Fußballstreit  VAR-Chaos – Ostfriesen sind auf Schweden-Kurs

| | 11.11.2025 13:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein typisches Bild: Während die Fans warten, schaut sich der Schiedsrichter strittige Szenen am Monitor an. Fotos: Imago
Ein typisches Bild: Während die Fans warten, schaut sich der Schiedsrichter strittige Szenen am Monitor an. Fotos: Imago
Artikel teilen:

Der Einsatz des Videoassistenten in der Bundesliga stößt in Ostfriesland auf breite Ablehnung. Die beste Schiedsrichterin der Region sieht das allerdings anders.

Ostfriesland - Wenn in der schwedischen Eliteliga der Ball im Netz liegt, dann dürfen die Fußballfans so ausgelassen jubeln wie sonst nirgendwo in Europas Spitzenligen. Denn Tor ist dort Tor. Auf Druck von Fans und Vereinen haben sich die Skandinavier dem Einsatz des Video-Assistenten verschlossen. Tor- und Elfmeterszenen werden nicht geprüft, Fehlentscheidungen der Schiedsrichter hingenommen und die Geduld der Fans nicht bei minutenlangen Überprüfungen strapaziert. Wenn man nach dem Millimeter-Abseitstor am Samstag von Union Berlin gegen den FC Bayern und weiteren umstrittenen VAR-Einsätzen in jüngster Zeit ein Meinungsbild an der Küste erstellt, dann sehnen sich die Ostfriesen offenbar nach schwedischen Verhältnissen. Die Befürworter des 2017 in Deutschland eingeführten VAR (Video Assistant Referee) sind deutlich in der Minderheit.

Auch in Österreich protestierten kürzlich Fans gegen den VAR.
Auch in Österreich protestierten kürzlich Fans gegen den VAR.

Als erklärter Gegner bezeichnet sich auch Trainer Rainer Sinnigen von Bezirksligist TuRa 07 Westrhauderfehn. „Ich habe bei Champions-League-Spielen schon umgeschaltet, weil es nach Videoüberprüfungen fragwürdige Handelfmeter gab. Das nervt mich total.“ Sinnigen war früher selber Schiedsrichter und nimmt lieber mal eine Fehlentscheidung hin statt den Fans die Emotionen zu rauben. Er lehnte von Beginn an den Technik-Einsatz ab. „Dann habe ich mir damals ein Bayern-Spiel auf Schalke angeguckt und wurde prompt bestätigt.“ Es gab einen Handelfmeter für München, den kein Mensch im Stadion nachvollziehen konnte.

Rainer Sinnigen
Rainer Sinnigen

„Da habe ich das Handy gezückt und einen Freund, der vor dem Fernseher saß, nach dem Elfmeter-Grund.“ Mittlerweile gibt es zwar die Schiedsrichter-Erklärungen per Mikro. „Ich bin trotzdem ein VAR-Gegner und könnte mich höchstens damit anfreunden, dass jeder Trainer pro Halbzeit, eine Szene überprüfen lassen darf – aber mehr auch nicht.“

Kai Schoolmann: „Weg damit“

Auch Fußball-Weltenbummler Kai Schoolmann mag sich mit dem Videoassistenten nicht anfreunden. „Das ist ein Stimmungskiller“, sagt der Mann, der unzählige Welt- oder Europameisterschaften bereiste und fast an jedem Wochenende irgendwo im Stadion sitzt. „Da springt man erst auf und jubelt - und am Ende zählt das Tor doch nicht. Oder man muss drei Minuten bangen und feiert dann auch nicht mehr spontan.“ Außerdem habe durch den VAR die Zahl umstrittener Handelfmeter zugenommen. „Es gibt Vereine, die trainieren sogar, auf Arme zu schießen.“ Sein Fazit: „Weg damit.“

Auch der Basketball-Trainer (Fortuna Logabirum) und Fußballfan Alexander Meiborg ist Stammgast in Stadien und VAR-Gegner. „Den braucht kein Mensch. Die Emotionen gehen verloren.“ In den vergangenen zehn Tagen saß er in Tottenham, Manchester, Belgrad und Hamburg in der Arena. „In vier Spielen gab es nur einen VAR-Einsatz. Das war mal schöner Fußball.“ Die Millimeter-Entscheidungen nerven ihn am meisten. „Wer sagt mir, dass das Bild in der korrekten Millisekunde angehalten wurde.“ Die Torlinientechnik begrüßt er. Mit einer Trainer-Challenge pro Halbzeit könnte er auch noch leben. „Alles andere schadet dem Fußball.“

Jonas Petersen: „Muss schneller gehen“

Differenzierter beurteilt Trainer Jonas Petersen vom Bezirksliga-Spitzenreiter TuS Pewsum den Einsatz moderner Technik. „Das Hilfsmittel macht es fairer. Aber momentan ist der VAR-Einsatz nicht zufriedenstellend. Es muss schneller gehen. Man kann nicht immer Minuten warten.“ Auch fragwürdige Millimeter-Entscheidungen wie am Samstag in Berlin findet er unglücklich. „Da sollte es einen größeren Toleranz-Bereich geben.“ Petersen ist aber kein genereller VAR-Gegner. „Ein bisschen schadet es den Emotionen, aber ich habe lieber eine faire Konstellation.“

Uwe Groothuis
Uwe Groothuis

Für Routinier Uwe Groothuis, der als Legende des BSV Kickers Emden gilt, überwiegen klar die Nachteile. „Der Fußball lebt von Emotionen. Und die gehen durch den Videoassistenten verloren“, sagt er. „Lass den Schiedsrichter doch mal einen Fehler machen. Dis Diskussionen sind durch den VAR auch nicht weniger geworden.“

Fußball-Schiedsrichterin Anke Hölscher (Westerende), die bei den Männern bis zur Oberliga und bei Frauen bis zur 2. Liga Spiele leitet, vertritt eine total andere Meinung: „Der VAR macht den Fußball fairer. Ich würde mir sogar wünschen, dass er auch in den Frauen-Ligen eingeführt wird.“ Ein Aspekt gefällt aber auch ihr nicht. „Aus Fan-Sicht ist es unschön, wenn eine Überprüfung fünf Minuten dauert. Das müsste schneller gehen.“

Anke Hölscher
Anke Hölscher

Es gibt aber auch in der Schiedsrichter-Szene nicht nur VAR-Freunde. Der Bezirksliga-Spielleiter und Lehrwart Waldemar Schwab outet sich als Gegner. „Ehrlich gesagt, hat mir diese Einführung von Anfang an nicht gefallen. Es gehen dadurch Emotionen und auch ein bisschen Spaß am Fußball verloren.“ Und abgesehen von Abseitsentscheidungen bietet laut Schwab auch der VAR keine Verlässlichkeit. „Fast bei jedem Handelfmeter gibt es unterschiedliche Ansichten – ich hätte mir gewünscht, der Videoassistent wäre nie eingeführt worden.“

Ähnliche Artikel