Journalist in Kenia  Ostfriese erzählt vom Leben als Afrika-Korrespondent

| | 07.07.2024 08:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Beim Dreh in einem Stadtteil von Lagos/Nigeria hat Thilko Gläßgen gegen den Sohn vom Gemeindevorsteher Billard gespielt – und klar verloren. Foto: privat
Beim Dreh in einem Stadtteil von Lagos/Nigeria hat Thilko Gläßgen gegen den Sohn vom Gemeindevorsteher Billard gespielt – und klar verloren. Foto: privat
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Schon als Jugendlicher war Thilko Gläßgen fasziniert von Afrika. Nach dem Abi in Leer ging es erstmals dorthin. Zwei Jahre lang berichtete er als Journalist von dort. Jetzt kehrt er zurück – vorerst.

Landkreis Leer/Nairobi - Wer regelmäßig Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gesehen oder gehört hat, wird den Namen Thilko Gläßgen schon häufiger gelesen haben. Der 30-Jährige hat bis vor Kurzem in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia, gelebt und dort als sogenannter Korrespondenten-Vertreter für die ARD über knapp 40 Länder auf dem afrikanischen Kontinent berichtet. Sein Vorname lässt es dabei schon vermuten. Er ist Ostfriese. Genau genommen ist Thilko Gläßgen in Aurich geboren, in Ihrhove aufgewachsen und hat in Leer am Teletta-Groß-Gymnasium sein Abitur gemacht.

Doch wie kommt ein junger Mensch aus Ostfriesland dazu, in Kenia als Journalist zu arbeiten? „Das Thema Afrika als Kontinent reizt mich schon sehr, sehr lange“, sagt der 30-Jährige dieser Zeitung bei einem Videogespräch. „Ich habe in der Schule sehr wenig darüber gelernt.“ Daher habe er andere Fächer, an denen er kein großes Interesse hatte, dazu genutzt, um etwas über afrikanische Länder zu lernen.

Nach dem Abitur ging es nach Ghana

Nach dem Abitur 2012 seien dann viele Mitschüler für eine Zeit lang ins Ausland gegangen, aber meist in die USA, nach Lateinamerika oder Australien. „Ich habe mir gedacht, dass es vielleicht ein guter Zeitpunkt ist, für ein Jahr nach Afrika zu kommen“, sagt Gläßgen. Er habe schließlich über das Programm „weltwärts“ ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Ghana machen können und arbeitete dort in der Entwicklungszusammenarbeit. „Dadurch wurde meine Faszination greifbar“, sagt der heute 30-Jährige.

2012 begann Thilko Gläßgen ein FSJ in Ghana. Foto: privat/Archiv
2012 begann Thilko Gläßgen ein FSJ in Ghana. Foto: privat/Archiv

„Ich werde nie vergessen, wie ich mit 18 Jahren aus dem Flugzeug stieg und das Gefühl hatte, dass mich ein Faustschlag erwischt hat – so heiß und schwül war es“, erinnert er sich. Diese ersten Momente in Ghana seien sehr besonders gewesen. Dieser Moment, als er gemerkt habe, dass er wirklich auf sich alleine gestellt ist, sagt Gläßgen. „Der afrikanische Kontinent hat mich dann nicht mehr losgelassen.“

Während des Studiums mehrfach in Afrika

Nach seinem FSJ ging es allerdings erstmal zurück. Er studierte Journalistik in Bremen, nutzte aber das vorgeschriebene Auslandssemester, um es in Kamerun zu verbringen. „Direkt im Anschluss bin ich nach Namibia gegangen, um dort mein vorgeschriebenes Praxissemester beim Deutschen Radio zu machen“, sagt Gläßgen. Für sein Journalismus-Masterstudium zog er nach Leipzig. „Ich hab dann mitbekommen, dass man dort auch African Studies studieren kann“, sagt der Ostfriese. Er entschied sich für einen doppelten Master. Zum Studium gehörte auch wieder ein Auslandssemester. „Das habe ich 2021 im ZDF-Studio in Nairobi gemacht“, sagt er. Nach seinem Abschluss folgte ein Volontariat beim WDR in Nordrhein-Westfalen. Doch gleich im Anschluss ging es wieder zurück nach Afrika. Seit Oktober 2022 hat er für die öffentlich-rechtlichen Sender von dem Kontinent berichtet.

Die Basketballmannschaft vom Südsudan hat sich dieses Jahr für Olympia qualifiziert. Mit Thilko Gläßgen auf dem Foto ist Nationalspieler Koch Bar – mit 2,11 Metern einer der kleineren Spieler im Team. Foto: privat
Die Basketballmannschaft vom Südsudan hat sich dieses Jahr für Olympia qualifiziert. Mit Thilko Gläßgen auf dem Foto ist Nationalspieler Koch Bar – mit 2,11 Metern einer der kleineren Spieler im Team. Foto: privat

„Es gibt wahrscheinlich Tausende Dinge, die in Erinnerung bleiben werden“, sagt Gläßgen. Grundsätzlich habe er die Erfahrung gemacht, dass Deutschland in Afrika ein sehr gutes Image habe. „Wenn man sagt, dass man Deutscher ist, hat man schon mal einen Pluspunkt“, sagt der Journalist. Anders sehe es hingegen bei Franzosen aus. „Die deutsche Kolonialzeit ist sehr lange her, sodass sich häufig niemand mehr an die Folgen erinnert“, erklärt Gläßgen. In ehemals von Frankreich beherrschten Ländern hingegen gebe es noch immer einen großen Franzosenhass.

Viele freundliche Menschen erlebt

Er erzählt von einer Situation in Mali, als er ein Foto von einem besonderen öffentlichen Gebäude gemacht hatte. Er sei von Soldaten angesprochen worden, was er denn da mache. „Ich habe betont, dass ich nicht wusste, dass ich das nicht fotografieren durfte und betont, dass ich Deutscher bin und kein Franzose“, erinnert sich Gläßgen. „Sie haben mein Visum kurz überprüft und mich dann weitergehen lassen.“

Mit seinem ehemaligen Arbeitskollegen und Freund Stanley hat Thilko Gläßgen 20 Drehreisen quer durch Afrika unternommen. Foto: privat
Mit seinem ehemaligen Arbeitskollegen und Freund Stanley hat Thilko Gläßgen 20 Drehreisen quer durch Afrika unternommen. Foto: privat

Grundsätzlich habe er in Afrika immer viele freundliche Menschen erlebt. „Dass einem wirklich etwas Feindliches entgegengebracht wird, ist eher selten“, sagt er. „Ich schätze hier sehr, dass ich in Afrika nicht als jemand wahrgenommen werde, der etwas Negatives bringt, sondern dass man vom Positiven ausgeht.“ Diesen Optimismus werde er nicht vergessen.

Auch gefährliche Situationen im Job

Natürlich habe es in seinem Job als Journalist auch Situationen gegeben, die nicht ungefährlich waren. Gläßgen erzählt von einer Reise in den Osten des Tschads. „Wir waren in einer Eskorte unterwegs, saßen in Pickups und auf der Ladefläche waren bewaffnete Soldaten.“ Auf den trockenen Schotterpisten sei man schnell gefahren. „Dann ist man als Ziel schwieriger zu treffen“, sagt Gläßgen.

Auch von trockenen Flussbetten, die nach sintflutartigen Regenfällen plötzlich voll Wasser waren und durchquert werden mussten, berichtet der Ostfriese. „Das sind jedes Mal Situationen, über die man nicht nachdenken darf.“ Wenn man durch ist, denke man sich aber: „Puh, nichts passiert“. Er mache sich schon Gedanken, was passieren könnte. „Ich habe aber ein sehr großes Grundvertrauen“, sagt Gläßgen. „Ich reise mit positiven Absichten und denke, dass das sich auch irgendwie zurückzahlt.“

Fußballtrikots aus jedem Land mitgebracht

In jedem Land, das er besucht, versuche er, auch in ein Fußballstadion zu gehen. „Ich nehme mir auch immer ein Fußballtrikot von dort mit“, sagt der Fan des 1. FC Kaiserslautern. „Ich habe mittlerweile eine große Sammlung.“ Außerdem versuche er, immer lokale Besonderheiten zu essen. So habe er in Ghana beispielsweise frittierte Schnecken probiert. „In dem Moment, in dem ich das esse, zeige ich, ich bin ich einer von euch.“ Das seien Türöffner beziehungsweise Herzensöffner.

Jetzt geht es erstmal zurück nach Deutschland. Anfang Juli fängt Thilko Gläßgen beim WDR als festangestellter Redakteur für Landespolitik in Düsseldorf an. Worauf er sich in Deutschland wieder freut: „Die Nähe zur Familie ist schon großartig“, sagt er. „Ich freue mich auch sehr auf den Luxus durch die große Auswahl in deutschen Supermärkten, einfach Essen aus verschiedenen Teilen der Welt zubereiten zu können.“ Frische Mangos, Papayas und Kokosnüsse werde er in Deutschland allerdings sehr vermissen.

Immer und überall dabei hat Thilko Gläßgen seine Concordia-Ihrhove-Regenjacke, hier auf dem schneebedeckten Gipfel des Mount Kenia auf fast 5000 Metern. Foto: privat
Immer und überall dabei hat Thilko Gläßgen seine Concordia-Ihrhove-Regenjacke, hier auf dem schneebedeckten Gipfel des Mount Kenia auf fast 5000 Metern. Foto: privat

Ein Ziel hat Thilko Gläßgen bereits jetzt: „Ich will auf jeden Fall wieder als fester Korrespondent nach Afrika zurückkommen“, sagt er. „Es ist und bleibt ein großes berufliches Ziel.“ Er habe jetzt etwas mehr als die Hälfte der Länder gesehen. „Ist schon ein Traum von mir, die restlichen Länder zu sehen und darüber zu berichten.“ Er sei davon überzeugt, dass der afrikanische Kontinent nicht nur ein persönlicher Part von ihm sei, den er gerne ins Fernsehen bringen möchte. „Er ist wichtig für uns, und er wird sogar noch wichtiger.“ Dies sei nicht nur wegen der Menschen und Ressourcen der Fall, sondern auch wegen des Austauschs. „Wir können uns nicht erlauben, einen ganzen Kontinent auszusparen, nur weil wir Vorurteile haben.“

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