Regen-Lotterie Janssen erlebt WM-Drama beim „Diskusrutschen“ in Tokio
Das Diskuswerfen begann wegen des Regens erst, als die gesamte WM längst hätte beendet sein sollen. Viele rutschten durch den Ring – auch Henrik Janssen. Ein Mann aus Samoa schaffte eine Sensation.
Tokio/Norden - Das Diskuswerfen bei der Weltmeisterschaft in Tokio mit dem Ostfriesen Henrik Janssen geriet zu einem der skurrilsten Wettbewerbe der Leichtathletik-Geschichte. Er begann aufgrund eines Wolkenbruchs erst, als die gesamte WM längst hätte beendet sein sollen. Der Regen hatte den Ring in eine Rutschbahn verwandelt, so dass der erste Start-Versuch nach dem zweiten Werfer, der sogleich zu Boden ging, für mehr als zwei Stunden unterbrochen werden musste. Auch beim zweiten Versuch waren die Stand-Bedingungen nur unwesentlich besser. Henrik Janssen hatte als 2,04-Meter-Hüne im Feld wie von Experten befürchtet die größten Schwierigkeiten beim „Diskusrutschen“. Er konnte seine mehr als 120 Kilo nicht im Ring halten und schied mit drei ungültigen Versuchen vorzeitig aus.
Das war natürlich ein Tiefschlag für den Norder. In der Nacht zu Samstag hatte er in der Qualifikation eine überragende Leistung gezeigt und nach 66,47 Metern mit Rang fünf sogar Hoffnungen auf eine Spitzenplatzierung geweckt. Teamkollege Steven Richter hatte den Endkampf verfehlt, während Mika Sosna als dritter Deutscher mit Rang zwölf den letzten Platz im Finale ergatterte.
Die Goldmedaille bei den Regenspielen am Sonntag gewann letztlich der Schwede Daniel Stahl, der im letzten Versuch ohne Regen überragende 70,47 Meter warf. Er verdrängte noch Weltrekordler Mykolas Alekna (Litauen, 67,84) auf Rang zwei. Die Sensation des Tages aber war Alex Rose vom Inselstaat Samoa (Pazifik), der mit 66,96 Metern auf Rang drei seinem Land die erste Medaille der Leichtathletik-Geschichte bescherte.
Start mit großer Verspätung
Der Endkampf hätte eigentlich um 13.10 Uhr deutscher Zeit beginnen sollen. Als die Athleten zwei Stunden später beim zweiten Startversuch ihre Probewürfen absolvierten, schlitterte Janssen bereits durch den Ring. „Es ist einer WM nicht würdig“, unkte da Bundestrainer Markus Münch bereits. „Es gewinnt nicht der Beste, sondern wer am besten mit den Bedingungen zurechtkommt.“
Aufgrund des Glätte wechselte Janssen gar von den Wettkampfschuhen zu Laufschuhen. Sein Teamkollege Mika Sosna (11. mit 58,60 Metern) probierte es stattdessen mit Socken als Anti-Rutschmittel über dem Schuh. Jeder Athlet hatte so seine Methode mit den Widrigkeiten umzugehen.
Nach einem ungültigen Versuch von Janssen ließ der Regen etwas nach. Viele andere Athleten nutzten die Halbtrockenphase zu halbwegs passablen Würfen. Auch bei Henrik Janssen flog die Scheibe beim zweiten Durchgang über die 60-Meter-Marke. Aber mit Joggingschuhen hielt er sein Gewicht nicht im Ring und trat minimal über.
Janssen schlitterte nur
Danach wurde es trockener, die Konkurrenz warf sich so langsam ein. Janssen zog wieder die Wettkampfschuhe an. Und was passierte, als der 27-Jährige zum dritten Mal in den Ring trat? Es fing wieder heftig an zu regnen. Mit einem Handtuch versuchte er noch verzweifelt für ein paar trockene Quadratzentimeter im Ring zu sorgen. Aber der Hüne von der Nordseeküste war chancenlos, schlitterte bei der Drehung durch den Ring und hatte Glück, dass er bei seiner Pirouette nicht zu Fall kam. So ereilte ihn trotz bester Form mit dem vielleicht größten Regenpech aller Athleten dasselbe Schicksal wie vor einem Jahr bei Olympia in Paris.
Da hatte er allerdings schon bei der Qualifikation drei Fehlversuche gehabt. In Tokio zeigte er beim ersten Auftritt, dass er zur erweiterten Weltspitze gehört. Doch das wird für Henrik Janssen nach dem Regendrama im Finale kein Trost gewesen sein.