Überraschung im Rat Hermann Gansel als Borkums Ratsvorsitzender abberufen
Im Borkumer Rat ist Hermann Gansel nach einem Antrag der BfL als Ratsvorsitzender abberufen worden. Kurz darauf wurde gleich sein Nachfolger gewählt.
Borkum - Paukenschlag im Borkumer Stadtrat: Der Vorsitzende Hermann Gansel (Bündnis 90/Die Grünen) ist in der Sitzung am Donnerstagabend mit neun Ja-Stimmen aus Reihen von Borkums freier Liste (BfL) und der SPD – bei sechs Enthaltungen – abberufen worden. Beantragt hatte dies Peter de Buhr von der BfL-Fraktion, mit Verweis auf Paragraf 61, Absatz 2 des Niedersächsischen Kommunalverfassungsgesetzes (NKomVG). Dort heißt es: „Die oder der Vorsitzende kann durch Beschluss der Mehrheit der Mitglieder der Vertretung abberufen werden.“
Zuvor hatte Hermann Gansel in einer persönlichen Kenntnisgabe noch einmal bestätigt, dass Bündnis 90/Die Grünen am 8. September 2025 aus der Gruppe CDU/Grüne ausgetreten ist. „Die CDU und die Grünen werden mit sofortiger Wirkung in Form einer Fraktion beziehungsweise Gruppe ihre Arbeit im Rat, Aufsichtsrat und Ausschüssen eigenständig und unabhängig weiterführen“, so Gansel. Vor diesem Hintergrund beantragte die BfL im Rat überdies die Neuwahl der Ausschüsse, um die Sitze neu zu verteilen
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Zwei Kandidaten stellten sich zur Wahl
Ein Antrag auf Abberufung sei ein Akt der Selbstorganisation des Rates, der jederzeit stattfinden könne und keiner Vorbehandlung im Verwaltungsausschuss bedürfe, ordnete Frank Pahl, Leiter der städtischen Haupt- und Personalabteilung, das Prozedere ein. Abgestimmt wurde offen per Handzeichen, der stellvertretende Vorsitzende Olaf Look (SPD) übernahm vorübergehend den Ratsvorsitz. Für die Neuwahl schlug Jens Thun (BfL) Peter de Buhr als Kandidaten vor, Eldert Sleeboom (Grüne) schlug Hermann Gansel vor und Björn Leidheiser (CDU) schlug Christoph Michaelsen (BfL) vor. Da Letzterer ablehnte, entschied sich die geheime Neuwahl per Stimmzettel zwischen de Buhr und Gansel – mit dem besseren Ende für den BfL-Vertreter, der mit neun zu fünf Stimmen – bei einer Enthaltung – zum neuen Ratsvorsitzenden gewählt wurde.
Hermann Gansel ließ am Tag nach seiner Abberufung auf Anfrage dieser Zeitung wissen, dass er zu dem Vorgang kein Statement abgeben werde. Sein Nachfolger Peter de Buhr blickt dagegen einmal mehr kritisch auf Anfang und Ende des Zusammenschlusses von CDU und Grünen und die zu Beginn im vergangenen Jahr in einer gemeinsamen Pressemitteilung beschworenen Übereinstimmungen. „Ich glaube, in der heutigen Zeit ist es ganz wichtig, wenn man Leute für Politik begeistern will, dass man klar erkennt, wer, wofür steht.“ Die Wahlprogramme von CDU und Grünen passten aus seiner Sicht nicht zusammen. „Man kann sich immer korrigieren, aber dann sage ich, warum ich mich korrigiere“, so de Buhr. Ziel des Zusammenschlusses sei es lediglich gewesen, an neue Ausschusssitze zu kommen.
CDU-Fraktion ist besorgt
Die Borkumer CDU-Fraktion bedankt sich derweil in einem Statement vom Freitag bei Hermann Gansel für seine Tätigkeit als Vorsitzender, „der sich bei der konstituierenden Sitzung vor vier Jahren überzeugen ließ, als niemand sonst den Vorsitz innehaben wollte“. Zur Neuwahl der Ausschüsse schreibt die CDU: „Zum vierten Mal wurden auf Antrag der Freien Liste gestern die Ausschüsse neu gewählt und Frau Dr. Monika Harms darf sich weiter als Vorsitzende um das Thema Ganztagsgrundschule und eventueller Neubau Grundschule/Campus kümmern. Diesmal bekamen wir keinen weiteren Ausschuss zugelost.“
Überraschend habe die SPD statt des Sozialausschusses den Tourismusausschuss gewählt. „Nachdem in den vier vergangenen Sitzungen nur Anträge der NBG und der CDU beziehungsweise der Gruppe CDU/Grüne behandelt wurden und kein einziger von der SPD, möchten sie dort wohl mehr Einfluss nehmen“, so die Vermutung seitens der CDU. Man dürfe nun gespannt sein, wie sich das letzte Jahr der Ratsperiode entwickelt. „Nach den gestrigen Wahlkampfmanövern sind wir durchaus besorgt, ob es nun weiter um das Wohl unserer Insel gehen wird oder mehr um das Wohl einzelner Fraktionen.“
SPD: Ratsvorsitzender aus der stärksten Fraktion
Von der SPD-Fraktion hieß es am Freitag: „Die gestrige Neubesetzung der Ausschüsse ist auf Grundlage des beim Bürgermeister Akkermann eingehenden Antrages der Grünen-Fraktion, welche für sich entschieden hat, die Gruppierung mit den Christdemokraten aufzulösen, entstanden.“ Man werde die Beweggründe nicht beurteilen, aber „diese für uns und für die kommenden Monate bis zur nächsten Kommunalwahl im September 2026 bewerten müssen“. Bereits bei der konstituierenden Sitzung des Stadtrates 2021 habe die SPD gefordert, dass aus der stärksten Fraktion der Ratsvorsitzende hervorgehen sollte. „Seinerzeit wurde diese Wunschbesetzung unsererseits nicht erfüllt.“
Und weiter: „Bei den vor uns liegenden Aufgaben benötigen wir einen gemeinsamen Austausch aller im Stadtrat vertretenden Fraktionen untereinander. Die Neuaufstellung der Grünen und die Folgen daraus haben uns daher dazu bewogen, erneut die Kandidatur von Herrn Peter de Buhr zu unterstützen.“ Dennoch wolle man es nicht versäumen, „uns beim scheidenden Ratsvorsitzenden Hermann Gansel für seine Arbeit recht herzlich zu bedanken“. Die Fraktion wünsche ihm mit seinem Mandat im Rat für die Grünen alles Gute.
Eine Begründung wäre schön gewesen
Ein Kommentar von Florian Ferber
Eine „verbesserte interne Vertretungsmöglichkeit, eine größere Präsenz, stringentere Entscheidungen und somit beschleunigte Beschlussfassungen“: Dies waren die hoch gesteckten Erwartungen, die CDU und Grüne im vergangenen Jahr mit der Bildung ihrer Gruppierung an sich selbst formuliert haben – und die ihnen nun nach dem Austritt der Grünen auf die Füße fallen und der BfL Kritik-Munition liefern. Doch abseits aller Fraktionsmanöver und der Frage, ob es den Beteiligten wirklich nur darum ging, an (mehr) Sitze in Ausschüssen zu kommen, bleibt festzuhalten: So groß wie gedacht waren die inhaltlichen Schnittmengen und Übereinstimmungen zwischen Schwarz und Grün offenbar nicht. Dass Hermann Gansel nun als grüner Ratsvorsitzender abberufen wurde, ist die personelle Konsequenz des Ganzen. Bitter für ihn persönlich, aber, das gehört auch zur Wahrheit: Mit neun Stimmen von BfL und SPD war er für die Mehrheit im Rat in der Rolle nicht mehr der Richtige. Wobei man sich in der Ratssitzung eine öffentliche Begründung für die Abberufung gewünscht hätte, denn fürs Publikum dürfte die sie sehr überraschend gekommen sein. Für den Rest der Wahlperiode sollte der Fokus von Borkums Ratsleuten nun auf den Aufgaben liegen, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Denn Themen – erwähnt sei hier nur die Einrichtung einer Ganztagsgrundschule – gibt es weiß Gott genug. Fatal wäre es dagegen, wenn nach dem Scheitern der Gruppe CDU/Grüne nach außen der Eindruck einer „Mal hü, mal hott“-Politik hängenbliebe. Den Autor erreichen sie unter f.ferber@zgo.de.