Gedenkstätte eingeweiht  Borkum schafft Erinnerungsort für Verschickungskinder

| | 01.08.2025 06:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Er hat die Erinnerungsstätte entworfen: Bildhauer Friedhelm Welge. Foto: Florian Ferber
Er hat die Erinnerungsstätte entworfen: Bildhauer Friedhelm Welge. Foto: Florian Ferber
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Auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof ist eine Gedenkstätte für Verschickungskinder errichtet worden. Bei deren Einweihung wurde es emotional.

Borkum - Die aus weißem Kalkstein gefertigte Skulptur „Ängstliches Verschickungs-Kind“ auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof zeigt genau das: den Oberkörper eines Kindes, das die Arme in die Höhe reckt und um Hilfe ruft. Verbunden ist das durch Spenden finanzierte Werk des Frankfurter Bildhauers Friedhelm Welge mit einer Stahlplatte, auf der sich ein Erklär-Text und ein QR-Code finden, der zu weiteren Informationen führt. „Ich selbst bin dieses Verschickungskind“, sagte Welge am Mittwoch. Er sei nicht einmal fünf Jahre alt gewesen, als er auf die Insel verschickt wurde – und als 73-Jähriger komme er als Bildhauer wieder, um diese Gedenkstätte einzuweihen. „Dazwischen lagen Jahre des schmerzlichen Verdrängens.“

Haben sich für die Gedenkstätte eingesetzt: Künstler Friedhelm Welge (von links), Pastor Jörg Schulze sowie die ehemaligen Verschickungskinder Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau. Foto: Florian Ferber
Haben sich für die Gedenkstätte eingesetzt: Künstler Friedhelm Welge (von links), Pastor Jörg Schulze sowie die ehemaligen Verschickungskinder Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau. Foto: Florian Ferber

Geschaffen wurde an der Stelle „ein Ort des Erinnerns, Gedenkens und zur Heilung des Leids und Erfahrungen der ehemaligen Verschickungskinder, aller Beteiligten, Interessierten und der Borkumer“, hatte Uwe Rüddenklau, Vorsitzender des Vereins Initiative Verschickungskinder, im Vorfeld erklärt. Erinnerungsorte, „an denen wir unserer Geschichte und darin und selbst begegnen“, seien wichtig, bekräftigte Jörg Schulze, Pastor der evangelisch-lutherischen Christusgemeinde, die wie die ganze Insel-Ökumene an der Umsetzung der Gedenkstätte mitgewirkt hatte.

Das „Ängstliche Verschickungs-Kind“ reckt die Hände in die Höhe. Foto: Florian Ferber
Das „Ängstliche Verschickungs-Kind“ reckt die Hände in die Höhe. Foto: Florian Ferber

Erzählungen machten Pastor fassungslos

Statt Ruhe und Entspannung zu finden, hätten viele Jungen und Mädchen während ihrer Verschickung auf Borkum etwas unwiederbringlich verloren: „Ihre Kindheit, ihre Unbeschwertheit, ihr Gottvertrauen, dass die Menschen, denen sie anvertraut wurden, es gut mit ihnen meinen“, sagte Schulze. Borkum stehe für sie für eine Wunde, die mittlerweile vielleicht vernarbt sei, aber bleibe und sich immer wieder bemerkbar mache. Betroffene hätten ihm erzählt, wie belastet die Insel für sie bis heute sei. „Dass sie manchmal ganz plötzlich zu zittern beginnen, ihr Puls zu rasen anfängt, wenn sie an einem bestimmten Strandabschnitt kommen, dass sie nicht schlafen können, wenn sie hier sind.“

Pastor Jörg Schulze (links) und Bildungsreferent Andreas Langkau sprachen bei der Einweihung. Foto: Florian Ferber
Pastor Jörg Schulze (links) und Bildungsreferent Andreas Langkau sprachen bei der Einweihung. Foto: Florian Ferber

Ihre Erzählungen hätten ihn fassungslos gemacht, so Schulze und er empfinde als evangelischer Pastor „Scham, Trauer und spüre tiefe Betroffenheit angesichts der Schuld und Verletzung, die Leitende und Mitarbeitende, auch in Einrichtungen der Kirche, der Diakonie, der Caritas über viele Jahrzehnte Kindern zugefügt haben“. Durch Machtmissbrauch, Demütigung, Gewalt, seelische Grausamkeit, Kälte, Drill oder untätiges Schweigen. Aus vielen Berichten spreche der Geist nationalsozialistischer Pädagogik. Und die meisten seiner Vorgänger im Pastorenamt der Christuskirchen-Gemeinde seien Vorsitzende des Vorstandes des Adolfinenheims gewesen – also jener Einrichtung, die sich dort befand, wo heute das Feuerwehrhaus und die Börkumer Kinnertune sind, und wo unter anderem Uwe Rüddenklau 1970 als Kind schlimme Erfahrungen sammelte.

Schonungsloser Einblick in die Schwarze Pädagogik

Als Vertreterin der Diakonie Bremen – das Adolfinenheim wurde bis 1980 von Diakonissen aus der Hansestadt geleitet – sprach Landesdiakonie-Pastorin Karin Altenfelder im Rahmen der Einweihung. Sie berichtete von vielen Gesprächen mit Betroffenen. „Schmerz, Wut und Traurigkeit kamen darin zur Sprache. Gefühle, die Jahrzehnte kein Gehör fanden.“ 2022 habe man den Auftrag erteilt, die Rolle der Diakonissen im Adolfinenheim wissenschaftlich auszuwerten, unter anderem anhand von Zeitzeugen-Interviews und mit Schwerpunkt auf den Alltag. Die im Januar 2024 veröffentlichte Studie habe einen schonungslosen Einblick in das System der Schwarzen Pädagogik geliefert, „das von rigider Erziehung, seelischer Gewalt und dem Schweigen der Verantwortlichen geprägt ist“. Kinder hätten Demütigung und Kälte erlebt, so Altenfelder, und das an einem Ort, der für Schutz und Fürsorge stehen sollte. Das Verdrängen müsse ein Ende haben. „Für die Diakonie kann ich heute sagen: Wir sehen hin, wir hören und wir glauben euch.“

Landesdiakonie-Pastorin Karin Altenfelder berichtete vom Austausch mit Betroffenen. Foto: Florian Ferber
Landesdiakonie-Pastorin Karin Altenfelder berichtete vom Austausch mit Betroffenen. Foto: Florian Ferber

Zu Gast war ebenso Schwester Maria Cordis Reiker, Generaloberin der katholischen Franziskanerinnen vom hl. Martyrer Georg zu Thuine. Die Vertreterin des Trägers der Klinik Sancta Maria auf Borkum, wo früher ebenfalls Verschickungskinder während ihrer Kur Leid erfuhren, zitierte ihre Worte aus einem Zwischenbericht zur Aufarbeitung der Geschehnisse: „Ich kann die Frauen und Männer für das, was sie in unseren Einrichtungen erlitten haben und aushalten mussten, nur um Verzeihung bitten.“

Bürgermeister: Pauschale Urteile helfen nicht

Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann betonte einen anderen Aspekt: Ihn beeindrucke an den ihm bekannten Mitgliedern der Initiative Verschickungskinder, dass es ihnen gelinge, „mit großem Ernst und trotz emotionaler Betroffenheit eine differenzierte Sicht auf die damalige Zeit zu bewahren“. Man müsse anerkennen, was Betroffene erfahren haben, deren Stimmen auch auf der Insel lange überhört worden seien. Gleichzeitig gelte es darauf zu achten, nicht vorschnell zu verallgemeinern. „Pauschale Urteile helfen weder der Aufarbeitung noch der Versöhnung“, sagte Akkermann. Viele Kinder hätten ein unbeschwertes Erlebnis auf Borkum gehabt und aufrichtige Fürsorge erlebt. Er wünsche sich, dass die Gedenkstätte kein Ort der Anklage werde, sondern des Erinnerns und des Anerkennens der Würde des Menschen.

Bei der Einweihung wurde auch gesungen. Foto: Florian Ferber
Bei der Einweihung wurde auch gesungen. Foto: Florian Ferber

Für den emotionalen Schlusspunkt sorgte Claus Fleischhauer, ebenfalls ehemaliges Verschickungskind, 1975 für sechs Wochen im Adolfinenheim. Er betonte, wie wichtig für ihn der Austausch mit anderen Betroffenen beim Kongress 2021 auf Borkum gewesen sei. „Ich hatte nicht mehr das Gefühl, dass ich ganz alleine bin mit dieser sehr schemenhaften Kindheitserinnerung, die nur wie ein Vorhang aus Tränen existierte.“ Er habe gelernt, dass nicht Zeit die Wunden heile, sondern Aufarbeitung, Dokumentation, Recherche und „am Ende auch die Anerkennung des Leids, das uns widerfahren ist, durch die Gesellschaft“, sagte Fleischauer sichtlich ergriffen.

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