Sieg über FC Bayern Remelserin holte 1975 Titel mit Bonn – Busenspruch der Presse
Barbara Kowalk wurde vor 50 Jahren mit dem Bonner SC Deutscher Fußballmeister. Hinterher hatte die Fußball-Pionierin ein uriges Erlebnis mit Sepp Maier und erhielt eine Einladung von „Puma“.
Remels - Berti Vogts, Jupp Heynckes, Bärbel Riebartsch - alle drei vollbrachten vor 50 Jahren die gleiche sportliche Heldentat. Doch nur Vogts und Heynckes erlangten als Deutscher Meister 1975 mit Borussia Mönchengladbach Ruhm, Reichtum und Popularität. Das Fußballmärchen von Riebartsch, die heute Kowalk heißt, kennen aber nicht einmal die größten ostfriesischen Experten. Die 70-Jährige, die seit vier Jahrzehnten mit ihrer Familie in Remels lebt, feierte 1975 mit den Frauen des Bonner SC die Deutsche Meisterschaft.
Barbara – gute Freunde sagen Bärbel – Kowalk gehörte zu den Pionierinnen des Frauenfußballs, die mit allerlei Widerstand und Häme der Männerwelt zu kämpfen hatten. So titelte eine Zeitung nach dem Sieg im Endspiel über Bayern München nicht etwa „4:2-Triumph über Bayern München“, sondern tatsächlich „Busen, Beine, Bonn“.
Als Kind mit Jungs am Ball
Über derartige Einstellungen hatte sich die kleine Bärbel schon in frühester Kindheit in Bad Godesberg hinweggesetzt. „Mein Vater wollte sechs Jungs, sie sollten alle Fußballspielen.“ Doch der Wunsch des Papas, dem seine Eltern den vermeintlichen „Proletariersport“ untersagt hatten, ging nicht in Erfüllung. Seine Frau brachte drei Mädchen und vier Jungs zur Welt. „Aber keiner meiner Brüder hat einen Ball auch nur angerührt.“ Barbara Kowalk stieg hingegen schon als Sechsjährige am Sportplatz mit ihrer Jungsbande durch ein Loch im Zaun und spielte Tag für Tag mit dem Lederball.
Der Fußballtraum wurde mit 14 kurz unterbrochen, weil sie auf einem Internat in Ahrensburg ihre mittlere Reife ablegen sollte. Als sie 1971 in Bonn ihre Ausbildung zur Krankenschwester begann, wurde ausgerechnet in einer katholischen Klinik mit einer Nonne als Stationsschwester ihr Feuer für den Fußball wieder entzündet. „Auf meine Station kam eine Praktikantin, die mir vom Damenfußball beim Bonner SC erzählte“, erinnert sich die Ostfriesin. „,Heute um 19 Uhr ist Training‘, sagte sie.“
Erst 1970 erlaubte der DFB Damenfußball
Mit Turnschuhen und einem T-Shirt im Gepäck fuhr die angehende Krankenschwester per Bus zum Fußballplatz und absolvierte ihr erstes Training. „Hast du Samstag Zeit?“, fragte der Coach hinterher. So bestritt Barbara Kowalk 1971 ihr erstes Spiel. Erst ein Jahr zuvor hatte der Fußballbund Frauenspiele gestattet. Kowalk trainierte mit Erlaubnis der Nonne fleißig und erhielt vom stolzen Vater mit 18 Jahren ein Auto, um zum Sportplatz zu gelangen. Zwei Jahre später wurde die erste Deutsche Meisterschaft ausgespielt. Kowalk und Co. erreichten als Mittelrhein-Titelträger die Endrunde in Mainz. Dort unterlag Bonn im Halbfinale dem späteren Titelträger TuS Wörrstadt mit 1:3 und verlor das Spiel um Platz drei gegen SV Bubach-Calmesweiler (Saarland) nach Elfmeterschießen. Der Bonner Macher Willi Krahe knüpfte aber wertvolle Kontakte. Mit einem Job bei Karstadt lotste er Superstar Beverly Ranger von Bubach nach Bonn. Und vom Titelträger aus Wörrstadt überzeugte er Anne Trabant-Haarbach vom Wechsel nach Bonn.
Sie hievte das Team als Spielertrainerin auf ein neues Niveau. Und die Jamaikanerin Beverly Ranger erzielte 1975 beim Sieg um die Mittelrheinmeisterschaft über Bergisch-Gladbach per Supersolo ein Traumtor - es ist bei Youtube abrufbar -, das zum Tor des Monats gewählt wurde. Mit DM-Vorrundensiegen über Eintracht Erle und Lorbeer Rothenburgsort erreichte der Bonner SC die Endrunde.
Beim Finale guckte sogar Oma zu
Nach einem 4:0-Sieg im Halbfinale in Wesseling (bei Köln) über Wörrstadt mit Barbara Kowalk als Verteidigerin wurde das Finale gegen Bayern München für die Krankenschwester zum Heimspiel. „Es fand in meiner Heimat Bad Godesberg statt. Sogar meine Oma hat da erstmals ein Fußballspiel angeguckt.“ Und beim Aufwärmen ertönten „Bärbel“-Rufe vom Seitenrand. „Es waren die Leute aus meiner früheren Jungsbande.“ Vor 2350 Zuschauern bezwang der Bonner SC dann nach einem 1:2-Rückstand den FC Bayern München mit 4:2 (Torschützinnen Ranger, Trabant-Haarbach und zweimal Charlotte Nüsser).
Schnupftabak mit Sepp Maier
Danach hieß es macho-mäßig „Busen, Beine, Bonn“ und vom DFB erhielten alle Siegerinnen ein Silberarmband. Die Heldinnen durften sich aber auch im Goldenen Buch der Stadt Bonn verewigen. Es folgte auch die Einladung zum Sportpressefest nach München, wo die Frauen auf Größen wie Sepp Maier, Gerd Müller und Franz Beckenbauer trafen. „Beim Bankett habe ich mit Sepp Maier Schnupftabak geschnupft“, sagt Kowalk, die mit Beverly Ranger zusammen auch von Puma-Chef Rudolf Dassler nach Herzogenaurach eingeladen wurde. Er kreierte mit den Bonnerinnen werbewirksam ein Frauen-Fußballtrikot.
Das Bonner Fußballmärchen endete 1976, als die Topspielerinnen zum späteren Serienmeister Bergisch-Gladbach wechselten. Barbara Kowalk beendete ihre Laufbahn. Sie lernte ihren Mann Frederik kennen, bekam zwei Söhne und zog nach Ostfriesland, wo ihr Mann eine Naturheilpraxis eröffnete. Sie selber entdeckte die Liebe zur Kunst und betrieb zwölf Jahre lang den Kreativhof in Remels.
Nachdem sie eine schwere Krankheit überwunden hat, schwirrt bei der 70-Jährigen nun wieder ihre Fußballgeschichte im Kopf herum. Der Bonner SC feiert in wenigen Tagen sein 60-jähriges Bestehen, lud die Meistermannschaft von 1975 ein und schickte vorweg einen Fußballschal mit den eingearbeiteten Daten vom DM-Finale gegen Bayern. ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein wird die Gala in Bonn moderieren. Und ganz gewiss wird sie die Heldentaten von damals nicht mit „Busen, Beine, Bonn“ kommentieren.