Inselfußball Norderney schippert nach Abpfiff oft nachts über die Nordsee
Schon vier Spiele bestritt der Norderney in dieser Saison an Wochentagen abends auf dem Festland. Nach der Partie in Remels am Freitag holte das Trainerduo am Samstag einen wertvollen Titel auf Borkum.
Remels - Als am Freitagabend kurz vor 22 Uhr in Remels der Schlusspfiff ertönte, ging es bei den Ostfrieslandliga-Fußballern des TuS Norderney im Eiltempo weiter – erst rasant vom Feld direkt zum Turbo-Duschen und dann flotten Schrittes zum Bus. Denn um 23.15 Uhr sollte nach der 1:4-Niederlage beim VfB Uplengen in Norddeich die Sonderfähre ablegen. „Die hatte letztlich noch eine Viertelstunde Verspätung“, erzählt TuS-Trainer Jens Harms. Gegen 0.30 Uhr betraten die Kicker wieder die Insel und lagen eine Stunde später im Bett.
Vier Auswärtsspiele haben die Norderneyer in dieser Saison schon zu später Stunde an Wochentagen bestritten. An einem Dienstag um 20.15 Uhr Holtland, 14 Tage später um 20 Uhr in Strudden. Dazwischen lag noch eine Freitag-Partie in Riepe (20 Uhr) und nun die Spätschicht in Remels. „Das ist das Los der Inselfußballer“, sagt Deniz Cömertpay, der sich mit Jens Harms den Trainerjob teilt. „Aber wir lieben den Fußball und unsere Gemeinschaft.“ Dafür schippern die TuS-Kicker im August und September öfter mal nachts über die Nordsee. Im Spätsommer lässt sich das eher bewerkstelligen. Da fährt manchmal noch eine Sonderfähre.
VfB Uplengen zollt Respekt
„Zweimal haben wir auch einen Insel-Express gechartert“, erklärt Harms von der Überfahrt im 30-Mann-Boot - auf Kosten des Vereins natürlich. Die TuS-Kicker zogen früh in der Saison jene englischen Wochen mit drei Partien in sieben Tagen vor, die andere im Herbst absolvieren. Trainer Carsten Gündel von Gegner VfB Uplengen zieht den Hut vor dem Engagement bis in die Nacht. „Das ist bemerkenswert.“, sagt er. „Umgekehrt müssen wir nur einmal im Jahr auf die Insel und machen mit unseren Frauen meistens gleich einen Wochenendausflug davon.“
Die Insulaner nehmen für ihr Hobby hingegen reichlich Strapazen in Kauf. Fast alle Spieler müssen bei Abendpartien ihre Arbeitgeber um einen zeitigen Feierabend bitten. Denn um 16.45 Uhr geht die Fähre Richtung Norddeich. Erst acht Stunden später ist der stressige Spaß mit je zwei Schiffs- und Bustouren sowie dem 90-minütigen Fußball-Kampf vorüber.
Triumph beim Inselcup auf Borkum
Das abendliche Gastspiel in Remels war übrigens ein selbstgewähltes Schicksal. Denn das Trainerduo Cömertpay/Harms, das den Spielbetrieb auf der Insel seit 15 Jahren am Laufen hält, zog es am vergangenen Wochenende noch zu einem zweiten Fußballtermin. Am Samstag wurde auf Borkum der Meister der sieben Inseln ausgespielt. Die beiden traten deshalb gar nicht mit die Rücktour an, sondern übernachteten in Emden und trafen sich dort am nächsten Morgen um 9 Uhr vor der Abfahrt des Katamarans nach Borkum mit ihren Teamkollegen. Die Doppelbelastung von Kreisligaspiel und Prestigeturnier nahm übrigens auch Anhänger Sven Rauchmann auf sich und verdiente sich das Prädikat „Edelfan“.
Die Fußball-Besessenheit des Norderneyer Trainerduos wurde beim prestigeträchtigen 25. Inselturnier mit Toren und Titel belohnt. Cömertpay als Torhüter mit zwei Vorlagen und Harms als Regisseur und dreifacher Torschütze führten das Team zu 2:1-Siegen über Baltrum und Borkum, 4:0-Erfolgen über Wangerooge und Spiekeroog, einem 2:0 über Juist und einem 2:2 gegen Langeoog. Damit verteidigten die Norderneyer, die zuvor 23 Jahre lang leer ausgegangen waren, ihren Titel vom Vorjahr beim Jubiläumsturnier und erhielten das alljährlich vergebene Paddel als Siegertrophäe.
Sonntag folgt Frühschicht in Emden
Natürlich genossen die Kicker aller Inselteams auch die lange Nachspielzeit in einer Inselkneipe. „Ich lag erst um 4 Uhr im Bett“, erzählt Jens Harms lächelnd. Und am nächsten Tag wurden die Sieger zu Hause am Hafen als Helden empfangen und zu einer weiteren Feier gebeten. „Fußball bedeutet Freundschaft und Zusammenhalt - gerade auf der Insel“, sagt Cömertpay.
Diesen Gemeinschaftssinn pflegen die Kicker nach vier Nachteinsätzen in dieser Saison mit einer Frühschicht am kommenden Sonntag. Dann wird um 10.30 Uhr das Spiel bei der SG RW Emden/Kickers II angepfiffen. Ob die TuS-Kicker die Fähre um 7.30 oder um 8.45 Uhr wählen, ist noch offen. Eine Stunde weniger Schlaf oder bei der späteren Variante eine hektische Anreise mit Umziehen im Bus sind die Alternativen. „Wir entscheiden uns kurzfristig“, sagt Cömertpay. Die Fußballer des TuS Norderney sind es gewohnt, bei derlei Widrigkeiten immer die beste Lösung zu finden.