Historische Häuser  Was alte Häuser den neuen weit voraus haben

Imke Oltmanns
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Von Imke Oltmanns
| 20.06.2024 18:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Klaus Otten und Sarah Mürmann vom Monumentendienst bei der Inspektion eines 100 Jahre alten Daches. Foto: Oltmanns
Klaus Otten und Sarah Mürmann vom Monumentendienst bei der Inspektion eines 100 Jahre alten Daches. Foto: Oltmanns
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Wer in einem alten Haus lebt, macht sich Sorgen, wie lange es noch halten mag. Die Mauern, die Dachziegel, die Holzkonstruktionen – muss das alles neu? Die erstaunliche Antwort: Auf gar keinen Fall.

Jever - Ich lebe in einem Haus, das mein Urgroßvater Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Jever gebaut hat. Es ist ein großes gemauertes Haus, immer etwas kalt, auch im Sommer. Wenn ich im Haus umherlaufe, knirscht und knarrt es oft unter meinen Schritten, auch nachts höre ich manchmal, wie sich das Haus bewegt. Nebenan wohnen meine Eltern, in einem Haus, das nur unwesentlich jünger ist: Meine Urgroßmutter baute es etwa 20 Jahre später.

Angesichts der Forderungen nach energetischer Sanierung haben wir uns gefragt, wie man so alte Gebäude überhaupt dämmen kann. Und – viel beunruhigender – was man vielleicht noch alles anfassen muss, wenn man einmal anfängt, etwas an der Struktur zu ändern. Immerhin: Ein Haus ist von 1913, eines von 1936, auf den Dächern liegen die Ziegel aus den Baujahren und auch die Dachkonstruktionen stehen seit eh und je so da. Wir haben den Monumentendienst gebeten, die beiden Häuser unter die Lupe zu nehmen, denn deren Experten kennen sich mit historischer Bausubstanz aus. Drei Tage lang haben die beiden Gebäudeinspektoren Sarah Mürmann und Klaus Otten die Gebäude untersucht, vom Keller bis rauf aufs Dach. Das Ergebnis ist ganz erstaunlich. Oder in den Worten von Klaus Otten, gelernter Maurermeister und Restaurator im Maurerhandwerk: „Im Grunde ist der Zustand oft besser, als die Eigentümer es vorher vermuten.“

Sarah Mürmann auf dem Weg in den Keller. Foto: Oltmanns
Sarah Mürmann auf dem Weg in den Keller. Foto: Oltmanns

Das Holz

Oben auf dem Dachboden ist es stets etwas düster, der Boden staubig, in den Ecken hängen Spinnweben. Die beiden Inspektoren sind mit Taschenlampe unterwegs. Die Dachziegel aus Ton liegen seit 1913 auf diesem Dachstuhl, der genauso alt ist. Sarah Mürmann, gelernte Tischlerin mit anschließendem Studium in Kunstgeschichte und Denkmalpflege, guckt sich das Holz der Sparren gut an, deutet auf die engen Jahresringe und gibt Entwarnung: Alles in gutem Zustand, trotz des hohen Alters. Oder eigentlich: wegen des hohen Alters. Denn in historischen Gebäuden verbautes Holz, stellt sich heraus, ist sehr wahrscheinlich langlebiger als das in neuen Gebäuden.

Diese Balken halten die Dachkonstruktion seit mehr als 100 Jahren. Die nah beieinander liegenden Jahresringe verraten, warum das so gut funktioniert. Foto: Oltmanns
Diese Balken halten die Dachkonstruktion seit mehr als 100 Jahren. Die nah beieinander liegenden Jahresringe verraten, warum das so gut funktioniert. Foto: Oltmanns

„Früher hatten die Bäume eher die Chance, länger zu wachsen, sie weisen dadurch sehr enge Jahresringe auf“, sagt sie. Das spreche dafür, dass das Holz sehr widerstandsfähig und sehr stark sei. Faustregel: Weite Jahresringe bedeuten eine geringere Dichte des Holzes, es ist also eher weich. „Und wenn dann etwas passiert, durch Feuchtigkeit, kann sich da viel schneller ein Pilz ansiedeln“, sagt Mürmann. Hölzer, die früher verbaut wurden, haben ihrer Ansicht nach eine Wertigkeit, „die ist heute nicht mehr zu bekommen“. Auch die Art der Verarbeitung des Holzes damals spielt offenbar eine Rolle, wie Klaus Otten erklärt: „Damals wurde das Holz bebeilt, man hat es also mit dem Beil kantig geschlagen und ist dann immer dem Faserverlauf gefolgt.“ Damit sei das Holz wesentlich stabiler, als anderes Holz, bei dem alle Fasern mit der Säge durchgeschnitten würden.

Die Dachziegel

Auch die Besichtigung der roten Dachziegel geht weitgehend gut aus. „Die historischen Ziegel weisen eine sehr gute Stärke auf, und den Beweis, dass sie lange halten, geben ja die Häuser, auf denen sie liegen“, sagt Mürmann dazu. In der Tat: Auf dem Dachboden bleibt es auch bei starkem Regen in der Regel trocken. Die alten Dachziegel, lernen wir, sind großporig, nehmen also Feuchtigkeit auf und geben sie auch wieder ab. Anders als etwa moderne glasierte Ziegel, durch deren Oberfläche kaum noch Wasser entweichen könne.

Klaus Otten guckt sich die Dachkonstruktion von 1913 von innen an. Foto: Oltmanns
Klaus Otten guckt sich die Dachkonstruktion von 1913 von innen an. Foto: Oltmanns

Klaus Otten verweist angesichts unserer Bedenken übrigens auf ein mehrere hundert Jahre altes Haus, das er kennt. Keine Ruine, ein bewohntes Haus. Das Holzgebälk dort sei noch in gutem Zustand, und auch die Ziegel auf dem Dach lägen dort wohl schon 200 Jahre.

Energetische Sanierung

Doch was ist nun mit der energetischen Sanierung? Ein Thema, bei dem Sarah Mürmann gleich einen kritischen Blick bekommt. Eines der größten Probleme, denen sie in den alten Häusern begegnet, sagt sie, sei der Versuch, sie nach heutigem Standard abzudichten. „Natürlich ist das Motto heute: Wir müssen dicht bauen und es darf keine Wärme aus dem Haus entweichen und es darf kein Wasser eindringen.“ Die damaligen Materialien bräuchten aber einen gewissen Wärmestrom und sie nähmen auch auf jeden Fall Feuchtigkeit auf. Die sie ja auch wieder abgäben. Dichte man das Haus nun nachträglich ab, sei dieses funktionierende System gestört, erklärt sie. Mögliche Folgen: Schäden am Mauerwerk.

Dennoch muss man auf eine energetische Sanierung nicht verzichten. Man müsse nur im Hinterkopf behalten, dass es alte Materialen seien, die nun einmal auf ihre alte Art funktionierten. Tatsächlich gebe es aber verschiedene Möglichkeiten, so eine alte Wand mit einer gewissen Dämmung aufzubauen. Näheres werden wir in einigen Wochen erfahren, wenn die beiden Inspektoren uns ihren ausführlichen Bericht schicken.

Der Monumentendienst

Der Monumentendienst im Weser-Ems-Gebiet ist nach eigener Auskunft einzigartig in Deutschland. Er wird vom Land Niedersachsen und den teilnehmenden Kommunen gefördert. Dazu gehören auch die ostfriesischen Landkreise und die Stadt Emden. Der Dienst betreut nach eigenen Angaben mit einem speziell ausgebildeten Team von Fachleuten mehr als 2000 historische Gebäude in der Weser-Ems-Region, die oftmals mehrere hundert Jahre alt sind. Das Inspektorenteam führe pro Jahr mehr als 300 Inspektionen und Beratungen sowie Kaufunterstützungen an historischen Gebäuden durch.

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