Insel wurde zum Alptraum  Nach sechs Wochen Borkum war die Kindheit vorbei

| | 31.07.2025 13:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau vor dem Strandabschnitt, den sie als Verschickungsinder auf Borkum besuchten. Foto: Florian Ferber
Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau vor dem Strandabschnitt, den sie als Verschickungsinder auf Borkum besuchten. Foto: Florian Ferber
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Borkum hat jetzt eine Gedenkstätte für ehemalige Verschickungskinder, die an deren Leid auf der Insel erinnern soll. Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau sind zwei von ihnen. Das ist ihre Geschichte.

Borkum - „Nach den sechs Wochen war für mich meine Kindheit vorbei.“ Den Satz muss man erstmal sacken lassen. Ausgesprochen hat ihn Silke Ottersbach im Rahmen der Einweihung einer Erinnerungsstätte auf Borkums evangelisch-lutherischem Friedhof in der Süderstraße, die an das Leid der sogenannten Verschickungskinder erinnern soll. Der Ort hat für Silke Ottersbach, aber auch für viele andere Betroffene wie Uwe Rüddenklau, Vorsitzender des bundesweit aktiven, 2023 gegründeten Vereins Initiative Verschickungskinder, eine besondere Bedeutung und Symbolik. Befand sich doch gleich nebenan – wo heute die Börkumer Kinnertunne untergebracht ist – das Adolfinenheim, wohin zwischen 1921 und 1996 schätzungsweise rund 90.000 Jungen und Mädchen zur Erholung und zum Aufpäppeln verschickt wurden – oftmals mit traumatischen Folgen. Stichwort Schwarze Pädagogik.

Diese Postkarte zeigt oben das damalige Adolfinenheim, wo heute das Feuerwehrhaus steht. Foto: Uwe Rüddenklau
Diese Postkarte zeigt oben das damalige Adolfinenheim, wo heute das Feuerwehrhaus steht. Foto: Uwe Rüddenklau

Was Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau in der Einrichtung, die sich auch dort befand, wo heute das Feuerwehrhaus steht, und die von Diakonissen aus Bremen geleitet wurde, erlebt haben, haben sie dieser Zeitung in einem persönlichen Gespräch vorab geschildert. Er sei im Juli 1970 vor der Schulzeit als Sechsjähriger für rund sechs Wochen nach Borkum gekommen, erzählt Uwe Rüddenklau, heute 61, damals zum ersten Mal alleine weg von zuhause. „Ich war hier, um zuzunehmen, und hatte auch etwas Asthma.“ Schlimm sei für ihn gewesen, dass er keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte. „Ich habe erst vor zwei Jahren die Briefe gefunden, die mir meine Eltern oder Freunde geschickt haben, die ich aber nie bekommen habe.“

Schwester fand ihren Bruder „wie verwandelt“

Doch die Kontaktsperre war nicht alles. Uwe Rüddenklau: „Wenn Nachtruhe herrschte, durfte man danach nicht mehr auf Toilette gehen bis morgens. Das hieß, wenn man musste, musste man ins Bett machen. Und dafür wurde man am nächsten Morgen vor allen anderen bestraft.“ Als Drittes ist ihm vor allem das Essen in Erinnerung geblieben. „Man musste alles, was auf dem Teller war, aufessen, ob man konnte oder nicht. Wenn man erbrochen hat, musste man das Erbrochene aufessen.“ Zu Hause habe er danach nicht mehr gegessen, „bis mir jemand gesagt hat, jetzt darfst du essen. Das durfte man im Heim nur auf Kommando“. Seine ältere Schwester habe gesagt, er sei wie verwandelt gewesen. „Ich war nicht mehr der Gleiche. Heute würde man von einer Art Gehirnwäsche sprechen, ich war ein anderes Kind“, sagt Uwe Rüddenklau, der seinen Eltern keinen Vorwurf macht. „Sie haben mich guten Gewissens auf ärztliche Empfehlung dorthin geschickt. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft, waren voll beschäftigt, gerade im Sommer und dachten, sie tun ihrem Sohn etwas Gutes.“

Emotionaler Moment: Ex-Verschickungskind Uwe Rüddenklau und die enthüllte Gedenkstele. Foto: Florian Ferber
Emotionaler Moment: Ex-Verschickungskind Uwe Rüddenklau und die enthüllte Gedenkstele. Foto: Florian Ferber

Silke Otterbach war neun Jahre nach Uwe Rüddenklau im Adolfinenheim, genau vom 6. Juni bis 20. Juli 1979. „Eigentlich war ich nur die Begleitperson von meiner zwei Jahre älteren Schwester. Die sollte abnehmen und hatte Hautprobleme“, erinnert sich die heute 55-Jährige. Kurz nach der Ankunft auf Borkum seien beide getrennt worden und hätten sich in der Zeit auf der Insel nur einmal sehen dürfen. „Ich war im Altbau im Kasernentrakt bei den Diakonissen und meine Schwester im Neubau bei den Erzieherinnen. Das war eine komplett andere Welt, meine Schwester hatte ein ziemlich cooles Leben.“

Das Foto zeigt Verschickungskinder vom Haus Concordia, das sich in der Hindenburgstraße 94 befand. Foto: privat.
Das Foto zeigt Verschickungskinder vom Haus Concordia, das sich in der Hindenburgstraße 94 befand. Foto: privat.

Beschämendes Gefühl im Duschraum

Davon konnte während ihres Aufenthalts hingegen keine Rede sein. „Bei uns ging es viel um Druck und Zwang, Drill, Zucht, Ordnung; es gab Befehle und Kommandos“, beschreibt Silke Ottersbach, die heute im Ganztagsbereich tätig ist, das raue Klima seinerzeit. Besonders eine Schwester und ihr Rohrstock seien gefürchtet gewesen. Die Kinder, die zunehmen sollten, seien zum Teil mit warmer Schokoladensuppe gemästet worden. „Als ganz schlimm empfunden habe ich den Inhalations- und Duschraum. Wir mussten in der Horde rein, es wurde nicht erklärt, was passiert. Wir haben nichts gesehen und die Tür wurde zugemacht. Im Duschraum mussten wir uns ganz schnell ausziehen, unter die Duschköpfe, schnell einseifen und wieder raus“, schildert Silke Ottersbach. Das sei beschämend gewesen. Im Nachgang habe sie lange Zeit nicht über das Erlebte sprechen können und es verdrängt. „Meine Schwester konnte es ja nicht bestätigen.“

Silke Ottersbach als Kind auf Borkum. Foto: privat
Silke Ottersbach als Kind auf Borkum. Foto: privat

Uwe Rüddenklau, der in der Nähe von München lebt und für den Halbleiterhersteller Infineon arbeitet, ging es ähnlich. „Ich habe mich als Kind nicht getraut, den Eltern etwas zu erzählen.“ Nach jahrelanger Verdrängung erfolgte 2021 ein Wendepunkt bei einem Bundeskongress auf Borkum mit anderen Betroffenen. „Wir haben alle gedacht, wir wären Einzelfälle. Doch dann haben wir festgestellt, dass es auch viele andere erlebt haben.“ Nach Recherchen des gebürtigen Nordhessen hat es allein auf Borkum 33 solcher Heime gegeben. Bundesweit seien es über 2000 gewesen, in die zwischen neun und zwölf Millionen Kinder verschickt worden seien, vorwiegend nach Nord- und Süddeutschland.

Diakonie Bremen übernimmt Verantwortung

Wie wichtig der Kontakt und das Vernetzen der Betroffenen untereinander für die Aufarbeitung ist, unterstreicht auch Silke Ottersbach. Die Heimortgruppe Borkum habe inzwischen 120 Mitglieder, die sich regelmäßig digital treffen. Wichtig sei überdies ein Austausch ehemaliger Verschickungskinder mit der Diakonie Bremen und der Landesdiakonie-Pastorin Karin Altenfelder im vergangenen Jahr gewesen, so die Koordinatorin. Hier seien das Leid anerkannt, die Verantwortung übernommen und Hilfe und Unterstützung zugesagt worden – und der Wunsch nach einem Erinnerungsort wurde geäußert, der sich nun erfüllte.

Eine Postkarte von Verschickungskindern am Borkumer Bahnhof. Foto: Uwe Rüddenklau
Eine Postkarte von Verschickungskindern am Borkumer Bahnhof. Foto: Uwe Rüddenklau

Die Platzsuche indes sei nicht so einfach gewesen, räumen Silke Ottersbach und Uwe Rüddenklau im Gespräch mit dieser Zeitung ein. Einem Standort an zentralerer Stelle am Bahnhof, wo seinerzeit die Verschickungskinder mit dem Zug ankamen, sei abgelehnt worden. Umso dankbarer sei man der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, dass sie das Aufstellen der Stele auf ihrem Friedhofsgelände möglich gemacht hat. Sie finde den jetzigen Standort positiv, „weil es der Weg zum Südstrand ist, da ist sehr viel Bewegung, da kommen viele Menschen hin und es ist einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Das war auch ein Anliegen“, betont Silke Ottersbach. Sie und Uwe Rüddenklau bedanken sich ebenso bei den Geldspendern für die von Bildhauer Friedhelm Welge entworfene Gedenkstele, zu denen unter anderem die Diakonie Bremen und die katholischen Thuiner Franziskanerinnen gehören. Letztere waren und sind Träger der Borkumer Kurklinik Sancta Maria, in der Kindern früher auch schlimme Dinge widerfuhren.

Pastor Jörg Schulze von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde hat Uwe Rüddenklau und Silke Ottersbach bei ihrem Wunsch nach einer Gedenkstätte maßgeblich unterstützt. Foto: Florian Ferber
Pastor Jörg Schulze von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde hat Uwe Rüddenklau und Silke Ottersbach bei ihrem Wunsch nach einer Gedenkstätte maßgeblich unterstützt. Foto: Florian Ferber

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