Keine Einigung  Synagogen-Grundstück in Leer bleibt Schandfleck

| | 05.11.2025 10:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Wo bis zur Pogromnacht eine Synagoge stand, steht heute ein Werkstattgebäude leer. Foto: Klaus Ortgies
Wo bis zur Pogromnacht eine Synagoge stand, steht heute ein Werkstattgebäude leer. Foto: Klaus Ortgies
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Es ist ein Herzenswunsch des Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg: Das Synagogen-Grundstück in Leer soll angemessen gestaltet werden. Doch der Eigentümer stellt sich quer.

Leer - Die Tankstelle am Leeraner Bummert wird schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr betrieben. Bauzäune versperren den Weg auf das heruntergekommene Grundstück. Auch die ehemalige Autowerkstatt steht leer. An ihrer aus rotem Klinker bestehenden Hauswand deutet nur ein grauer Stein darauf hin, dass an dieser Stelle ein bedeutendes Leeraner Gebäude stand, die Synagoge. In der Pogromnacht steckten die Nationalsozialisten das jüdische Gotteshaus am 9. November 1938 in Brand. Bis auf den Gedenkstein an dem ungenutzten Gebäude erinnert auf diesem Grundstück, das der Firma Wittrock aus dem emsländischen Rhede gehört, nichts mehr an die Synagoge. Das sollte sich eigentlich schon längst geändert haben.

Ein grauer Gedenkstein weist an der Heisfelder Straße darauf hin, dass an dieser Stelle die Synagoge stand. Foto: Klaus Ortgies
Ein grauer Gedenkstein weist an der Heisfelder Straße darauf hin, dass an dieser Stelle die Synagoge stand. Foto: Klaus Ortgies

„Als Albrecht Weinberg 98 Jahre alt war, hat man ihm gesagt, dass es noch zwei Jahre dauert, bis die Pläne für die Umgestaltung des Grundstücks umgesetzt werden können“, sagt Gerda Dänekas, Weinbergs enge Freundin und Mitbewohnerin. „Damals haben wir gesagt, dass Albrecht dann 100 Jahre alt werden muss. Jetzt ist er 100 und es ist immer noch nichts passiert.“ Weinberg selbst zeigt sich im Gespräch mit der Redaktion sehr enttäuscht darüber, dass es noch keine Einigung mit Wittrock gibt. „Das ist ein Schandfleck in der Stadt, ein Schutthaufen“, ärgert sich der 100-Jährige. Vor zwölf Jahren habe er bereits einen Brief an den Seniorchef geschrieben. „Ich habe nie eine Antwort bekommen“, sagt Weinberg.

Der Holocaust-Überlebende und Ehrenbürger der Stadt Leer, Albrecht Weinberg, hält ein Bild der ehemaligen Synagoge in Leer in der Hand. Foto: Jonas Bothe
Der Holocaust-Überlebende und Ehrenbürger der Stadt Leer, Albrecht Weinberg, hält ein Bild der ehemaligen Synagoge in Leer in der Hand. Foto: Jonas Bothe

Gespräche standen kurz vor der Ziellinie

Seit mehreren Jahren versucht die Stadt Leer einen Weg zu finden, um dort einen „angemessenen Ort des Gedenkens möglich zu machen“, betont Bürgermeister Claus-Peter Horst auf Anfrage. Damit würde die Stadt auch ein Herzensanliegen ihres Ehrenbürgers, dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, erfüllen. Es habe unter seiner Federführung zahlreiche Gespräche und Verhandlungen mit dem Eigentümer des Grundstücks gegeben, betont Horst. „Teilweise standen diese kurz vor der Ziellinie, wurden aber letztlich seitens des Unternehmers abgelehnt oder regelmäßig mit zusätzlichen Nachforderungen beantwortet.“

Die Tankstelle wurde vor mehr als 20 Jahren geschlossen. Foto: Klaus Ortgies
Die Tankstelle wurde vor mehr als 20 Jahren geschlossen. Foto: Klaus Ortgies

Seit den 1960er Jahren existieren auf der Fläche der ehemaligen Synagoge eine Tankstelle und eine Werkstatt. Das Synagogen-Grundstück ist laut der Stadt vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege als Baudenkmal ausgewiesen worden. Im Erdreich befinden sich zumindest noch Teile des Kellers des ehemaligen Gotteshauses.

Als einer der letzten in der Synagoge Bar Mizwa gefeiert

Albrecht Weinberg gehört zum letzten Jahrgang, der im Frühjahr 1938 mit 13 Jahren in der Synagoge in Leer noch seine Bar Mizwa feiern durfte. Die jüdische Feier symbolisiert den Übergang vom Kind zum religiös mündigen Erwachsenen. Mit etwa elf Jahren musste Weinberg mit seiner Familie aus Rhauderfehn nach Leer ziehen. „Wir haben in der Bremer Straße bei Familie Polak gewohnt – in sehr einfachen Verhältnissen “, erinnert sich der 100-Jährige. „Es war sehr primitiv dort.“ Als Kind sei er gemeinsam mit seiner Familie zum Gottesdienst in die Synagoge gegangen.

Die Schilder auf dem Tankstellengelände zeugen davon, dass sich hier seit 20 Jahren nichts getan hat. Foto: Klaus Ortgies
Die Schilder auf dem Tankstellengelände zeugen davon, dass sich hier seit 20 Jahren nichts getan hat. Foto: Klaus Ortgies

Den Brand des Gotteshauses habe er nicht direkt gesehen. „Wir wohnten ja am anderen Ende der Stadt“, sagt Weinberg. Er sei in dieser Nacht zusammen mit anderen jüdischen Mitbürgern von den Nazis zum Viehhof getrieben und dort eingesperrt worden. Weinbergs großer Wunsch ist es, dass man auf dem Synagogen-Grundstück sieht, dass dort einmal ein Gotteshaus stand. Als positives Beispiel nennt er die Stadt Weener. „Dort ist ein wunderbarer Platz entstanden.“ So etwas Ähnliches würde er sich auch für Leer wünschen. „Es wäre schön, wenn ich das noch erleben dürfte.“

Weinberg hatte auf Geschenke verzichtet

Bei der Feier zum 100. Geburtstag von Albrecht Weinberg hatte Horst noch gesagt: „Ich hätte dir so gerne heute gesagt, dass die Stadt das Grundstück gekauft hat, aber leider hat es noch nicht geklappt.“ Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig. „Es macht mich traurig, dass seitens des Grundstückseigentümers die wirtschaftlichen Interessen über das verständliche Interesse der Stadt Leer am Erwerb des Grundstücks gestellt werden.“ Er werde aber nicht aufgeben, betonte der Bürgermeister. „Vor zwei Tagen habe ich vom Eigentümer schon die hoffnungsvolle Aussage gehört, ,dass wir uns einigen werden‘.“ Weinberg selbst hatte beim Geburtstag auf Geschenke verzichtet und um Spenden für die Umgestaltung des Grundstücks gebeten. „Es ist viel Geld zusammengekommen“, sagt Gerda Dänekas. Außerdem hätten sich schon weitere Unternehmen gemeldet, die sich beteiligen würden.

Pogrom-Gedenken

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch in Leer die damalige imposante Synagoge an der Heisfelder Straße von Leeraner Bürgern in Brand gesetzt, die jüdische Bevölkerung unter brutaler Gewalt aus ihren Häusern geholt und durch die Stadt zum Viehhof auf die Nesse getrieben, wo sie, eingesperrt wie Vieh, die Nacht im Stall verbringen mussten. Dieser furchtbaren Ereignisse und der Opfer des Holocaust gedenkt die Stadt Leer gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Leer und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland am Sonntag, 9. November 2025, ab 17 Uhr mit einem Gottesdienst in der Baptistenkirche Leer, Ubbo-Emmius-Straße 2, und anschließend gegen 18 Uhr auf dem Synagogengedenkplatz am Bummert mit einer Kranzniederlegung und Verlesung der Namen der jüdischen Leeraner Opfer.

Doch jetzt – ein gutes halbes Jahr später – ist der Optimismus des Bürgermeisters verflogen. Es habe verschiedene, gemeinsam entwickelte Kompromissvorschläge gegeben, um dem Unternehmer zu ermöglichen, im direkten Umfeld der Synagogenfläche ein größeres Bauprojekt nach seinen Vorstellungen realisieren zu können. Voraussetzung sei gewesen, dass die als Denkmal festgestellte Fläche frei bleibe. Man sei dem Unternehmer sogar stark entgegengekommen, was Vorgaben angeht, betont Stadtbaurat Jens Lüning. „Diese Versuche scheiterten letztlich aber genauso, wie der Vorstoß, dem Unternehmer nach einem politischen Beschluss das für ihn nicht nutzbare Synagogen-Grundstück zu einem marktüblichen Preis abzukaufen“, zeigt sich Horst verärgert. Der Unternehmer Helmut Wittrock hat auf eine Anfrage der Redaktion nicht reagiert.

Bebauungsplan macht Gebäude auf Grundstück schwierig

Unterdessen hat die Leeraner Politik die Aufstellung eines Bebauungsplanes beschlossen, der das ehemalige Synagogengrundstück, aber auch die übrige Fläche des Tankstellengeländes betrifft. In der Vorlage heißt es: „Nachdem nunmehr keine dem Standort gerechte städtebauliche Lösung vorgelegt werden konnte, soll zum Schutz und Absicherung der sensiblen historischen Gedenkstätte sowie für eine standortgerechte städtebauliche Entwicklung und Sicherung des städtebaulichen Kontextes nunmehr die Aufstellung des Bebauungsplanes erfolgen.“ Dadurch könnte es neben der Sicherung des Synagogengrundstücks für die Firma Wittrock im Bereich der ehemaligen Tankstelle schwierig werden, ein Gebäude zu errichten.

Bürgermeister Claus-Peter Horst hatte kürzlich Albrecht Weinberg zu Hause besucht. Foto: Stadt Leer
Bürgermeister Claus-Peter Horst hatte kürzlich Albrecht Weinberg zu Hause besucht. Foto: Stadt Leer

Vor wenigen Tagen hatte Albrecht Weinberg den Bürgermeister persönlich eingeladen, um sich über den Stand der Dinge bezüglich des Synagogen-Grundstücks zu informieren. Horst habe ihn besucht und vom wiederholten Scheitern der Gespräch berichtet. Weinberg habe mit großer Enttäuschung darauf reagiert. Das wurde auch beim Besuch der Redaktion deutlich. Horst betont zwar, dass Albrecht Weinberg nicht aufgeben wolle, was die Erfüllung seines wohl letzten großen Wunsches betrifft. Der Redaktion sagt der 100-Jährige jedoch: „Ich habe nicht mehr viel Hoffnung, dass ich es noch erleben werde.“ Er selbst würde sich auch persönlich mit Wittrock treffen, um über seinen letzten großen Wunsch zu sprechen. „Im Zweifel komme ich auch zu seiner Firma im Emsland.“

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