Von 20 bis 21 Uhr in Ostfriesland  Ein Spiel gedreht mit der Sprecher-Legende von Kickers Emden

| | 21.12.2024 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Gerd Krauledat ist seit 70 Jahren Mitglied bei Kickers Emden. Fotos (2): Doden/Emden
Gerd Krauledat ist seit 70 Jahren Mitglied bei Kickers Emden. Fotos (2): Doden/Emden
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Seit 48 Jahren ist Gerd Krauledat die Stimme von Kickers Emden. Im Heimspiel gegen Teutonia Ottensen durften wir ihn einen Abend lang in seinem zweiten Wohnzimmer begleiten. Auf in die Sprecher-Kabine.

Emden - Das Fenster zum Platz des Ostfrieslandstadions ist geöffnet, es riecht nach echter Fußball-Atmosphäre. Neben der Aufstellung und dem Notizblock liegt das Mikrofon, daneben gleich vier unterschiedliche Stoppuhren. „Zwei davon müssen zur Sicherheit immer laufen“, lacht Gerd Krauledat und begrüßt uns in seinem zweiten Wohnzimmer. Die Legende von Kickers Emden gewährt zum letzten Heimspiel des Jahres gegen Teutonia Ottensen einen Einblick in seinen Job als Stadionsprecher, und es wird zum Abschluss noch einmal richtig emotional. Seit 1977 ist der inzwischen 80-Jährige ohne Unterbrechung die Stimme von Kickers Emden.

Sein Platz in dem beheizten Container auf der Gegentribüne in Höhe der Mittellinie ist der auf der rechten Seite. Neben seiner Hauptaufgabe als Sprecher ist Krauledat aber auch noch höchstpersönlich für die Tore von Kickers Emden zuständig, nämlich für die auf der Anzeigetafel. Denn in Emden sind die Treffer noch echte Handarbeit: Vor der Ansage eines jeden Kickers-Treffers tauscht Krauledat erfreut die Tafel aus.

Emotionales Wechselspiel mit den Fans

An diesem Abend droht eine Blamage, bis kurz vor 21 Uhr muss er auf ein freudiges Ereignis warten. Um genau 20.51 Uhr hält es ihn auch nicht mehr auf seinem Sitz, da sich der erste Emder Treffer mit aller Macht ankündigt: Es gibt Elfmeter für Kickers Emden im letzten Heimspiel des Jahres. 0:2 liegt der Fußball-Regionalligist gegen Teutonia Ottensen in der Halbzeit zurück. Geht da vielleicht doch noch einmal etwas?

Wenig später drückt Kapitän Tido Steffens den Ball im Nachschuss über die Linie, und die Stadionsprecher-Legende startet das emotionale Wechselspiel mit den Anhängern, um den Treffer auch stimmgewaltig zu zelebrieren. Natürlich liebt er es, die BSV-Treffer gemeinsam mit den Fans zu feiern.

Arbeit beginnt schon am Morgen

Seine ehrenamtliche Arbeit fängt aber schon am frühen Morgen an. „Ich lese die OZ-Berichte, um mich auf das Spiel vorzubereiten. Vor der Partie habe ich dann auch schon mit unseren Trainern gesprochen, ob alle Spieler fit sind oder es möglicherweise Ausfälle gibt. Rund anderthalb Stunden vorher bin ich dann erstmals in der Sprecherkabine und teste die Technik. Danach hole ich mir so früh wie möglich die Mannschaftsaufstellungen, um mich auch schon auf die Namen der Gästespieler vorzubereiten“, berichtet Krauledat.

Gerd Krauledat vor dem Spiel.
Gerd Krauledat vor dem Spiel.

Los kann es erst dann gehen, nach dem er sich mit den Anhängern auf das Spiel eingestimmt hat. Krauledat: „Der 12. Mann im Stadion sind die Fans von Kickers“ - „Emden“, brüllen die Anhänger, der Ball kann rollen.

Ausnahme für einen Journalisten

In dem recht neuen Container sitzt Krauledat seit der Regionalliga-Saison 2022/2023. Auch die Technik hat Einzug gehalten, so ist ein Bildschirm fest installiert, der das produzierte Livestream-Signal inklusive der Wiederholungen direkt abspielt, so dass Krauledat bei Auswechselungen oder Treffern noch einmal genauer hinsehen kann. Wenn nicht mal ein Gast vorbeischaut, sitzt er zusammen mit Manuel Crölle (Stadion DJ) und seinem Kumpel und Kickers-Urgestein Edzard Wagner in der Sprecherkabine.

Für einen Journalisten wird in der Kabine auch öfter eine Ausnahme gemacht. „Wenn der NDR mal live im Radio über ein Spiel berichten möchte, haben wir hier auch noch einen Platz für Burkhard Tillner“, verrät Krauledat. Der langjährige Radioreporter wird auch besonders umsorgt. „Ich weiß, dass er den Emder Matjes besonders liebt, er bekommt immer ein Matjesbrötchen.“

Stärkung in der Halbzeitpause

Aber auch die reguläre Vereins-Crew darf sich in der Halbzeit-Pause über eine Stärkung freuen. Kurz vor der 45. Minute kommt Zeugwart Helga Aper, die gute Seele der Kickers-Kabine, vollbepackt in die Container-Kabine. Die gegrillten Bratwürstchen mit Senf und Pommes mit Mayo finden dankende Abnehmer.

Gestärkt geht es dann für Gerd Krauledat in den Endspurt. Noch dreimal darf er an diesem Abend ein Kickers-Tor ankündigen, das Spiel ist mit 3:2 gedreht, aber Feierabend hat er noch lange nicht. Denn wie schon seit Jahren führt Krauledat nach den Spielen noch souverän mit den beiden Trainern im VIP-Raum durch die Pressekonferenz.

Die Pressekonferenz mit den Trainern in Emden hat in Gerd Krauledat einen erfahrenen Moderator. Foto: Herzog
Die Pressekonferenz mit den Trainern in Emden hat in Gerd Krauledat einen erfahrenen Moderator. Foto: Herzog

Krauledat lüftet Geheimnis

Ein Geheimnis muss noch gelüftet werden. Was hat es mit dem Ausspruch „Tido, die fünf bitte“ auf sich? Diese Ansage macht Krauledat immer kurz vor Ende der ersten und zweiten Halbzeit. „Das liegt schon etwas länger zürück. In der zweigeteilten Regionalliga war Sven Hoffmeister 2007 unser Torhüter. Er wollte das als Signal haben, damit er die Mannschaft bei einem engen Spielstand noch ein bisschen mehr pushen kann. Dabei ist es geblieben, so dass ich in der 40. und 85. Minute immer die Mannschaft auf die Uhrzeit hinweise.“

Auf der anschließenden Weihnachtsfeier nach der Partie gegen Ottensen verkündete Kickers-Boss Henning Rießelmann auch die „Vertragsverlängerung“ mit Gerd Krauledat. Der Senior wurde kürzlich für seine 70-jährige Kickers-Mitgliedschaft geehrt, am Mikrofon geht er in der nächsten Spielzeit dann in sein 49. Jahr. Dass er auch weitermacht, kommt nicht sonderlich überraschend. „So lange es gesundheitlich noch geht, bleibe ich sehr gerne mit dabei.“ Vor Kurzem hat er im OZ-Podcast angekündigt, dass er nur allzu gerne noch einmal ein Treffer von Kickers Emden in der Dritten Liga am Mikrofon feiern möchte. Davor wird es aber noch öfter aus der Kehle von Gerd Krauledat heißen müssen: „Tor für Kickers“ - „Emden!“

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