Nach Protest in Hannover  Jäger-Demo vertritt auch Borkumer Belange

| | 07.02.2025 06:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit einer großen Demonstration in Hannover haben die Jäger ihren Standpunkt deutlich gemacht. Foto: Frankenberg/dpa
Mit einer großen Demonstration in Hannover haben die Jäger ihren Standpunkt deutlich gemacht. Foto: Frankenberg/dpa
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Ende Januar haben geschätzt rund 20.000 Jägerinnen und Jäger in Hannover gegen die geplante Änderung des Jagdgesetzes demonstriert. So bewertet Borkums Hegeringleiter die Aktion und Hintergründe.

Borkum/Hannover - Auch wenn er nicht persönlich vor Ort war, hat Borkums Hegeringleiter Jonny Böhm die große Demonstration der Landesjägerschaft Niedersachsen in Hannover vergangene Woche über die Medien verfolgt. Es sei wichtig, dass ein so großes Zeichen – die Organisatoren sprachen von 20.000 Teilnehmern – gesetzt worden sei. Hintergrund der Aktion war die geplante Änderung des niedersächsischen Jagdgesetzes – wobei die rot-grüne Landesregierung in einem zuvor vorgestellten Eckpunktepapier bereits die meisten der angekündigten Veränderungen zurückgenommen hatte.

In diesem Fall wohl kein Halali, sondern eine Protestform. Foto: Frankenberg/dpa
In diesem Fall wohl kein Halali, sondern eine Protestform. Foto: Frankenberg/dpa

Ein umstrittener Punkt und laut Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen und des Deutschen Jagdverbandes, die „rote Linie“ für ihn und seine Mitstreiter: ein Verbot der Hundeausbildung an lebendem Wild. „Wer daran festhält, wird es mit dem erbitterten, dem stärksten Widerstand der Landesjägerschaft Niedersachsen zu tun bekommen.“ Der scheint aber nicht mehr nötig zu sein. Versicherte doch der SPD-Abgeordnete Christoph Willeke den Demonstranten: „Es wird kein Verbot für die Ausbildung am lebenden Tier geben.“ Das sei wichtig, betont Jonny Böhm, etwa für die Hundeausbildung bei der Schwimmspur mit Ente.

Frettchen bei der Baujagd auf Borkum

Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Bündnis 90/Die Grünen) will mit der Jagdgesetz-Reform unter anderem prüfen lassen, ob beim Trainieren der Jagdhunde in Fuchsbauten lebende Füchse oder besser Dummys eingesetzt werden sollen. Jonny Böhm zeigt sich offen. „Es ist ja nicht so, dass wir uns keinen Alternativen stellen. Da müsste man mal die Spezialisten fragen, aber ausprobieren kann man alles – und wenn es funktioniert: warum nicht?“ Auf Borkum indes kämen bei der Baujagd Frettchen zum Einsatz. Ganz ohne tierische Hilfe gehe es nicht. „Wie wollen Sie ein Kaninchen aus dem Bau jagen? Mit einer Flöte?“

Nicht selten sorgen Vorschläge bei Jonny Böhm für Kopfschütteln – oder mit seinen Worten ausgedrückt: „Ich weiß nicht, was denen in Hannover alles so einfällt vor Langeweile. Wenn es dem Menschen zu gut geht, wird er komisch.“ Eine weitere Idee, die auf öffentlichen Druck wieder einkassiert wurde: Nutrias sollten aus dem Jagdrecht fallen. Ein größeres Eigentor könne man nicht schießen, hatte Daniel Poppinga, Jäger und Bisamfänger im Borkumer Hegering, 2023 im Gespräch mit dieser Zeitung kommentiert, als es um ein mögliches jährliches Abschussverbot (vom 1. April bis 15. Juli) für Nutrias ging.

Invasive Art und schlecht für Deiche: die Nutria. Foto: Büttner/dpa
Invasive Art und schlecht für Deiche: die Nutria. Foto: Büttner/dpa

Anerkennung auf der Insel

Die Tiere nicht mehr zu bejagen, wäre fatal für den Deichschutz, findet nicht nur Jonny Böhm. „Nutrias untergraben die Deiche und die Böschungen von Gewässern“, sagt Willem Berlin, Obersielrichter der Sielacht Rheiderland. Böhm ergänzt drastisch: „Wenn so ein Deich bricht, ersäuft alles, auch die Tiere und die Menschen.“ Zum Glück habe es auf Borkum erst ein, zwei Exemplare dieser invasiven, ursprünglich aus Südamerika stammenden und sich stark vermehrenden Art gegeben, die unbemerkt mit Buschwerk auf die Insel kamen. „Sie sind sofort gefangen und gemeldet worden.“

Ein Mann klarer Worte: Borkums Hegeringleiter Jonny Böhm (Dritter von rechts). Foto: Ferber
Ein Mann klarer Worte: Borkums Hegeringleiter Jonny Böhm (Dritter von rechts). Foto: Ferber

Landesjägerschaft-Präsident Helmut Dammann-Tamke hatte bei der Demo in Hannover auch auf die aus seiner Sicht wichtige Rolle der Jäger als Natur- und Artenschützer aufmerksam gemacht – und beklagt, für ihr ehrenamtliches Engagement fehle die gesellschaftliche Anerkennung. Das kann Jonny Böhm auf Borkum so nicht bestätigen. „Wir finden in der Bevölkerung Anerkennung, wir machen viel mit Schulkindern, arbeiten mit dem Tierschutzverein zusammen, stellen das Forsthaus zur Verfügung für unsere älteren Borkumer.“ Sozialkompetenz sei gerade auf einer Insel wichtig, wenngleich man nicht alle erreiche. „Wir arbeiten auch an uns, sind nicht unfehlbar. Wenn wir Tipps kriegen, angesprochen werden, versuchen wir es ordentlich umzusetzen“, erklärt Jonny Böhm, der zudem als Wattenjagdaufseher und Seehundretter im Einsatz ist.

Tierschützer kritisieren Änderungen

In unmittelbarer Nähe zur Demo in der Landeshauptstadt hatten etwa 250 Tierschützer protestiert und „Jagd ist Mord“ skandiert. Der Wildtierschutzbund Deutschland hatte die Gegendemonstration organisiert. Sprecher Thomas Mitschke kritisierte, dass das geplante neue Gesetz in Sachen Tierschutz keine Verbesserungen bringe. „Wir haben feststellen müssen, dass die Ministerin komplett vor der Jagdlobby eingeknickt ist und viele Punkte gestrichen hat“, sagte Mitschke. Vom Eckpunktepapier, das die Landesregierung vorgelegt hatte, zeigte sich auch der Deutsche Tierschutzbund enttäuscht. In einer Pressemitteilung heißt es, in der finalen Verfassung seien alle tierschutzrelevanten Punkte verwässert worden. Selbst der Abschuss freilebender Katzen bleibe erlaubt. Das Papier sei eine Enttäuschung.

Mit Material von dpa

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