Borkumer Großprojekt  Offener Ganztag, offene Fragen

| | 29.01.2025 17:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule stellt Borkum vor einige Herausforderungen. Foto: Marcel Kusch/dpa
Die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule stellt Borkum vor einige Herausforderungen. Foto: Marcel Kusch/dpa
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Die Vorhaben, eine offene Ganztagsgrundschule und ein Bildungszentrum auf Borkum einzurichten, standen im Mittelpunkt des Schulausschusses. Klar wurde: Auf alle Beteiligten warten noch viele Aufgaben.

Borkum - Wenn etwas deutlich geworden ist, nachdem in der Schulausschusssitzung am Montagabend über die Einrichtung einer offenen Ganztagsgrundschule und die mögliche Schaffung eines Bildungszentrums auf der Insel diskutiert wurde, dann das: Es sind noch viele Fragen offen, viele Gespräche zu führen, viele Aufgaben zu lösen. Ein Überblick.

Was ist der Hintergrund der offenen Ganztagsgrundschule?

Borkum muss eine Ganztagsschule einrichten, weil ab 1. August 2026 „alle Erstklässlerinnen und Erstklässler in Niedersachsen Anspruch auf täglich acht Stunden Unterricht und Betreuung in der Schule“ haben, heißt es auf der Homepage des Kultusministeriums. Damit solle eine Betreuungslücke geschlossen werden, die nach der Kita-Zeit für viele Familien entstehe. Der bundesweite Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung werde entsprechend der bundesgesetzlichen Regelungen schrittweise eingeführt. Start ist mit dem ersten Schuljahr 2026/2027. Der Rechtsanspruch „wird in den nachfolgenden Jahren um jeweils eine Klassenstufe ausgeweitet und soll mit Beginn des Schuljahres 2029 abgeschlossen sein“, so der Plan des Ministeriums. Ein Kind müsse die Ganztagsbetreuung nicht in Anspruch nehmen, aber es müsse die Möglichkeit dazu haben, präzisierte die Borkumer Ausschussvorsitzende Dr. Monika Harms (CDU/Grüne).

Welche Aufgaben bringt eine Ganztagsgrundschule mit sich?

Den Mittagstisch. „Für die Organisation, Bereitstellung und Ausgabe des Mittagessens ist der Schulträger zuständig“, schreibt das Ministerium – gemeint auf Borkum ist damit die Stadt. Dabei bestehe keine grundsätzliche Pflicht für die Kommunen, eine Mensa zu bauen beziehungsweise einzurichten – „alternative Lösungen hinsichtlich der Mittagessenversorgung fänden bereits jetzt erfolgreich Anwendung“.

Auch auf Borkum muss die Ganztagsbetreuung für Erstklässler ab dem Schuljahr 2026/27 umgesetzt werden. Foto: picture alliance/dpa
Auch auf Borkum muss die Ganztagsbetreuung für Erstklässler ab dem Schuljahr 2026/27 umgesetzt werden. Foto: picture alliance/dpa

Das Problem auf Borkum: Die Kapazitäten in Sachen Mittagessen sind im Kindergarten und für die Grundschüler im Seniorenhuus ausgereizt. Blieben eventuell die Räumlichkeiten des Fördervereins „Lüttje Kanütjes“ neben der Grundschule. „Im April soll es seitens des Landkreises dort eine Begehung geben von der Lebensmittelüberwachung“, berichtete Frank Pahl, Leiter der städtischen Haupt- und Personalabteilung. Man versuche so, „eine weitere Destination für das Mittagessen zu etablieren“. Das Johann-Calvin-Haus der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde indes käme dafür wohl nur „im äußersten Notfall“ infrage, so Monika Harms. Um eine Größenordnung zu bekommen, wie viele Eltern der Einschuljahrgänge 2026/27 und 2027/28 das Essensangebot für ihre Kinder wahrnehmen wollen, haben die Ausschussmitglieder die Verwaltung mit einer Vorababfrage beauftragt.

Eine weitere Herausforderung ist die Sicherstellung der Nachmittagsbetreuung. Diesbezüglich, erklärte Monika Harms, habe es bereits Gespräche mit dem Leinerstift gegeben, das unter anderem in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe tätig und schon länger auf Borkum aktiv ist. Meike Heil, Lehrerin an der Grundschule, ergänzte, in der letzten Schulvorstandssitzung sei ebenfalls über das Thema gesprochen worden. Ergebnis: Privatleute und Vereine sollen angesprochen werden, inwieweit sie sich eine Beteiligung an der Betreuung vorstellen könnten. Bürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos) sprach von der Idee, sich „in Projekten durchs Jahr zu hangeln“. Es erhöhe vielleicht die Motivation der Freiwilligen, sich zu beteiligen, wenn sie zum Beispiel nur vier Wochen lang einen Kurs anbieten und dann abgelöst werden, statt sich das ganze Jahr zu binden. Überdies bekämen die Kinder so ein abwechslungsreiches Angebot.

Was gibt es Neues zum Bildungszentrum?

Wie ein mögliches Bildungszentrum aussehen könnte, zeigte Fee Kyriakopoulos von den Baupiloten auf. Sie war online zugeschaltet. Bestandteile des Bildungszentrums wären die bestehende und in Teilen zu sanierende Inselschule sowie ein Neubau der Grundschule an der Weidenstraße und der Berufsbildenden Schulen (BBS). Das Berliner Architekturbüro Baupiloten hatte sich in der Vergangenheit bereits vor Ort im Rahmen einer Machbarkeitsstudie mit Vertretern der Schulen über Synergien etc. ausgetauscht.

Im Borkumer Schulausschuss ging es unter anderem um die künftige Schullandschaft auf der Insel. Foto: Ferber
Im Borkumer Schulausschuss ging es unter anderem um die künftige Schullandschaft auf der Insel. Foto: Ferber

Der Fokus der Präsentation lag auf Variante 1, die als verbindendes Element der drei Schulen eine Arena vorsieht, die unter anderem eine Mediathek, ein Essenszentrum und eine Aula samt mobiler Bühne auch für externe Veranstaltungen vorsieht. Die Ausführungen zur alternativen Variante 2 fielen deutlich kürzer aus. Für Irritationen sorgte im Ausschuss, dass die Varianten 3 bis 6 in einer Vorauswahl bereits aussortiert worden waren. Die präsentierten Unterlagen sollen nun von den Fraktionen bis zur Beratung im nächsten Schulausschuss – terminiert innerhalb der kommenden acht Wochen – näher gesichtet werden.

Liegen schon Kostenschätzungen vor?

Ja – und die von den Baupiloten für die Variante 1 vorgelegten Zahlen sorgten im Ausschuss für das ein oder andere Raunen. So werden für Sanierung und Umbau der Inselschule knapp 12,3 Millionen Euro veranschlagt, für den BBS-Neubau fast 7,9 Millionen Euro, für die Arena rund sechs Millionen Euro und für die künftige Ganztagsgrundschule etwa 20 Millionen Euro.

Wie geht es nun weiter?

Mit vielen Gesprächen. Der Ausschuss hat die Verwaltung beauftragt, zeitnah Gespräche mit dem Landkreis Leer – als Träger von Inselschule und BBS – über die Mitfinanzierung der Arena und eine Architektenausschreibung zu führen. Generell ist zu klären, ob der Kreis überhaupt noch bei dem Projekt Bildungszentrum mitzieht. Ebenfalls auf der Agenda: die nötige B-Plan-Änderung. Jürgen Akkermann bat seinerseits darum, sich Gedanken zu machen, ob man nicht ein „Streichkonzert“ ansetzt. Also zu überlegen, was man sich angesichts der exorbitant hohen Beträge als Verzicht vorstellen könne. „Am besten spart man durch Weglassen.“ Die Summen seien nicht gegenfinanziert und am Ende müsse man entscheiden, „wie viel ist uns das als Stadtrat wert – auch ohne Förderung?“. Vielleicht, ergänzte der zuständige Abteilungsleiter Frank Pahl, bleibe es am Ende dann doch bei einer Single-Lösung, also „nur“ einem Neubau der Grundschule.

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