100. Geburtstag Albrecht Weinberg – eine große Feier für ein Jahrhundertleben
Der Holocaust-Überlebende und Ehrenbürger von Rhauderfehn und Leer hat seinen 100. Geburtstag im Festsaal des historischen Rathauses gefeiert. Wir waren mit dabei.
Leer - Der Festsaal des historischen Rathauses in Leer macht an diesem Freitagnachmittag, 7. März 2025, seinem Namen alle Ehre. Die Eingangstür ist mit einer großen Girlande geschmückt. Darüber ist „100“ zu lesen. Im Saal selbst stehen festlich gedeckte Tische. Ein roter Teppich führt an ihnen vorbei zu einem Sofa. Dort sitzt Albrecht Weinberg, Ehrenbürger von Leer und Rhauderfehn, zusammen mit seiner Mitbewohnerin und engen Freundin Gerda Dänekas und nimmt die Glückwünsche der rund 130 Gäste entgegen. Der Überlebende des Holocaust feiert an diesem Tag seinen 100. Geburtstag. Es ist ein Jahrhundertleben.
Nachdem alle Glückwünsche überbracht wurden, nimmt Weinberg schließlich in einem Sessel am Kopfende Platz. „Happy Birthday to you“ singen die Gäste gemeinsam. „100 Jahre sind ein stolzes Alter und nicht viele erreichen dieses Alter“, sagt Bürgermeister Claus-Peter Horst in seiner Rede. „Vor allem nicht, wenn sie - wie du, so viel im Leben mitmachen mussten.“ Er blickt zurück auf die bewegende Lebensgeschichte des Holocaust-Überlebenden, der nach den Verbrechen der Nazis nach Amerika ging und erst im hohen Alter wieder in seine Heimat zurückkehrte.
Synagogengrundstück als Herzensangelegenheit
„Das Schicksal hat es letztlich doch noch gut mit dir gemeint“, sagt Horst. Im Seniorenheim habe Weinberg nämlich Gerda Dänekas kennengelernt. Sie habe sich liebevoll um ihn und seine Schwester Friedel gekümmert. „Sie hat dich ermutigt, über deine Erlebnisse zu erzählen und damit den Grundstein gelegt für die vielen Zeitzeugengespräche, die du mit jungen Menschen bis heute führst“, betont Horst – und fügt an: „Du bist unser Mahner, unser Wächter der Demokratie. Unermüdlich setzt du dich für unsere Demokratie und gegen das Vergessen ein.“
Eine Herzensangelegenheit von Weinberg sei es, dass das Grundstück, auf dem damals die Leeraner Synagoge stand, von der Stadt erworben und dann hergerichtet werde. In der Einladung zur Feier sei dieser Wunsch auch beschrieben worden. „Ich hätte dir so gerne heute gesagt, dass die Stadt das Grundstück gekauft hat, aber leider hat es noch nicht geklappt“, sagt Horst. „Die Verhandlungen gestalten sich schwierig und es macht mich traurig, dass seitens des Grundstückseigentümers die wirtschaftlichen Interessen über das verständliche Interesse der Stadt Leer am Erwerb des Grundstücks gestellt werden.“ Er werde aber nicht aufgeben, betont der Bürgermeister. „Vor zwei Tagen habe ich vom Eigentümer schon die hoffnungsvolle Aussage gehört, ,dass wir uns einigen werden‘.“
Manche Gäste hatten eine sehr weite Anreise
Eine sehr weite Anreise haben an diesem Tag Daniel Cohen aus Ungarn und Willi Cohen aus Israel mit ihren Angehörigen. Ein weiteres Mal wird Happy Birthday angestimmt, denn Willi Cohen hat gemeinsam mit Albrecht Weinberg am 7. März Geburtstag.
Es folgen weitere Reden. Viele blicken auf das Leben Weinbergs zurück und sprechen seinen Einsatz gegen das Vergessen sowie die jüngst erfolgte Rückgabe seines Bundesverdienstkreuzes an. Bruno Schachner betont als Vertreter des Rates: „Nicht wir machen dir ein Geschenk, sondern du uns. Du schenkst uns so viel, seitdem du Leer mit deiner Schwester damals wieder besucht hast.“ Landrat Matthias Groote sagt, Weinberg sei nicht nur ein Zeitzeuge, sondern eine lebende Legende.
An die Verbrechen der Nazis erinnern
Der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, forderte im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung dazu auf, „Deiche zu bauen gegen die braune Flut“. Weinberg lebe es dabei vor, die Menschen an die Verbrechen der Nazis zu erinnern. „Deine 100 Jahre sind eine Mahnung dafür, wie zerbrechlich Frieden sein kann“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Anja Troff-Schaffarzyk. „Wir haben einen aktiven Bürger, der appelliert auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren“, macht der ehemalige Bürgermeister und Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Wolfgang Kellner, deutlich.
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann spricht das besondere Lächeln von Albrecht Weinberg an, dass er bei Begegnungen hat. Und sie betont immer wieder, dass der Jubilar auch einfach ein Mensch sei. „Ja, er ist ein lebendes Mahnmal, ja, du bist eine Person der Geschichte. Aber du bist für mich folgendes: a Mensch.“ Sie mahnt zudem davor, gegen Judenhass egal in welcher Form einzutreten. Als Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller seine Glückwünsche auf Plattdeutsch überbringt und das Leben Weinbergs würdigt, sieht man bei einigen Gästen allerdings Fragezeichen im Gesicht.
Suppe für die rund 130 Gäste
Auch Videobotschaften werden eingespielt. Schüler des Albrecht-Weinbergs-Gymnasiums in Rhauderfehn schicken ebenfalls Glückwünsche, wie der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, Ministerpräsident Stephan Weil sowie Freunde Weinbergs aus den USA. „Es ist einfach ganz wunderbar, einfach unglaublich“, freut sich Weinberg über die Feier.
Nach mehr als zwei Stunden ist schließlich der offizielle Teil vorbei. Es folgt der „gemütliche Teil“, wie es Bürgermeister Claus-Peter Horst ausdrückt. Hühnersuppe und eine vegane Alternative wird aufgetischt. Zuvor haben viele Gratulanten Albrecht Weinberg noch eins gewünscht: auf 120 Jahre.