Leben auf der Insel  Wenn du plötzlich eine Wohnung auf Borkum brauchst

| | 11.09.2024 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ungeplant auf Wohnungssuche gewesen: Redakteur Florian Ferber. Foto: K. Kauf
Ungeplant auf Wohnungssuche gewesen: Redakteur Florian Ferber. Foto: K. Kauf
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Die bisherige Wohnung von Redakteur Florian Ferber auf Borkum wurde überraschend gekündigt. Notgedrungen musste er sich nach einer neuen Bleibe umschauen – kein leichtes Unterfangen.

Borkum - Bezahlbarer Wohnraum auf Borkum wird händeringend gesucht – und ist seit Jahren Gesprächs- und Diskussionsthema in Stadt, Politik, Handwerk oder Wirtschaft. Ich habe bisher stets als außenstehender Berichterstatter darüber geschrieben, nie als selbst Betroffener. Bis jetzt. Anfang Juli flattert völlig unvermittelt eine Kündigung für meine Wohnung auf Borkum ins Haus. Wegen Eigenbedarfs muss ich bis spätestens 31. Oktober 2024 ausziehen.

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Wie gehe ich mit der Wohnungskündigung um?

Ein Schock, trotz vier Monaten Schonfrist und der Option – mit einer Begründung als Härtefall – schriftlichen Widerspruch einzulegen. Weitreichende Konsequenzen stehen im Raum, sollte ich auf Borkum kein neues, bezahlbares Dach überm Kopf finden. Kann ich überhaupt noch meine Arbeit fortführen oder läuft es auf einen Jobwechsel hinaus? Schließlich ist ein tägliches Pendeln zwischen Insel und Festland nicht praktikabel und man kann zum Wohnen nicht mal eben in die Nachbarkommune ausweichen.

"Old school"-Suche per Aushang am BZ-Store. Foto: K. Kauf
"Old school"-Suche per Aushang am BZ-Store. Foto: K. Kauf

Also gehe ich auf die Suche. Nach einer 60 bis 70 Quadratmeter großen Mietwohnung mit Einbauküche – zunächst klassisch „old school“ mit einem Aushang an der Türscheibe zum BZ-Store. Ich platziere zudem Inserate, unter anderem bei Markant und im Vorraum der Volksbank – neben zahlreichen anderen Wohnungsgesuchen. Der vom Land Niedersachsen anerkannte „angespannte Wohnungsmarkt“ auf Borkum ist Realität. Dann heißt es warten. Tage, Wochen vergehen. Innerlich bereite ich mich derweil aufs „Nackigmachen“ vor, ordere eine Schufa-Auskunft, sammle die letzten Gehaltsnachweise.

Natürlich höre ich mich um, frage den einen oder anderen auf der Insel, kontaktiere Kollegen, behalte die gängigen Immobilien- und Kleinanzeigen-Portale im Internet im Blick. Passende Angebote sind nicht in Sicht. Ich schaue mich auch in Emden um, dort ist die Auswahl natürlich größer. Gleichwohl ein Umzug – wenn auch vom Arbeitgeber abgesegnet – einige Auswirkungen auf meine Tätigkeit vor Ort hätte. Ich besichtige zwei Wohnungen in Emden. Eine weitere Besichtigung muss ich dreimal verschieben, weil der Katamaran ausfällt. Eine Wohnungsführung via WhatsApp-Call reicht mir für eine Zusage nicht aus.

Was sagen andere zum Thema fehlender Wohnraum?

Während der Zeit des Wartens kommt mir das Interview in den Sinn, das ich im Juni mit Prof. Dr. Enno Schmoll von der Jade Hochschule in Wilhelmshaven geführt habe. Er sprach über das Projekt „Jobs on Islands“. Ich erinnere mich vor allem an ein Zitat von ihm, adressiert an Borkum und die anderen Ostfriesischen Inseln: „,Sie haben drei wesentliche Probleme: Das erste ist der Wohnungsmarkt, das zweite ist der Wohnungsmarkt und das dritte ist der Wohnungsmarkt.“

Das Problem fehlenden Wohnraums beschäftigt die Insel Borkum schon lange. Foto: Schuldt/dpa
Das Problem fehlenden Wohnraums beschäftigt die Insel Borkum schon lange. Foto: Schuldt/dpa

Er und seine Kollegen, so Schmoll, hätten mit Unternehmern gesprochen, die erzählt haben, sie hätten Personal einstellen können, dann aber keine geeignete Wohnung gefunden. „Das ist dramatisch. Der Ausverkauf ist nicht ungefährlich. Wenn die meisten Eigentümer der Häuser nicht mehr auf der Insel sind, stellt sich die Frage: Wie stark sind sie dann noch involviert in die Wohn-Bedürfnisse und das Leben vor Ort?“, fragte Schmoll. Es dürfte sich bemerkbar machen, dass in der Vergangenheit (zu) viele Ferienwohnungen zugelassen wurden, die nun als Wohnraum fehlen. Die auf der Stadt-Homepage einsehbare Wohnraumbedarfsanalyse beziffert das Angebot auf Borkum mit etwa 7000 Wohnungen. Davon seien 43 Prozent dem Dauerwohnen zuzuordnen, der Rest Zweit- und Ferienwohnungen.

Fehlender Wohnraum und die Folgen beschäftigen auch Borkums Dehoga-Inselverband um den 1. Vorsitzenden Volkmar Vogel. Vor allem für Fachkräfte sei es oftmals schwierig, adäquaten Wohnraum zu finden. Vogel nennt als Beispiel den Chefkoch, der auf dem Festland günstigere, auf jeden Fall aber mehr Alternativen finde. „Wir haben Regionen, wo der Mietspiegel sehr niedrig ist, etwa in der Lüneburger Heide. Da kann der Chefkoch wohnen und dann 20 Minuten mit dem Auto zur Arbeit fahren.“

Bis der Mietvertrag unterschieben ist und die Schlüssel ausgehändigt sind, ist es mitunter ein langer Weg. Foto: Kahnert/dpa
Bis der Mietvertrag unterschieben ist und die Schlüssel ausgehändigt sind, ist es mitunter ein langer Weg. Foto: Kahnert/dpa

Gleichwohl setzt Volkmar Vogel Hoffnung in die neu gegründete Wohnraumgenossenschaft auf der Insel. Es wäre schön, so der Dehoga-Vorsitzende, wenn sie – im wahrsten Sinne – die ein oder andere Tür öffnen könne. Eine weitere Option, die Lage zu entspannen, wäre unter anderem eine Wohnbebauung im Ortsteil Reede. Hier steht eine tiefergehende politische Diskussion aber noch aus. Die temporäre Umwandlung von Ferienwohnungen in Dauerwohnsitze brachte wegen der zeitlichen Begrenzung bisher keinen großen Effekt.

Fehlt auf den anderen Ostfriesischen Inseln auch Wohnraum?

Die flächenmäßig kleinste Ostfriesische Insel, Baltrum, ist ebenfalls beständig auf der Suche nach neuem Wohnraum. Man habe, so Bürgermeister Harm Olchers (parteilos), einige Grundstücke, die dem Land gehören, – nach Rücksprache mit den beteiligten Behörden – für eine mögliche künftige Bebauung ins Visier genommen. Im Rat sei bereits ein Katalog mit Vergabekriterien entwickelt worden. Olchers verhehlt nicht, dass Rechtsprechung und Gesetze das Ganze nicht unbedingt leichter machten. Vergaberichtlinien schnürten der kleinen Gemeinde zuweilen „den Hals zu“. Die Konsequenz des mangelnden Wohnraums bekommt überdies auch Baltrum zu spüren. Fachpersonal fehle an jeder Ecke, ob bei der Gemeindeverwaltung oder im Handwerk, berichtet der Verwaltungschef. „Dazu kommt: Wir sind mehr oder minder ein Dorf, sehr klein, das muss man mögen. Manchem ist das viel zu persönlich.“

„Chef“ der kleinsten Ostfriesischen Insel: Baltrums Bürgermeister Harm Olchers. Foto. Archiv
„Chef“ der kleinsten Ostfriesischen Insel: Baltrums Bürgermeister Harm Olchers. Foto. Archiv

Auch auf Langeoog ist der Wohnungsmangel groß, bestätigt Bürgermeisterin Heike Horn (parteilos). „Es existiert kein freier Wohnungsmarkt. Wohnraum wird fast ausnahmslos zu touristischen Zwecken im Rahmen von Ferienvermietung genutzt. Die Inselgemeinde hat keine entsprechenden Regelungen getroffen, dass zum Beispiel bei Neubau ein bestimmter Prozentsatz der Wohnfläche für insularen Wohnraum vorgehalten werden muss“, räumt Horn ein. Freiwerdende Häuser und Wohnungen würden zu Höchstpreisen verkauft.

Man wisse aufgrund von Anfragen im Rathaus, dass sich viele Menschen dafür interessierten, auf Langeoog zu leben, aufgrund des fehlenden Wohnraumes jedoch davon Abstand nähmen. Aktuell gehe man von mindestens 60 fehlenden Wohnungen aus. „Für die Kommune bedeutet dies: Freibleibende Stellen, eine Mehrbelastung für unsere Mitarbeiter und teilweise Serviceeinschränkungen. Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern können nicht in der gewünschten Geschwindigkeit bearbeitet werden“, listet Heike Horn auf.

Heike Horn, Bürgermeisterin von Langeoog, setzt Hoffnung in ein neues Bauprojekt. Foto: Archiv
Heike Horn, Bürgermeisterin von Langeoog, setzt Hoffnung in ein neues Bauprojekt. Foto: Archiv

Aber sie berichtet auch von einem Großprojekt, das künftig Abhilfe schaffen soll: „Die Inselgemeinde Langeoog baut 45 neue Wohnungen. Von Zwei-Zimmer bis Fünf-Zimmer-Wohnungen, alle mit Terrasse oder Balkon. Baustart ist im Herbst 2024, aufgrund der Modulbauweise kann bei störungsfreiem Ablauf im Mai 2025 der Erstbezug einiger Wohnungen erfolgen.“ Ein Großteil der Wohnungen erfordere allerdings einen Berechtigungsschein.

Was sagt eine aktuelle Studie zum Wohnungsmarkt im Landkreis Leer?

Bis 2028 braucht der Landkreis Leer pro Jahr den Neubau von rund 950 Wohnungen: Diese Prognose hat das Pestel-Institut (Forschung regionaler Wohnungsmärkte) in einer Analyse zum Wohnungsmarkt im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) ermittelt. „Der Neubau ist notwendig, um das bestehende Defizit – immerhin fehlen im Landkreis Leer aktuell rund 840 Wohnungen – abzubauen. Aber auch, um abgewohnte Wohnungen in alten Häusern nach und nach zu ersetzen. Hier geht es insbesondere um Nachkriegsbauten, bei denen sich eine Sanierung nicht mehr lohnt“, wird Matthias Günther vom Pestel-Institut in einer Pressemitteilung zitiert.

Der aktuelle Zensus registriert für den Landkreis Leer rund 3.320 Wohnungen, die nicht genutzt werden, so das Pestel-Institut. Das seien 3,9 Prozent vom gesamten Wohnungsbestand. Ein Großteil davon – nämlich rund 1.590 Wohnungen – stehe jedoch schon seit einem Jahr oder länger leer. „Dabei geht es allerdings oft um Wohnungen, die auch keiner mehr bewohnen kann. Sie müssten vorher komplett – also aufwendig und damit teuer – saniert werden“, sagt Matthias Günther. Doch viele Hauseigentümer halten sich nach Beobachtungen des Pestel-Instituts damit zurück. „In ihren Augen ist eine Sanierung oft auch ein Wagnis. Sie sind verunsichert. Sie wissen nicht, welche Vorschriften – zum Beispiel bei Klimaschutz-Auflagen – wann kommen.“ Außerdem hapere es bei vielen am nötigen Geld.

Gibt es ein Happy End bei meiner Wohnungssuche?

Die Sorge, dass das Geld nicht reicht, habe ich bei meiner Wohnungssuche auch – zum Glück letztlich unbegründet. Meine Mutter entdeckt eines Tages unverhofft eine Anzeige im Internet, einige Tage nach der Besichtigung bekomme ich trotz großer Konkurrenz den Zuschlag für die Mietwohnung – und habe künftig auf Borkum als Mehrwert sogar eine kleine Rasenfläche hinterm Haus.

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