So feierten Uroma und Uropa Wie der Weihnachtsbaum nach Borkum kam
In früheren Zeiten wurde Weihnachten auf Borkum nicht groß gefeiert. Und es gab auch keinen Weihnachtsbaum. Das änderte sich mit einem Leuchtturmwärter von Norderney und dessen Frau.
Borkum - Weihnachten ohne Tannenbaum und Bescherung? Für die meisten Borkumerinnen und Borkumer heute wohl undenkbar. Undenkbar, aber nicht unrealistisch. Zumindest, wenn man die Zeit bis ins 19. Jahrhundert zurückdreht. „Der Tag nach Klaasohm war der Tag, wo es die Geschenke gab. Das hat mein Großvater noch erzählt“, bestätigt Insel-Historiker Jan Schneeberg, Jahrgang 1944, im Gespräch mit dieser Redaktion.
Das deckt sich mit Informationen aus Wolf E. Schneiders großer „Biografie der Insel Borkum“ (2. Auflage 2023). Dort steht auf Seite 384: „Aus Erzählungen älterer Borkumer Einwohner wissen wir, dass es auf der Insel keine großen Feierlichkeiten zum Weihnachtsfest gab.“ Zu den Unternehmungen an den Feiertagen zählten vielmehr der Kirchgang und der Verwandtenbesuch, „um bi ein Koppke Tee mitnander tau prootjen“. Die Bescherung an Heiligabend gehörte offensichtlich (noch) nicht dazu.
Ostfriesen „Spätentwickler“ in Sachen Tannenbaum
Die Bescherung fand knapp drei Wochen vorher statt. „Wie die Groß- und Urgroßeltern berichteten, gab es zum Nikolaustag – auf Borkum am frühen Morgen nach dem Klaasohmfest am 5. Dezember – für die Kleinen, neben dem Stutenkerl „un Sünnerklaasgaud“, auch ein paar ,wärmende‘ Kleinigkeiten, wie selbst gestrickte Strümpfe oder andere brauchbare Kleidungsstücke“, heißt es in Schneiders Insel-Biografie. Das Weihnachtsfest habe erst im 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Und damit ebenso der Weihnachtsbaum. Auch hierzu liefert „Die große Biografie der Insel Borkum“ weiteren Aufschluss. Demnach tauchten die ersten aufgestellten Weihnachtsbäume in Ostfriesland im 19. Jahrhundert – in den 1840er Jahren in und um Leer – auf, ehe sich der Brauch weiter ausbreitete. Dass die Ostfriesen diesbezüglich „Spätentwickler“ waren, liegt laut Autor Schneider „zuallererst daran, dass Weihnachten lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle spielte“. Wie auf Borkum sei vielerorts – nach niederländischem Vorbild – am 6. Dezember Sinterklaas beziehungsweise der Heilige St. Nikolaus, nebenbei als Schutzpatron der Seefahrer verehrt, gefeiert worden.
Kein Schmuck sollte vom Wort Gottes ablenken
Und wie kam nun der Weihnachtsbaum auf die Insel? Im Gespräch mit Jan Schneeberg fällt zum ersten Mal der Name Reiner Hedden (1845-1931), seines Zeichens Leuchtturmwärter mit Norderneyer Vergangenheit, der nach Borkum versetzt wurde. Er und seine Frau Gretje (1845-1928, geb. Schmidt) seien lutherischen Glaubens gewesen und hätten den Brauch, zu Weihnachten einen Tannenbaum aufzubauen, um die Jahrhundertwende mitgebracht. „Das ist bei Kindern und Nachbarn sehr gut angenommen worden und hat sich dadurch eingebürgert“, erklärt Schneeberg. Vorher sei das nicht üblich gewesen und habe dann immer mehr Nachahmer gefunden. In der Insel-Biografie heißt es ergänzend: „Im Gegensatz zu den Borkumern, die alle der evangelisch-reformierten Kirche angehörten, war die Familie Hedden lutherisch. Und die Ehefrau kannte den Weihnachtsbaum und wollte auch nicht auf den Lichterglanz verzichten. Dass die Nachbarkinder staunend davorstanden, ist verständlich und man kann nur vermuten, dass sie ihre Eltern bestürmten, auch einen Baum zu kaufen.“
Aber war das so einfach? Offenbar nicht, wie eine Recherche im Archiv des Heimatvereins Borkum zeigt. In den Unterlagen findet sich ein Text, der sich explizit mit dem Thema Weihnachten früher auf der Insel befasst. Vor 1900, ist dort zu lesen, habe es keine Weihnachtsbäume auf Borkum gegeben. Auch hier taucht die Religion als Grund auf. Die Bevölkerung sei nach Calvin evangelisch reformiert gewesen und bei Gottesdiensten und Hausarbeiten sollte kein Schmuck vom Wort Gottes ablenken. Erst um 1905 sei mit dem Leuchtturmwärter Hedden der Weihnachtsbaum nach Borkum gekommen.
Alternative: Baum in den Dünen „besorgt“
Nur statt wie heute zum Supermarkt um die Ecke zu gehen und sich einen Tannenbaum bequem einnetzen zu lassen, musste er seinerzeit beim Fährmann bestellt, per mehrstündiger Schifffahrt vom Festland auf die Insel transportiert und anschließend mit dem Pferdewagen in den Ort gebracht werden – was längst nicht jeder bezahlen konnte. Also wurden auch günstigere Alternativen gesucht, etwa ein Weihnachtsbaum aus einem Besenstil, in den Vater oder Opa Löcher bohrte und der mit Zweigen versehen wurde. Andere Familien, so die Überlieferung, „besorgten“ sich einen Tannenbaum gelegentlich aus den Dünen. „Später kaufte man ihn bei den Händlern Schwarzenburg im Barbaraweg oder Akkermann in der Kirchstraße“, ist dem Text aus dem Archiv zu entnehmen. Dabei stand längst nicht in jeder Wohnung ein Baum, sondern oft nur im Haus der Großeltern, wo sich die ganze Familie zum Feiern versammelte.
Und wie wurde der Weihnachtsbaum in jener Zeit geschmückt? Natürlich nicht mit einer LED-Lichterkette aus dem Baumarkt, vielmehr kamen Glaskugeln, Engelshaar aus Glasfasern und Wachskerzen zum Einsatz. Nicht zu vergessen die gläserne Baumspitze. Ferner verwendet wurden unter anderem selbstgebastelte Papiersterne oder handgeschnitzte Holzfiguren. „Auch blank polierte Äpfel und mit Silberbronze bemalte Walnüsse wurden an den Tannenbaum gehängt“, verrät die Quelle im Heimatverein-Archiv.
Bad in der Zinkwanne am Heiligen Abend
Dort finden sich auch Informationen zu Essensgewohnheiten und Vorbereitungsritualen aus Urgroßelterns Zeiten. Demnach wurde in den meisten Familien an Heiligabend nichts Besonderes gegessen. Dafür gab es an den anderen Weihnachtstagen – sofern man es sich leisten konnte – ein Festessen. „Es bestand aus einer Vorsuppe, einem Hauptgang mit Fleisch (meist aus der eigenen Hausschlachtung; Anm. d Red.), Kartoffeln und Gemüse und einem Pudding oder Kompott als Nachtisch“. Am Morgen des Heiligen Abends stand in der Küche das Bad in der Zinkwanne an – zuerst die Kinder, dann die Mutter, zuletzt der Vater – alle im selben Wasser. Anschließend schlüpfte man sauber in Unterwäsche und Wollstrümpfe.
Vor der Bescherung, so beschreibt es die Textquelle, wurden Weihnachtslieder gesungen „und die Kinder mussten ein Gedicht aufsagen, vorher und hinterher machten sie einen Diener oder Knicks“. Der Nachwuchs bekam zunächst eher bescheidene Geschenke wie Handschuhe, einen Schal oder eine Mütze, später Spielzeug, oft selbst hergestellt, wie Puppenstuben oder neu genähte Puppenkleider. Aber auch mal eine Taschenlampe, mit der man Morsezeichen geben konnte.
Erinnerungsfoto mit „Fräulein Hedden“
Reiner Hedden, von Beruf Hufschmied und Kriegsverwundeter von 1870/71, später Leuchtturmwärter auf Norderney und dann auf Borkum, und seine Frau Gretje haben sich übrigens nicht nur um den Weihnachtsbaum verdient gemacht. Die vierfachen Eltern waren zudem maßgeblich an der Gründung der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde auf Borkum 1903 beteiligt. Ein Erinnerungsfoto mit den Mitgliedern des geschäftsführenden Ausschusses zeigt „Fräulein Hedden“ als einzige Frau.