Starker Janssen Nach XXX-Drama von Paris erst Frustbier und dann Megawurf
Diskuswerfer Henrik Janssen ist nach seinem missglückten Auftritt bei Olympia noch frustriert. Aber er zeigte starke Reaktionen – erst vor Ort in Paris und nun im Wettkampf.
Magdeburg/Norden - Für ungültige Versuche steht bei Leichtathletik-Wettkämpfen ein X. Der aus Norden stammende Diskuswerfer Henrik Janssen erlebte bei Olympia in Paris ein XXX-Drama in der Qualifikation. Nach einer überragenden Saison und EM-Rang fünf bedeuteten drei ungültige Versuche beim Höhepunkt des Jahres den moralischen Tiefpunkt. „Der Frust bleibt noch ein bisschen“, sagt der 26-Jährige. „Aber ich brauche keine therapeutische Behandlung.“ Der Ostfriese zeigte schon in Paris eine tolle Reaktion auf das niederschmetternde Ergebnis – und nun auch im Wurfring. Beim Wettkampf im sächsischen Thum siegte Janssen mit einem Mega-Wurf von 66,40 Metern.
Mit der Schmach von Olympia im Hinterkopf glückte ihm die viertbeste Weite seiner Laufbahn. Und ganz nebenbei verwies er den Trainingskumpel und Olympia-Sechsten Clemens Prüfer mit mehr als drei Metern Vorsprung auf Rang drei. „In Paris hatte ich ein Brett im Kopf, in Thum hat wieder alles funktioniert“, sagt Henrik Janssen. „Dabei habe ich alles genauso gemacht.“
Silbermedaille in der Hand
Das Brett im Kopf hat bei den Olympischen Spielen natürlich mächtig am 2,04-Meter-Modellathleten genagt. „,Alter, was machst du‘, habe ich mich am Abend im Bett gefragt“, erzählt er. „Fliegst du morgen direkt nach Hause?“ Nein, antwortete er sich selber. „Ein anderer Hammerwerfer hat es so gemacht, aber zu Hause ist man auch traurig.“ Also ging der Athlet vom SC Magdeburg in den Folgetagen ganz offensiv auf Olympiatour. Er begab sich auch ins Deutsche Haus. Dort plauderte der Ostfriese unter anderem mit der Judo-Silberfrau Miriam Butkereit. „Ich habe sogar mal ihre Silbermedaille in die Hand genommen“, erzählt Janssen. Der Pechvogel unterhielt sich auch mit dem Glückspilz und Olympiastar Lukas Märtens – schließlich ist der Gold-Schwimmer ein Magdeburger „Landsmann“.
Und als nachts um 2 Uhr das Deutsche Haus schloss, zog Henrik Janssen noch mit den tollen Typen des Deutschen Ruder-Achters durch Paris. „Das macht eben Olympia aus“, erklärt er. „Ständig hat man Kontakt zu Sportlern anderer Disziplinen. Das gibt es sonst nirgends.“ Natürlich wurde Janssen auch immer mal nach seinem Resultat gefragt. Dann erzählte er von seinem Leid. „Oft kam dann mein Gegenüber mit einem Bierchen vorbei.“ Sein Fazit: „Olympia war toll, mein Wettkampf Mist.“
Trost bei Frau und Baby
Der Trost anderer Athleten tat gut. Und auch das Wiedersehen mit seiner Frau und seiner zwei Monate alten Tochter Elena war Balsam auf die angeknackste Seele des Hünen aus Ostfriesland. Trotzdem ist der XXX-Schock längst nicht vergessen. Das zeigte auch sein rustikales Statement nach dem starken Sieg am Wochenende in Thum: „Technisch hat es in Paris nicht geklappt. Ich werde hart daran arbeiten, dass ich so eine Scheiße nie wieder bei einem großen Wettkampf mache.“
Mit 26 Jahren kommt Henrik Janssen erst ins beste Werfer-Alter. „Bei Olympia in Los Angeles 2028 bin ich 30. Vielleicht kann ich dann sogar um Medaillen mitwerfen“, nennt er sein Fernziel. Vorerst aber muss er einen Schritt zurück machen. Denn wer bei Olympischen Spielen nicht abliefert, fällt automatisch um eine Kaderstufe nach unten. Henrik Janssen wechselt also vom Olympiakader in den Perspektivkader und muss zumindest ein Jahr lang gewisse Nachteile hinnehmen. Das bedeutet leichte finanzielle Einbußen und manchmal auch etwas schlechtere Bedingungen. So ist sein Kumpel Clemens Prüfer demnächst beim Diamond-Wettkampf der Weltspitze in Rom vertreten. „Und ich starte stattdessen bei einer Bahneröffnung in Dresden“, sagt Janssen mit einem sarkastischen Unterton. Doch der Weg zurück in den Olympiakader soll spätestens im nächsten Jahr bei der WM in Tokio gelingen.
Der Ostfriese stellt sich den neuen Herausforderungen. Das zeigte er nun in Thum. Da setzte er sich bei schlechten Bedingungen – völlige Windflaute – gleich mit dem ersten Wurf nach dem Olympia-Albtraum an die Spitze (64,46). Und als Steven Richter (LV Erzgebirge) im fünften Durchgang mit starken 65,72 Meter die Führung übernahm, konterte Janssen im letzten Versuch: 66,40 Meter – so reagiert kein von Frust und Selbstzweifeln geplagter Sportler, sondern ein Athlet, der seine Wut in Leistung lenkt.