Laufen gegen Krebs Zwei Jahre nach Chemo erfüllt sich der Ossiloop-Traum
Doreen Weerts ging es dramatisch schlecht. Nach einem aggressiven Brustkrebs überstand sie zwei Operationen, Corona und Bestrahlungen. Beim Ossiloop war die 42-Jährige eine wahre Siegerin.
Leer - Erst wenn Doreen Weerts das Ziel erreichte, waren die Etappen des Ossiloops 2024 wirklich beendet. „Ich bin immer die Letzte“, kündigte sie vor dem finalen Abschnitt nach Leer an. Doch da überraschte sie sich selber. Strahlend überquerte sie nach 1:25 Stunden die Ziellinie und ließ gleich eine Handvoll Mitstreiter hinter sich. Es geht aufwärts bei der Frau aus Holtermoor – und zwar in allen Lebenslagen. Sie hat nämlich eine dramatische Leidensgeschichte hinter sich. Doreen Weerts war schwer an Brustkrebs erkrankt. Zwei große Operationen musste sie überstehen, dazu noch Corona, ein halbes Jahr Chemotherapie und 28 Bestrahlungen.
Wohl niemand hätte in ihren schlimmsten Phasen gedacht, dass die Tischtennisspielerin des SV Potshausen einmal zehn Kilometer am Stück beim Ossiloop zurücklegen würde. Für sie ist das Freude und Therapie zugleich. „Ich laufe um mein Leben.“ Gerührt schlossen Mutter Martina und Vater Burkhard Schulz ihre Tochter in Leer nach dem Zieleinlauf in die Arme. Auch Sohnemann Timo (11) umarmte seine Mama – ebenso Freundin Ruth Meyer. Nur ihr Ehemann Günther war erkrankt und in Leer nicht dabei.
2021 begann der Horror
Während 100 Meter entfernt Tammo Oldigs und Verena Coordes als Schnellste des Ossiloops 2024 gefeiert wurden, stand die heimliche Siegerin der Veranstaltung erschöpft und lächelnd im Kreise ihrer Lieben. Sie haben erlebt, wie sich die 42-Jährige durch schwere Jahre gekämpft, wie viele Ängste sie ertragen und Tränen vergossen hat.
Der Horror begann im Oktober 2021. „Da habe ich an der Brust eine Stelle bemerkt“, erzählt sie vom Zufallsbefund. Die damals 39-Jährige ging zum Arzt, ließ eine Mammografie machen und erhielt eine verheerende Diagnose. „Es war ein hochaggressiver, schnell wachsender Krebs.“ Auf acht Zentimetern wurden zehn Tumorherde entdeckt. „Und die Stelle, die ich entdeckt hatte, war nicht einmal ein Tumor.“ Sie stellte sich als entzündliche Reaktion auf die Krebsherde heraus. „Das hatte der Arzt so noch nie erlebt.“ Vermutlich hat diese Entzündung ihr Leben gerettet.
Corona nach der Brust-OP
Die Ehefrau und Mutter eines Sohnes wurde sofort operiert. Weil der Krebs schon in die Lymphknoten gestreut hatte, folgte bei der zweiten OP im November 2021 eine Brustamputation. Wegen der Aggressivität der Krebsform sollte sofort danach die Chemo beginnen. Jeder Tag zählte. „Aber ich bekam eineinhalb Wochen nach der OP Corona.“ Die so dringend benötigte Chemotherapie musste verschoben werden. Der Gesundheitszustand entwickelte sich dramatisch. „Mir ging es total schlecht“, erinnert sich Weerts an die schlimmsten Tage und ihre damaligen Gedanken. „Woran sterbe ich jetzt? An Corona oder an Krebs?“
Ihr Körper aber kämpfte ebenso wie ihre Seele. Nach überstandener Corona-Erkrankung wurde operativ ein Port gelegt, durch den fortan die Chemo-Medikamente verabreicht werden konnten. Einmal pro Woche erhielt sie eine Dosis bei ihrem Arzt in Aurich. „Dort habe ich meinen 40. Geburtstag in der Onkologie verbracht.“ Und das nächste Fest bescherte ebenfalls wenig Freuden. „Genau Heiligabend fielen mir büschelweise die Haare aus. Es war hart, danach in den Spiegel zu schauen.“ Zum Glück hatte sich Doreen Weerts zuvor schon einen radikalen Kurzhaarschnitt verpassen lassen.
Laufen als Therapie
Nach der Chemo folgten tägliche Bestrahlungen. Weitere Folgen der Therapie blieben nicht aus. „Ich war völlig fertig, konnte mich nicht einmal waschen oder mir ein Brot schmieren.“ Die Ärzte gaben ihr aber gute Überlebenschancen und rieten ihr, unbedingt Sport zu treiben, um dem Fatigue-Syndrom (völliger Erschöpfungszustand) durch Sport entgegenzuwirken. So absolvierte die Patientin schon während der Bestrahlungszeit spezielles Onkologie-Training.
Dann teilte ihr der Arzt mit, dass laut Studien der Laufsport bei ihrer Krebsform die Rückfallgefahr um bis zu 40 Prozent mindern könnte. „Oh je, ich machte große Augen.“ Der Mediziner beruhigte sie. „Es muss ja nicht gleich der Ossiloop sein.“ Weerts dachte nur kurz nach. „Warum eigentlich nicht?“
Gesund, aber noch nicht geheilt
So lief die Frau aus der Tischtennisfamilie Schulz - Vater Burkhard war in jungen Jahren ein herausragender Akteur - ab Sommer 2022 um ihr Leben. „Am Anfang brauchte ich schon nach 30 Sekunden eine Pause. So fertig war mein Körper.“ Doch Weerts kämpfte – Schritt für Schritt, Tag für Tag. Nicht nur die körperliche Verfassung besserte sich. „Es kommen immer wieder Ängste hoch. Beim Laufen verschwinden sie.“
So ist der Sport in der Idylle von Holtermoor zu ihrem Lebenselixier geworden. Doch der Weg zum Ossiloop war unendlich weit. „Erst nach einem Jahr konnte ich 30 Minuten am Stück laufen.“ Da meldete sich die Sportlerin beim Kursus von Ossiloop-Organisator Edzard Wirtjes an. Auch wenn sie nun die ersten beiden Etappen wegen einer Infektion verpasste, ist Doreen Weerts zur Ossilooperin geworden. Sie arbeitet längst wieder in ihrem Job beim Medizinischen Dienst, fühlt sich gut und gilt als gesund. „Endgültig geheilt bin ich aber erst nach zehn Jahren.“ Doreen Weerts geht offen mit ihrer Erkrankung um und trug beim Ossiloop ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gemeinsam gegen Krebs“. „Ich möchte anderen Betroffenen Mut machen.“
Für 2025 hat die Frau, die diesmal fast immer das Schlusslicht bildete, ein neues Ziel im Visier: „Dann möchte ich nie mehr Letzte sein.“ Wer einen so großen Erfolg über den Krebs errungen hat, der wird künftig wohl auch Gegner auf der Laufstrecke bezwingen.