Testphase hat begonnen  Borkum von Start der Gasförderung überrascht

| | 26.03.2025 15:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im August 2024 wurde die Plattform N05-A in der niederländischen Nordsee installiert. Foto: Penning/dpa
Im August 2024 wurde die Plattform N05-A in der niederländischen Nordsee installiert. Foto: Penning/dpa
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Laut Stadt ist man über Beginn und Planung des Vorhabens vom niederländischen Energiekonzern One-Dyas selbst nicht informiert worden. Was sagt das Unternehmen dazu?

Borkum/Amsterdam - Der niederländische Energiekonzern One-Dyas hat mit der umstrittenen Erdgas-Förderung aus der Nordsee vor Schiermonnikoog und Borkum begonnen. Es gehe zunächst um eine Testphase, bei der aber bereits Gas produziert werde, hatte das Unternehmen am Dienstag mitgeteilt. Die Stadt Borkum hat nach eigenen Angaben über die niederländische Berichterstattung von dem Start erfahren. Leider sei man über Beginn und Planung des Vorhabens nicht von One-Dyas selbst informiert worden, „so dass sich die Stadt Borkum nur auf die ihr vorliegenden Pressemeldungen beziehen kann“, heißt es in einer Mitteilung vom Mittwoch.

Da noch keine Genehmigung für die Verlegung der Kabeltrasse (zur Energieversorgung der Förderplattform; Anm. d. Red.) durch die schützenswerten Riffe zum deutschen Windpark Riffgat vorliege, setze das Unternehmen Gasgeneratoren ein, schreibt die Stadt. Diese verursachten zusätzliche Stickstoff- und CO2-Emissionen, die nach Auffassung von Stadt und Umweltorganisationen in den bestehenden Genehmigungen nicht berücksichtigt seien. „Der Anwalt der Stadt Borkum und der Inselgemeinde Juist prüft derzeit mögliche rechtliche Schritte“, heißt es aus dem Rathaus.

Workshop befasst sich mit Klimawandel

Paradox erscheine der Beginn der Gasförderung zudem im Hinblick auf den am Mittwoch (26. März 2025) beginnenden, dreitägigen deutsch-niederländischen Workshop auf Borkum zum Thema Lösungen und Auswirkungen des Klimawandels auf die ost- und westfriesischen Inseln. Während sich deutsche und niederländische Vertreter der Inseln zu der Thematik austauschten, „wird vor ihren Inseln der Klimawandel durch die Förderung von fossilem Gas weiter vorangetrieben“, so die Stadt.

Überrascht von den Entwicklungen zeigt sich auch die Grünen-Politikerin und ehemalige Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz: „Offiziell informiert war auf deutscher Seite wohl niemand über den Start der Testphase. Und so geht man nicht mit Nachbarn um“, findet die Borkumerin. „Was das Unternehmen One-Dyas macht, hat nichts mehr mit deutsch-niederländischer Verständigung zu tun.“ Der Start der Testbohrung sei „ein negatives Signal für die Zusammenarbeit“.

DUH: Umweltrecht wird missachtet

Kritik kommt ebenfalls von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Das Vorgehen des Konzerns sei ungesetzlich und man fordere „von den zuständigen Behörden auf deutscher und niederländischer Seite, gegen den unrechtmäßigen Beginn der als ,Testphase‘ getarnten Förderung einzuschreiten. Die DUH und ihre niederländischen Partner prüfen aktuell weitere rechtliche Schritte“, heißt es in einer Pressemitteilung. Darin wird DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner mit den Worten zitiert: „One-Dyas nimmt die Zerstörung wertvoller Riffe in der Nordsee in Kauf – ohne die erforderlichen Genehmigungen und trotz laufender Klagen.“

Mit einer großen Demonstration ist im vergangenen Sommer auf Borkum gegen das Gasprojekt protestiert worden. Foto: Ferber
Mit einer großen Demonstration ist im vergangenen Sommer auf Borkum gegen das Gasprojekt protestiert worden. Foto: Ferber

Die Genehmigung für den Betrieb der Plattform mit Gasgeneratoren sei fehlerhaft, da die zusätzlichen Stickstoffemissionen und ihre Auswirkungen auf die sensiblen Ökosysteme der Nordsee nicht bewertet worden seien. „Die zwingend notwendige Umweltgenehmigung der Gasgeneratoren, die den Schutz der einzigartigen marinen Lebensräume sicherstellen soll, fehlt komplett. Dass der Konzern dennoch mit der Gasförderung beginnt, zeigt eine alarmierende Missachtung geltenden Umweltrechts.“

Auf erste Bohrung folgt erste Produktion

Constantin Zerger, DUH-Leiter Energie und Klimaschutz, ergänzt: „Öffentlich prahlt der Gaskonzern One-Dyas damit, bis zu 15 Prozent des niederländischen Gasbedarfes decken zu können. Beim Nachrechnen entpuppt sich das als reines Wunschdenken.“ Verglichen mit offiziellen Zahlen belaufe sich die geförderte Gasmenge auf zwischen 1,6 und zwei Prozent des maximalen niederländischen Gasverbrauchs, „und das auch nur in den ersten drei bis vier Jahren. Auch zur deutschen Gasversorgung ist der Beitrag mit knapp einem Prozent vernachlässigbar gering“. Auf Seiten von One-Dyas indes sieht man die Sache völlig anders. „Wir verfügen über alle Genehmigungen für den Produktionsstart und unsere Aktivitäten und Planungen waren stets bekannt und wurden extern kommuniziert“, heißt es auf Nachfrage dieser Zeitung im Statement einer Konzern-Sprecherin (Antworten aus dem Englischen übersetzt). Nachdem die Plattform N05-A im August 2024 an ihrem Standort in der niederländischen Nordsee installiert worden sei, freue man sich, dass man nun die Testphase mit nur wenigen Monaten Verspätung habe starten können. Die erste Bohrung in der niederländischen Nordsee habe bereits im Herbst stattgefunden, die erste Produktion erfolge aus eben dieser Bohrung.

CEO: Nein zum Projekt wird nichts lösen

One-Dyas verweist in dem Kontext auf eine Stellungnahme der niedersächsischen Landesregierung aus dem April 2022, in der sich der damalige Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann (CDU) und der frühere Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) zu dem Projekt äußern. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine war von einer notwendigen Neubewertung der Lage die Rede. Die Förderung von Erdgas in der Nordsee leiste einen Beitrag zur Unabhängigkeit der Versorgung, der Schutz von Inseln und Natur müsse aber gewährleistet sein, hieß es seinerzeit aus Hannover.

Auch Greenpeace hat sich mit Protestaktionen mehrfach gegen das Vorhaben positioniert. Foto: dpa
Auch Greenpeace hat sich mit Protestaktionen mehrfach gegen das Vorhaben positioniert. Foto: dpa

Chris de Ruyter van Steveninck, CEO von One-Dyas, ergänzt in dem Konzern-Statement: „Wir teilen die Bedenken hinsichtlich des Klimas, aber ein Nein zu diesem Projekt wird nichts lösen. Im Gegenteil, es wird zu den globalen Emissionen beitragen. Nicht in der Nordsee zu produzieren bedeutet mehr Kohle und LNG-Importe und damit 30 bis 50 Prozent mehr CO2-Emissionen, höhere Energiepreise und eine stärkere Energieabhängigkeit von Ländern außerhalb der EU.“ Das sei in niemandes Interesse und trage nicht zum Umweltschutz bei – „im Gegenteil, es verschlimmert die Situation“. Sobald das acht Kilometer lange Kabel zum Windpark Riffgat installiert sei, habe man die erste nahezu emissionsfreie Plattform in diesem Teil der Nordsee. „Es gibt keine emissionsärmere Gasproduktion, und das ist ein großer Schritt zur Erreichung der Klimaziele im Rahmen der Energiewende.“

Abkommen zwischen Ländern nötig

Geplant ist bekanntlich, dass von der Bohrplattform aus auch in deutschen Gebieten gebohrt und gefördert wird. Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hatte One-Dyas eine Genehmigung für die Bohrungen erteilt. Dagegen war Klage eingereicht worden. Überdies bedarf es für Bohrungen, die unter dem Meeresboden in deutsches Gebiet reichen, eines Abkommens zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Mit Material von dpa

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