens, ehe der minutiös ausgeklügelte Etappenplan wieder nach Bayern führte und der Winter Vollgas gab.

Nun kreiselt sie im „Drei-Länder-Eck“ von Thüringen, Bayern und Hessen herum. Am Montag lautet das Ziel Metzels (Thüringen), am Dienstag geht es nach Heustreu (Bayern). Die Tiefschnee-Zeit ist erstmal gemeistert, aber neuerliche Kälte kündigt sich an. „Wir haben uns noch nie so auf den Frühling gefreut wie in diesem Jahr“, sagt Dünnwald. Er erledigt vor und nach dem Marathon die Einkäufe, organisiert die Quartiere und sorgt für die Mahlzeiten. Doch der „Praktikant“ wie ihn seine Laufchefin nennt, weiß dass die ersehnten milden Temperaturen vermutlich noch mehr als 1000 Kilometer entfernt sind.

Darum freut sich die Extrem-Heldin auf den Juni und Ostfriesland. Dann ist der Winter nämlich Geschichte und die Extrem-Heldin quasi auf der Schlussgeraden. „Nur noch“ 125 Etappen trennen sie in Ostfriesland vom Ziel und von den Geschichtsbüchern. Und was sind schon 125 Marathons im Sommer und Frühherbst, wenn man bereits 370 solcher Mega-Leistungen selbst im tiefsten Winter bei minus 17 Grad vollbracht hat.

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