Manager von Emden im Interview  Rießelmann verrät seine romantische Kickers-Motivation

| | 29.05.2024 13:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Manager Henning Rießelmann richtet sich hin und wieder auch mal mit Ansprachen an die Mannschaft. Fotos: Doden/Emden
Manager Henning Rießelmann richtet sich hin und wieder auch mal mit Ansprachen an die Mannschaft. Fotos: Doden/Emden
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Kickers Emden ist zurück in der Regionalliga. Manager Rießelmann erläutert, auf welcher Position er nach einer Verstärkung sucht und warum die Emder nach Imbissständen auf Ebay-Kleinanzeigen suchen.

Emden - Am Donnerstagabend entscheiden die Mitglieder von Kickers Emden auf der Versammlung über die geplante Ausgliederung der ersten Mannschaft. Manager Henning Rießelmann, der mit seiner Firma Anteile an der GmbH übernehmen möchte, erklärt im Interview, wie er sein Engagement in Emden bisher beurteilt und welche großen Herausforderungen anstehen.

Seit gut einem Jahr sind Sie jetzt bei Kickers Emden engagiert. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Rießelmann: Es war ein sehr intensives Jahr. Wir haben den Verein einmal komplett auf links gedreht. Es waren am Anfang unheimlich viele Baustellen, die wir bearbeiten mussten. Vor allem die Altschulden mussten abgebaut werden. Mit dem neuen Vorstand haben wir aber jetzt den richtigen Weg eingeschlagen. Wichtig war uns, dass wir von Beginn an auch sichtbare Erfolge erzielen, damit meine ich den sportlichen Bereich und Punkte in der Infrastruktur wie zum Beispiel die Plätze und das drumherum. Wir haben vor allem eine neue Mannschaft zusammengestellt, die auch als Band super zusammen spielt und mit der sich jeder rund um unseren Verein identifizieren kann. Jeder weiß, dass ich immer extrem Wert darauf lege, dass es auch vom Charakter her gut zusammenpasst. Ich glaube nicht, dass es schon einmal eine Oberligamannschaft gegeben hat, die so souverän durch die Liga marschiert ist.

Zu Saisonstart waren die Auftritte noch nicht ganz so souverän, das Team musste sich erst finden.

Rießelmann: Dass wir auch mal ein Spiel verlieren, ist nicht verwunderlich. Auch das gehört zu einem Entwicklungsprozess. Teilweise waren unsere Niederlagen auch unnötig. Ich bin aber auch nicht davon ausgegangen, dass wir hier in Emden anfangen und gewinnen mal einfach so mit 20 Punkten Vorsprung die Liga. Wir hätten durchaus ein zweites und drittes Jahr Oberliga bewältigt. Dass es jetzt so gekommen ist, macht es für alle Beteiligten einfacher, weil die Regionalliga einfach viel, viel attraktiver ist als die Oberliga. Jetzt freuen sich alle auf die Derbys und Knallerspiele gegen Oldenburg, Meppen und Lübeck.

Haben Sie in Ihrer Karriere solch eine Erfolgsserie, nämlich 18 Siege in Serie, schon einmal erlebt?

Rießelmann: Diese Siegesserie ist einzigartig, obwohl ich auch mit Lohne eine sehr erfolgreiche Zeit mit zwei Aufstiegen und den Gewinn des Niedersachsenpokals hatte. Ich glaube schon, dass sportlicher Erfolg auch bedingt planbar ist. Wir haben ein gutes und breitgefächertes Team mit Experten aufgebaut, auch um die Mannschaft herum. Auch der neue Vorstand ist mit verschiedenen Experten besetzt, das ist ein guter Weg für die Zukunft.

Efkan Erdogan holt sich nach einem Sieg die Glückwünsche von Henning Rießelmann ab.
Efkan Erdogan holt sich nach einem Sieg die Glückwünsche von Henning Rießelmann ab.

Ihr Steckenpferd ist die Kaderplanung, acht Neuzugänge wurden schon präsentiert. Was passiert noch in diesem Sommer?

Rießelmann: Wir halten immer die Augen und Ohren offen und wollen wachsam sein. Wir halten noch Ausschau nach einem Innenverteidiger - am besten einen Linksfuß. Damit sind wir dann aber auch durch. Wir wollen mit dem Großteil unserer Aufstiegsmannschaft die Mission Regionalliga angehen und haben da auch großes Vertrauen in unsere Jungs. Weiterhin werden wir uns jetzt in der Sommerpause nochmals intensiv mit unserem Trainerteam austauschen um zu diskutieren, wie wir mit dem neuen Rasen in der Regionalliga Fußball spielen wollen. Eine Forderung habe ich, dass wir auch die jungen, wilden Spieler wie Said Abbey, Felix Boelter, Joshua Dudock, Luis Podolski oder Jan Sabath schnellstmöglich heranführen. Ich möchte eine mutige Mannschaft sehen, die schnellen, unbekümmerten Tempofußball spielt. Aber natürlich werden wir auch unsere Tugenden nicht vernachlässigen: Wir sind stark nach Standards, und Kickers steht immer auch für Leidenschaft und aggressives Zweikampfverhalten.

Sie haben ja auch immer Wert auf ostfriesische Wurzeln bei der Mannschaft gelegt. Gibt es da noch welche, die Kickers verstärken könnten?

Rießelmann: Es gibt sicher noch ein, zwei talentierte Nachwuchsspieler, die jetzt noch in der A-Jugend woanders spielen. Auch schauen wir immer auch auf unseren Nachwuchs. Es gibt auch noch Marek Janssen und Luca Prasse, die beiden würden natürlich sportlich und auch menschlich perfekt zu uns passen. Aber man muss auch realistisch sein. Luca steht noch in Meppen unter Vertrag, Marek überlegt noch, ob er in Meppen verlängert oder ob es in die 3. Liga geht. Der SV Meppen ist uns momentan auch noch weit voraus, die Lücke wollen wir langsam schließen. Dann muss man mal sehen, was in zwei, drei Jahren ist. Marek ist ja noch nicht ganz so alt, vielleicht spielt er ja irgendwann auch noch mal in Emden.

Wie sieht es mit dem Trainerteam aus, bleiben alle an Bord?

Rießelmann: Wir werden geschlossen mit dem aktuellen Trainer- und Betreuerteam in die neue Saison gehen. Wir sind sehr zufrieden mit der Arbeit und setzen da voll auf Kontinuität.

Auch in der neuen Spielzeit arbeiten die Trainer Stefan Emmerling (rechts) und Markus Unger eng mit Henning Rießelmann zusammen.
Auch in der neuen Spielzeit arbeiten die Trainer Stefan Emmerling (rechts) und Markus Unger eng mit Henning Rießelmann zusammen.

Wie hoch wird der Etat in der neuen Saison sein?

Rießelmann: Das kann ich noch nicht abschließend sagen, er wird sicher höher sein als in dieser Spielzeit. Genaue Zahlen diskutieren wir immer intern.

Aber es bleibt dabei: Bei Kickers Emden ist kein Spieler Profi?

Rießelmann: Es ist kein Profispieler dabei. Alle haben noch einen Job oder studieren. Dreiviertel der Regionalliga-Konkurrenz arbeitet unter Profibedingungen. Wir versuchen mit unserem Trainerteam, auch mehr Vormittags-Einheiten anzubieten. Unsere Studenten können das vielleicht hin und wieder einrichten. So weit wie Meppen, Oldenburg oder Lübeck sind wir noch nicht. Wir sind in einer Profiliga angekommen und müssen mit unseren Amateurstrukturen alles rausholen, um konkurrenzfähig zu sein.

Planen Sie künftig mit Profispielern?

Rießelmann: Logischerweise muss man Profispielern auch höhere Gehälter zahlen. Ich glaube, in der Regionalliga Nord ist unser Modell für uns aktuell das richtige. Was in zwei, drei Jahren passiert, kann ich jetzt noch nicht sagen. Es kommt darauf an, wie wir uns als Gesamtverein entwickeln. Profitum in der Regionalliga kommt für Emden jetzt noch zu früh.

Welche Entwicklungsschritte stehen im Umfeld jetzt noch an?

Rießelmann: Wir haben aktuell noch große Schwierigkeiten in der Stadioninfrastruktur. Wenn zum Beispiel der SV Meppen kommt, müssen wir die Gästefans auch bewirten können. Wir haben keine Toiletten, zu wenig Verkaufsstände. Wir suchen gerade beispielsweise auf Ebay-Kleinanzeigen nach Imbissständen, um die dann zu kaufen und mit viel Eigenleistung und Hilfe der Fans zu restaurieren. Das aktuelle Gastrokonzept ist verbesserungswürdig. Ich möchte keine 300 Meter lange Schlangen am Bratwurststand mehr haben, das wissen wir. Es kann aber auch nicht alles von heute auf morgen umgesetzt werden, dafür brauchen wir ja auch etwas Zeit. Wir sind aktuell noch ein Amateurverein, das macht Kickers Emden aber auch sympathisch.

Wie sieht es mit weiteren Verbesserungen aus, Stichwort mehr Sitzplätze?

Rießelmann: Unsere aktuellen Sitzplätze sind eigentlich jetzt schon vor Saisonbeginn ausverkauft. Daher arbeiten wir daran, die Kapazität zu erhöhen, aber da ist noch keine Entscheidung gefallen. Wir hatten vor Kurzem einen Termin mit einem Bauunternehmen im Stadion, was die Überdachung der Gegengerade angeht und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Am Donnerstag steht die Mitgliederversammlung zur Ausgliederung an. Rechnen Sie mit einer breiten Zustimmung?

Rießelmann: Ich glaube, dass die Leute gemerkt haben, dass wir eine ehrliche Arbeit abliefern, ehrenamtlich. Es ist ein Ruck durch den gesamten Verein gegangen. Ich kann nichts einfordern und nur an die Mitglieder appellieren, unseren Weg zu unterstützen.

Warum kann die Ausgliederung bei Kickers ein Erfolgsmodell werden? Zum Beispiel in Hannover oder bei 1860 München gibt es immer wieder Diskussionen, die in der Öffentlichkeit ausgetragen werden.

Rießelmann: Wir haben ein gutes Miteinander mit dem Vorstand, wir haben auch die Fans abgeholt. Wir haben keinen kommerziellen Hintergrund. Die Erfolge geben uns ein Stück weit eine Bestätigung, dass wir es ernst meinen. Wir wedeln nicht mit Geld, sondern mit Know-how. Die GmbH muss die sportlichen Entscheidungen der 1. Herrenmannschaft treffen können. Hier sehen wir auch klar unsere Kompetenz.

Ein Großteil der Aufstiegsmannschaft wie Marvin Eilerts (links) gehört auch in der Regionalliga zum Kader.
Ein Großteil der Aufstiegsmannschaft wie Marvin Eilerts (links) gehört auch in der Regionalliga zum Kader.

Viele stellen sich die Frage: Warum engagieren Sie sich bei Kickers Emden?

Rießelmann: Weil ich fußballverrückt bin. Andere gehen zum Angeln oder spielen Tennis, unser Sport ist der Fußball. In der Oberliga, Regionalliga und auch Dritten Liga ist mit Fußball kein Gewinn zu erzielen, das ist nicht möglich. Wir sind ja auch nicht der Hauptsponsor des Vereins, sondern versuchen, mit unserem Netzwerk Sponsoren in den Verein einzubringen. Einen Verein zu führen, zu managen, das macht uns einfach Spaß, das ist unsere einzige Intention. Aus Liebe zum Spiel, hört sich sehr romantisch an, ist aber die Wahrheit.

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