21000 Kilometer  495 Marathons in 495 Tagen – Extrem-Heldin peilt auch Leer an

| | 15.07.2025 20:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Joyce Hübner (vorne in der Mitte) startete im Juni zu ihrem XXL-Abenteuer in Helmstedt und wurde wie bei fast allen Etappen von zahlreichen Läufern begleitet. Fotos: Privat
Joyce Hübner (vorne in der Mitte) startete im Juni zu ihrem XXL-Abenteuer in Helmstedt und wurde wie bei fast allen Etappen von zahlreichen Läufern begleitet. Fotos: Privat
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Joyce Hübner absolviert ein verrücktes Abenteuer. Sie will durch alle 2059 Städte Deutschlands laufen. Bis sie Ostfriesland erreicht, dauert es noch ein bisschen.

Berlin/Ostfriesland - Der eine ist froh, wenn er drei Kilometer am Stück läuft, die andere erst, wenn sie eine Strecke über 10.000 Meter absolviert. Und ein Marathon gilt gemeinhin als ehrenvolle Auszeichnung eines jeden Ausdauersportlers. Die Berlinerin Joyce Hübner lässt solch stolze Leistungen irgendwie verblassen. Für die 37-Jährige ist ein Lauf über 42,195 Kilometer fast wie Zähneputzen. Sie macht es jeden Tag und stellt sich aktuell einer schier unfassbaren Aufgabe. An 495 Tagen in Folge will sie 495 Marathons zurücklegen und auf der Gesamtstrecke von 21.312 Kilometern durch jede der 2059 Städte Deutschlands gelaufen sein.

Vor zwei Jahren umrundete Joyce Hübner (vorne in der Mitte) Deutschland und erkundete bei der Tour entlang der Grenze auch die ostfriesische Küste.
Vor zwei Jahren umrundete Joyce Hübner (vorne in der Mitte) Deutschland und erkundete bei der Tour entlang der Grenze auch die ostfriesische Küste.

Die Frau, die keine Grenzen kennt, startete am 1. Juni in Helmstedt, ist derzeit auf dem Asphalt nicht fern von Leipzig unterwegs und wird irgendwann auch durch Leer, Emden oder Aurich huschen. Das dauert aber noch ein bisschen. Von Lathen nach Bingum geht es laut Zeitplan am 8. Juni 2026, dann weiter nach Wirdum und schließlich Richtung Wilhelmshaven. Bis dahin stecken der Ultra-Athletin bereits mehr als 370 Etappen à 42 Kilometer in den Knochen. Den Weltrekord hält übrigens der Spanier Ricardo Abdal mit 607 Marathons an 607 Tagen.

Auch Hitze ist kein Problem

Den minutiös ausgeklügelten Streckenplan der diplomierten Betriebswirtin konnte bislang nichts ins Wanken bringen. Auch die Hitzetage vor ein paar Wochen nicht. „Kälte ist für uns schlimmer als Wärme“, sagt ihr Lebenspartner Sven Dünnwald, der die Strecke per Auto fährt und alle sieben Kilometer mit seinem Gefährt als Verpflegungsstation dient. „Den Januar und den Februar mögen wir nicht.“ Deshalb ist der fast anderthalb Jahre währende Mega-Lauf auch so terminiert, dass er zwei Sommer aber nur einen Winter umfasst.

Vor allem an den warmen Tagen ist ausreichend Flüssigkeit vonnöten.
Vor allem an den warmen Tagen ist ausreichend Flüssigkeit vonnöten.

Als vielerorts bei Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke vor andauernder Gluthitze gewarnt wurde, blieb Joyce Hübner cool. „Ich messe die Temperatur am Fuß. Es waren 43 Grad“, erzählte sie in einem Interview vom Resultat ihres Sensors knapp über dem erhitzten Asphalt. „Da sollte man etwas entspannter laufen als sonst oder einfach mal fünf Minuten länger Pause machen.“ Gegenüber anderen Leuten habe sie natürlich den Vorteil, dass sich ihr Körper durch das tägliche Laufen an die Temperaturen immer besser gewöhne. „Für mich ist es nicht dramatisch, bei Knaller-Sonne unterwegs zu sein.“

Laufzeit beträgt 4:40 Stunden

Weil ihr der Schlaf heilig ist, startet sie an Hitzetagen nicht einmal früher als sonst. Im Sommer geht es jeden Morgen um 8 Uhr los, ab Herbst erfolgt der Start eine Stunde später. Gegen 14 Uhr (4:40 Laufzeit plus sechs Pausen) haben sie und überall auch zahlreiche Begleiter aus den Regionen ihr Tagwerk erfüllt.

Danach ist nur noch der Lebensgefährte, den sie scherzhaft „meinen Praktikanten“ nennt, gefordert. Sven Dünnwald hat Unterkünfte gebucht, kümmert sich um Einkäufe oder Medienanfragen und bereitet das Essen vor. 5000 Kalorien muss sie am Tag zu sich nehmen. Weil das über normale Mahlzeiten nicht machbar ist, stärkt sich Hübner auch mit energiereichen Nahrungsergänzungsmitteln und Elektrolyttabletten. Hinzu kommen normale „Menüs“. Morgens isst sie zwei Brötchen mit Frischkäse, Serrano-Schinken, Marmelade und Honig, abends folgen zumeist Nudelgerichte.

Als Berlinerin fühlt sich Joyce Hübner in Städten wohl.
Als Berlinerin fühlt sich Joyce Hübner in Städten wohl.

Bislang hat noch keine Unpässlichkeit die Pläne über den Haufen werfen können. „An eine Krankheit denken wir nicht“, sagt Dünnwald. „Es läuft alles wie am Schnürchen. Wenn doch mal was passiert, müssen wir entsprechend reagieren.“

Der „Praktikant“ und die „Extrem-Chefin“ sind seit Jahren ein eingespieltes Team. So umrundete Hübner 2023 Deutschland und legte immer entlang der Grenze 120 Marathons in 143 Tagen zurück.

25 Paar Laufschuhe dabei

Die Stippvisite in Ostfriesland hat Sven Dünnwald noch in Erinnerung. „Dort oben hat es uns besonders gut gefallen.“ Nach der Mallorca-Umrundung 2024 (11 Marathons) suchte das Abenteuer-Duo die nächste pfiffige XXL-Herausforderung, für die sich Sponsoren finden ließen. Dünnwald kam auf die verrückte Städte-Idee. Hübners Strecke berührt die drei, vier oder fünf Stadtgebiete zumeist am Rande und führt selten mitten durch die City.

Ihr Partner Sven Dünnwald begleitet die Läuferin. Alle sechs Kilometer stoppt er mit dem Auto und reicht Getränke und Verpflegung an.
Ihr Partner Sven Dünnwald begleitet die Läuferin. Alle sechs Kilometer stoppt er mit dem Auto und reicht Getränke und Verpflegung an.

Mit 25 Paar Laufschuhen im Begleitfahrzeug geht es kreuz und quer, aber grob auch im Uhrzeigersinn erst Richtung Alpen, dann zu Nord- und Ostsee. Natürlich sind auch im tiefsten Winter, an größten Bergen und höchsten Feiertagen keine Verschnaufpausen vorgesehen. Heiligabend joggt Joyce Hübner bis zum Örtchen Tanzfleck in der Oberpfalz. Die Silvesterböller hört sie auch noch im Fränkischen.

Wenn wirklich nichts dazwischen grätscht, trabt die Königin der Landstraße in knapp elf Monaten durch Ostfriesland. Laut 495-Tage-Plan krönt sie ihr Husarenstück am 8. Oktober 2026 zu Hause in Berlin - das letzte der 2059 Städteziele. Dann hat Joyce Hübner zwar keine Weltmeisterschaft gewonnen und kein Olympia-Gold errungen, aber zweifellos eine der kuriosesten Willensleistungen in der deutschen Sportgeschichte vollendet.

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