Besonderheit beim Kickers-Gegner  Dieser Havelse-Spieler feuerte vor zwei Jahren seinen Trainer

| | 17.10.2024 17:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Florian Riedel geht beim TSV Havelse nicht nur als Spieler voran. Foto: Imago
Florian Riedel geht beim TSV Havelse nicht nur als Spieler voran. Foto: Imago
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Florian Riedel ist auch Sportdirektor beim Regionalliga-Ersten. Mit unserer Zeitung sprach er vor dem Topspiel in Emden über das besondere Modell, die schwierige Sponsorensuche und große Visionen.

Havelse - Wenn der TSV Havelse an diesem Samstag, 19. Oktober 2024, zum Spitzenspiel nach Emden reist, ist auch ein ganz besonderer Regionalliga-Fußballer dabei. Ex-Profi Florian Riedel ist nicht nur Führungsspieler und Leistungsträger beim Überraschungs-Tabellenführer der Nord-Staffel. Der 34-Jährige ist seit etwas mehr als zwei Jahren auch Sportdirektor und nun auch Vorstand beim Klub aus der Nähe von Hannover. Diese Konstellation ist in dieser Form auf dieser Ebene einmalig und bescherte Florian Riedel auch schon einen Auftritt im NDR-Sportclub.

Florian Riedel (links) ist ein Dauerbrenner. Er stand diese Saison jede Minute auf dem Platz. Foto: Imago
Florian Riedel (links) ist ein Dauerbrenner. Er stand diese Saison jede Minute auf dem Platz. Foto: Imago

Wer mit Florian Riedel spricht, trifft auf einen zielstrebigen, ehrgeizigen und direkten Mann. Dass sich der spielende Funktionär in der ungewöhnlichen Konstellation auch vor unangenehmen Entscheidungen nicht drückt, bewies er bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt als Sportdirektor. Mitte September 2022 trennte sich der TSV Havelse nach nur zehn Wochen vom neuen Trainer Philipp Gasde. Auch Riedel war an der Entscheidung in seiner neuen Rolle natürlich mit beteiligt, er verkündete das Aus Gasde auch persönlich. „Wir hatten damals einen großen Umbruch, standen nach dem Drittliga-Abstieg nach neun Spieltagen mit nur sechs Punkten in der Regionalliga auf einem Abstiegsplatz. Wir mussten etwas verändern. Auch wenn wir Spieler, und damit auch ich, natürlich auch voll in der Verantwortung standen“, sagt Riedel rückblickend.

Das richtige Bauchgefühl

Riedel und der TSV gaben dem eigenen U19-Trainer Samir Ferchichi eine Chance. Er sah in dem Polizeibeamten Potenzial, die Wende zu schaffen – auch weil sie denselben Fußballstil verfolgen. „Mein Gefühl von damals hat mich nicht getäuscht“, sagt Riedel.

Samir Ferchichi ist seit September 2023 Trainer des TSV Havelse und führte den Klub aus dem Tabellenkeller auf Platz eins. Foto: Imago
Samir Ferchichi ist seit September 2023 Trainer des TSV Havelse und führte den Klub aus dem Tabellenkeller auf Platz eins. Foto: Imago

Das ist noch untertrieben. Die erste Spielzeit 2022/2023 schlossen die Garbsener noch als Tabellensechster ab, die vergangene 2023/2024 als Achter. Und diese Saison starten sie richtig durch. Neun Startsiege in Serie sorgten auch überregional für Aufmerksamkeit. Mit 34 von 42 möglichen Punkten beträgt der Vorsprung auf den Zweiten Drochtersen sieben Punkte, auf den Dritten Kickers Emden acht. „Ein riesen Kompliment an die Mannschaft, was sie bisher geleistet hat. Das ist brutal“, sagt Florian Riedel.

Von Eggestein bis Undav

Da kann sich der gebürtige Sachse selbst kräftig auf die Schultern klopfen. Als Leistungsträger auf der rechten Außenbahn, der noch keine Spielminute verpasst hat. Und als Sportdirektor und Vorstand, der mit wenig Mitteln und viel Überzeugungskraft einen spannenden und regionalen Kader zusammengestellt hat. „Wir haben 15 Spieler aus der Region in unserem Team. Zwölf davon wurden auch in unserer Jugend ausgebildet.“

Der TSV Havelse ist für seine gute Jugendarbeit bekannt. Auch die Bundesligaspieler Deniz Undav (VfB Stuttgart), Maximilian Eggestein (SC Freiburg) und Bruder Johannes Eggestein (FC St. Pauli) erlebten Jugendjahre beim TSV, Undav sogar seine ersten beiden Herren-Spielzeiten.

Mit zwölf Jahren ins Hertha-Internat

Auch Florian Riedel lebte seinen Traum als Fußballprofi, für den er schon in jungen Jahren ein großes Opfer brachte. Mit zwölf Jahren verließ er das Elternhaus in der Nähe von Zwickau, zog ins Internat von Hertha BSC Berlin. Zweimal täglich Training, dazwischen Schule, Zimmer mit Blick aufs Olympiastadion. „Fußball hat mir schon früh viel bedeutet.“ Bei Hertha schaffte er zwar nicht den Sprung ins Bundesligateam, spielte aber mit 17 Jahren unter Lucien Favre einmal im Uefa-Cup und das eine oder andere Testspiel mit den Profis. Beim 1. FC Kaiserslautern (2012 bis 2015) in der 2. und VfL Osnabrück (2011/2012) in der 3. Liga hatte er ebenfalls besondere Stationen. „Das waren in den drei Ligen schon besondere Klubs.“ Auch in vier verschiedenen Regionalligen war er unterwegs.

Florian Riedel als ganz junger Spieler bei Hertha BSC Berlin. Foto: Imago
Florian Riedel als ganz junger Spieler bei Hertha BSC Berlin. Foto: Imago

Im August 2021 führte der Weg dann zum TSV Havelse, der ein Drittliga-Abenteuer erlebte. „Wir waren als Amateurteam in einer Profiliga. Die Spieler kündigten nach dem Aufstieg nicht ihre Jobs, sondern reduzierten lediglich die Stunden, sofern das möglich war.“ Der direkte Abstieg war angesichts der Strukturen und Umständen keine Überraschung.

„Kleinster Etat der Liga“

Dass der TSV nun schon wieder an die Tür zur 3. Liga klopft, überrascht auch die Havelser selbst. Auch wegen der finanziellen Möglichkeiten. „Wir haben den kleinsten Etat der Liga“, meint Riedel. Nach Klubangaben bewegt er sich um die 200.000 Euro. Es gibt keinen Großsponsor. Der TSV hat bisher sogar keinen Trikotsponsor auf der Brust. „Was Sponsoren und Zuschauer angeht, sind wir natürlich klar im Schatten von Hannover 96 und noch einigen anderen Teams aus anderen Sportarten wie Handball oder Eishockey. Der TSV spielt auch schon seit Ewigkeiten in der Regionalliga. Da ist eine gewisse Müdigkeit im Umfeld zu erkennen. Deshalb treten wir die Flucht nach vorne an.“

Seine ersten beiden Herren-Jahre sowie zuvor eine U19-Saison verbrachte der heutige Nationalspieler Deniz Undav (links) eins im Trikot des TSV Havelse. Foto: Imago
Seine ersten beiden Herren-Jahre sowie zuvor eine U19-Saison verbrachte der heutige Nationalspieler Deniz Undav (links) eins im Trikot des TSV Havelse. Foto: Imago

Auf der Homepage präsentiert der TSV Havelse ehrgeizige Visionen. Unter „Mission Profifußball“ skizziert der Klub Eckdaten: 3. Liga 2025/2026, Beginn des Stadionausbaus 2026/2027, Aufstieg in die 2. Bundesliga 2030. „Das alles ist unter den derzeitigen Voraussetzungen natürlich nicht möglich, selbst für die Regionalliga wird es schwer. Sie wird immer professioneller“, sagt Florian Riedel. „Wir suchen einen strategischen Partner. Dann könnte man gewisse Ziele verfolgen. Wir erreichen jetzt schon mit wenig viel. Wer weiß, was mit anderen finanziellen Mitteln noch möglich wäre?“

So funktioniert das Havelse-Modell

Die starke Saison der semiprofessionellen Feierabendkicker – auch der Trainer arbeitet in Vollzeit als Polizist – erleichtert natürlich Sponsorengespräche. „Erfolg macht schon sexy.“ Doch ein strategischer Partner, großer Gönner oder Trikotsponsor konnte noch nicht final gewonnen werden. Riedel und der umtriebige Vorsitzende Daniel Wolter arbeiten weiter daran. Täglich.

Um 17.30 Uhr zum Training wird aus dem Sportdirektor und Vorgesetzten Florian Riedel der Fußballer und Mitspieler Florian Riedel. „Mir ist schon klar, dass nicht jeder Trainer die Konstellation akzeptieren würde. Und ich kann auch nicht sagen, dass es Morgen genauso gut woanders funktioniert wie bei uns“, sagt der 34-Jährige.

In Havelse klappt es aber. Das Wort von Riedel hatte schon vor der Berufung zum Sportdirektor ein großes Gewicht in der Kabine. Wegen seiner Vita, seiner Leistung, seiner Erfahrung, seines Charakters. „Die Basis ist das Vertrauen.“ Natürlich sei es für die Mitspieler vielleicht auch mal seltsam, dass da nun ja auch der Sportdirektor neben einem in der Kabine sitzt. „Ich habe da aber einen guten Mix gefunden, weiß auch wie eine Fußballkabine funktioniert. Ich weiß, welche Sachen ich mitnehmen kann – und wo ich vielleicht auch mal weghören muss.“

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