Europawahl-Nachlese  Warum kein AfD-Höhenflug auf den Ostfriesischen Inseln?

| | 10.06.2024 16:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Wahlergebnisse auf den Ostfriesischen Inseln dürften kein Anlass für Sektlaune bei der AfD gewesen sein. Foto: Joerg Carstensen/dpa
Die Wahlergebnisse auf den Ostfriesischen Inseln dürften kein Anlass für Sektlaune bei der AfD gewesen sein. Foto: Joerg Carstensen/dpa
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Leichte Zugewinne, aber insgesamt unter ferner liefen: So lassen sich die Ergebnisse der Alternative für Deutschland bei der Europawahl auf den Ostfriesischen Inseln zusammenfassen. Woran liegt das?

Borkum - Europa, Deutschland, Ostfriesland: Vielerorts brachte die Europawahl am Sonntag einen deutlichen Rechtsruck mit sich – sehr zur Freude der AfD. Auch im Landkreis Leer konnte die Alternative für Deutschland zulegen. Sie steigerte ihr Ergebnis von neun Prozent (2019) auf 17,4 Prozent. Im Nachbarlandkreis Aurich wurde die AfD in der Gemeinde Südbrookmerland mit 24,4 Prozent sogar stärkste Kraft. Von solchen Zahlen ist die rechtspopulistische Partei auf den Ostfriesischen Inseln weit entfernt. Woran liegt das?

Auf Borkum holte die AfD 200 Stimmen und verbesserte damit ihr Ergebnis von 2019 (7,6 Prozent) leicht auf 8,8 Prozent. Er sei positiv überrascht und habe eher rund zehn Prozent erwartet, erklärt Johannes Akkermann auf Nachfrage. Der Schulleiter im Ruhestand und politisch interessierte Borkumer hatte in seiner letzten BZ-Kolumne die Wichtigkeit betont, bei der Europawahl am 9. Juni eine Stimme abzugeben: „Dann können wir Wähler zeigen, dass die Demokratie über den Populismus und ein starkes Europa über den Nationalismus siegen wird.“

Anonymität könnte eine Rolle spielen

Als Gründe, warum die AfD unter anderem auf Borkum wenig erfolgreich war, führt Akkermann im Wesentlichen zwei Vermutungen an. „Zum einen glaube ich, dass sich auf den Inseln aus wirtschaftlichen Gründen durchgesetzt hat, dass es günstiger ist, weltoffen und gastfreundlich zu sein und Leute nicht zu sehr zu verschrecken.“ Der Kolumnist verweist auf den Bäderantisemitismus auf Borkum im 19. und 20. Jahrhundert. Damals sei es „en vogue“ gewesen, Antisemit zu sein. „Da haben viele Borkumer mitgemacht. Aber nach dem Krieg hat man gemerkt, dass Tourismus, Weltoffenheit und Toleranz zusammengehören.“

Zum zweiten, ergänzt Johannes Akkermann, spiele seiner Vermutung nach die Anonymität eine Rolle. Unterschwellig gebe es auch auf Borkum Rassismus. „Aber ich glaube, man traut sich nicht so richtig raus damit, weil die Mehrheit das ächtet.“ Wenn ein Geschäftsmann öffentlich kundtun würde, „ja, ich bin AfD-Wähler“, hätte er nur noch wenig Aufträge, so die Einschätzung des Ex-Schulleiters. Mit Blick auf die vielen jungen AfD-Wähler – die Partei hat in der Social-Media-App TikTok die meisten Likes – fügt Johannes Akkermann an: Mit den Schulen auf Borkum sei man vielleicht noch ein bisschen näher dran an den jungen Leuten, könne Tendenzen eher aufnehmen – und ihnen so entgegenwirken.

Kein Nährboden für AfD-Wähler

Auf Norderney holte die AfD 190 Stimmen, was ebenfalls einen leichten Zuwachs bedeutet, von 5,8 (2019) auf sieben Prozent. Für Bürgermeister Frank Ulrichs ist hier „eine Entwicklung erkennbar, die ich nicht schön finde. Im Gesamtverhältnis und im Vergleich mit anderen Kommunen ist es aber noch ein sehr harmloses Ergebnis“. Zu den Gründen, warum die Zugewinne überschaubar bleiben, erklärt der SPD-Politiker: „Wer wählt die AfD? Es sind häufig Protestwähler, Leute, die mit den etablierten Parteien, mit der aktuellen Politik unzufrieden sind. Diese Klientel hat eigentlich keinen Nährboden hier auf der Insel.“ Auf den Inseln herrsche diesbezüglich im Großen und Ganzen noch eine „heile Welt“.

Generell spiele die AfD in der Kommunalpolitik auf Norderney keine Rolle, habe dies bisher nie getan. „Wir haben weder eine Ortsgruppe noch jemanden, der sich öffentlich dazu bekennt“, berichtet Frank Ulrichs. Er selbst kenne keinen einzigen AfD-Wähler. Dennoch: 190 Stimmen sind 190 Stimmen. „Man scheint sich damit einem generellen Trend anzuschließen. Es ist zum Glück aber noch eine starke Minderheit.“

Mehr Themen vor Ort als „große Weltpolitik“

22 Stimmen (7,4 Prozent) erreichte die Alternative für Deutschland bei der Europawahl auf der kleinsten Ostfriesischen Insel Baltrum. Bürgermeister Harm Olchers (parteilos) hat verschiedene Einschätzungen dazu gehört. „Die einen sagen, ich hätte nicht gedacht, dass das so viel wird. Andere sagen, ich hätte gedacht, dass es eventuell sogar mehr wird.“ Auf Baltrum, erklärt Olchers, gebe es feste Fraktionsbildungen; es gehe mehr um die Themen vor Ort, weniger um die „große Weltpolitik“. Gleichwohl: Von den etablierten Parteien ist derzeit nur die CDU im Rat vertreten, außerdem zwei Wählergemeinschaften. Wer eine Alternative sucht, sucht sie offenbar eher dort als bei der AfD.

Tjark Goerges, parteiloser Bürgermeister der Inselgemeinde Juist, wertet das überschaubare Abschneiden der AfD als Zeichen, dass die Bevölkerung größtenteils zufrieden ist. Protest als Motivation zu Wählen sei offenbar nicht so ausgeprägt. „Im Vergleich zu anderen Kommunen geht es uns relativ gut auf den Inseln. Wir haben begriffen, dass wir ohne die Menschen, die keinen deutschen Pass haben, gar nicht arbeiten und existieren können.“ Auf Juist landete die AfD bei 36 Stimmen (6,6 Prozent, 2019: 4,4).

Entwicklung bereitet Bürgermeisterin Bauchschmerzen

Auf Langeoog ist die AfD als Partei ebenfalls nicht vertreten, bestätigt Bürgermeisterin Heike Horn (parteilos). Dennoch reichte es für 52 Stimmen (6,9 Prozent). „Ich hatte mit weniger gerechnet. Aber die Europawahl insgesamt zeigt, dass viele eine für sie annehmbare Alternative gesucht haben. Und dass eine Verschiebung stattfinden wird, haben wir alle erwartet“, erklärt Horn. Auch sie verweist darauf, dass vorwiegend jüngere Menschen die AfD gewählt haben – „und der Prozentsatz an Einwohnern in der Altersgruppe ist nicht so hoch bei uns“.

Die Wahlergebnisse der AfD in anderen Regionen seien indes bedenklich. Schließlich würden Mitglieder der Partei sowohl verbotene Sprache als auch Symbole aus dem Nationalsozialismus verwenden. „Ich hoffe, dass ein Großteil der Bevölkerung das, was wir mal hatten, nicht wieder möchte“, sagt Heike Horn. Die Entwicklung bereite ihr Bauchschmerzen, da ändere auch die geografische Lage nichts. „Nur weil man auf einer Insel lebt, heißt das nicht, dass man vom gesamtpolitischen Geschehen abgeschottet ist.“

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