Restauration vor Abschluss  Im letzten Webstuhl von Leer war die Totenuhr zu hören

| | 04.05.2024 14:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Möbelrestauratorin Mirja Harms zeigt eine besonders befalle Stelle am historischen Webstuhl. Foto: Ortgies
Möbelrestauratorin Mirja Harms zeigt eine besonders befalle Stelle am historischen Webstuhl. Foto: Ortgies
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Mehr als 270 Jahre alt ist der letzte Webstuhl der Leeraner Leinenweberei. Eigentlich steht er im Heimatmuseum. Doch jetzt musste die große Holzkonstruktion restauriert werden. Schuld war ein Insekt.

Leer - In seine Einzelteile zerlegt lässt sich nur erahnen, wie groß der historische Webstuhl des Leeraner Heimatmuseums wirklich ist. Fein säuberlich liegen die einzelnen Holzteile in der Restaurationswerkstatt von Mirja Harms im Gewerbegebiet Am Nüttermoorer Sieltief auf einem Tisch und auf dem Boden. Auch den Ausdruck eines Fotos sieht man. „Ich habe beim Abbauen im Museum zahlreiche Fotos vom Webstuhl gemacht“, sagt Mirja Harms. Sie sollen beim Wiederaufbau helfen. Der steht unmittelbar bevor. An diesem Dienstag, 7. Mai 2024, soll es so weit sein. Dann kann der Webstuhl am Internationalen Museumstag am Pfingstsonntag, 19. Mai, wieder an seinem angestammten Platz im Gebäude an der Neuen Straße betrachtet werden.

Mirja Harms hält Schaft und Webblatt des Webstuhls hoch. Foto: Ortgies
Mirja Harms hält Schaft und Webblatt des Webstuhls hoch. Foto: Ortgies

Mit der Restaurierung ist Mirja Harms bei unserem Besuch Ende April in den letzten Zügen. Auf einem anderen Tisch steht ein großes Seitenelement, eine sogenannte Wange. „Ich mache hier noch eine Stäbchen-Ergänzung“, sagt die Restauratorin, während sie auf eine Lücke in der Holzoberfläche zeigt. Dabei werden Holzstäbe in eine beschädigte Stelle gelegt und fixiert. Im Anschluss kommt noch eine in die Lücke passende Holzplatte davor.

Der gescheckte Nagekäfer wird auch Totenuhr genannt

Ein Insekt hat dem mindestens 270 Jahre alten Webstuhl zugesetzt. Genauer gesagt war es der gescheckte Nagekäfer. „Im Volksmund wird er auch Totenuhr genannt“, erklärt Harms. Der Grund wird auf Schädlingsseiten im Internet erläutert: Die Käfer klopfen hörbar im Holz, wodurch man früher glaubte, dass es sich um die Uhr des herannahenden Todes handelt, heißt es dort. Laut dem Umwelt-Bundesamt ist das Insekt der größte Nagekäfer in Mitteleuropa. Die Larven werden etwa zehn Millimeter lang.

Vorne liegt ein Holzstück, was durch den Nagekäfer schwer beschädigt wurde. Dahinter sieht man das bereits ausgetauschte Stück Holz an der sogenannten Wange des Webstuhls. Foto: Ortgies
Vorne liegt ein Holzstück, was durch den Nagekäfer schwer beschädigt wurde. Dahinter sieht man das bereits ausgetauschte Stück Holz an der sogenannten Wange des Webstuhls. Foto: Ortgies

„Leer’s letzter Webstuhl“ lautete der Eintrag im Inventar des „Alterthums Vereins Leer“ von 1911. Er sei wohl um 1890 Teil der musealen Sammlung geworden, heißt es in den Erläuterungen zu dem Ausstellungsstück des Heimatmuseums. Das Gerät trage die Jahreszahl „1753“, „allerdings könnte der hintere Teil auch älter sein: Das Schnitzwerk weist in das späte 17. oder frühe 18. Jahrhundert zurück“. 1889 hatte Bürgermeister August Dieckmann den „Althertums Verein“ ins Leben gerufen. Ihm schwebte vor, das kulturelle und historische Erbe der Stadt zu bewahren. 1911/12 wurden die städtische und die Sammlung des 1909 gegründeten Heimatvereins zusammengelegt. Seither gehört der imposante Webstuhl zu den wichtigen Ausstellungsstücken im Museum.

Die Leinenweberei war ein großer Wirtschaftszweig in Leer

„Um 1740 war jeder fünfte Einwohner in Leer auf irgendeine Weise im Leinengewerbe tätig“, heißt es in der Beschreibung weiter. Doch nach Ende des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1763 sei die Blütezeit der Weberei zu Ende gegangen. „Als Ersatz kamen andere Unternehmungen in Gang“, heißt es. 1809 wurde die verarmte Weberzunft als erste der Zünfte in Leer aufgehoben.

Die einzelnen Teile des Webstuhl liegen sortiert in der Werkstatt von Mirja Harms. Foto: Ortgies
Die einzelnen Teile des Webstuhl liegen sortiert in der Werkstatt von Mirja Harms. Foto: Ortgies

Der Webstuhl im Heimatmuseum erinnert an die Geschichte der Leinenweberei. Damit das auch Weiterhin möglich ist, wurde dieser nun restauriert. „Wir konnten die Arbeiten nicht selbst finanzieren“, sagt Museumsleiter Oliver Freise. Daher sei er sehr dankbar, dass die Hans-Heyo-Prahm-Stiftung komplette Restaurierungskosten übernehme.

Unteren Bereiche des Webstuhls waren besonders befallen

Der Nagekäfer machte sich im Laufe der Jahre am Holz des Webstuhls zu schaffen. Vor allem die unteren Standelemente, die sogenannten Wangen, seien betroffen gewesen, sagt Mirja Harms, die seit 2009 Möbelrestauratorin ist. „Das ist aber normal, da der Bereich am feuchtesten ist.“ Da fühlten sich die Käfer wohl. Mindestens zehn Prozent des Holzes an den Wangen musste ausgetauscht werden. Sie sei schon überrascht gewesen, wie der tatsächliche Zustand des Webstuhls war. „Es war mehr kaputt als ich dachte“, sagt Harms.

Der überwiegende Teil des Webstuhls besteht aus Holz. Es gibt nur wenige Metallelemente. Foto: Ortgies
Der überwiegende Teil des Webstuhls besteht aus Holz. Es gibt nur wenige Metallelemente. Foto: Ortgies

Wann die Schäden erstmals aufgetreten sind, könne man aber nicht mehr nachvollziehen, sagt Museumsleiter Oliver Freise. Wegen des Befalls sei der Webstuhl im Herbst 2022 zur Begasung gebracht worden. „Da ist auch aufgefallen, wie angegriffen er war“, sagt Freise. Es habe akuten Handlungsbedarf gegeben. „Irgendwann hätten die betroffenen Teile nachgegeben“, sagt Harms. So wie er im Heimatmuseum stand sei er aber noch stabil gewesen. „Aufgebaut machte er noch einen guten Eindruck, aber auseinandergenommen war er schon instabil“, sagt die Restauratorin.

Acrylharz kann poröse Stellen festigen

Alle Stellen, die stark befallen und für die Standfestigkeit notwendig sind, mussten deswegen entfernt werden, so Harms. Sie hebt ein Stück bereits entferntes Holz hoch. Es sieht aus wie eine Bienenwabe, so durchlöchert ist es. Große Mengen brauner Staub rieseln auf den Tisch.

An diesem Stück sieht man, wie das Holz vom Nagekäfer beschädigt wurde. Foto: Ortgies
An diesem Stück sieht man, wie das Holz vom Nagekäfer beschädigt wurde. Foto: Ortgies

An manchen Stellen konnte die oberste, betroffene Schicht einfach abgetragen werden und anschließend wieder eine Holzplatte aufgesetzt werden, erläutert sie. Außerdem konnten poröse Stellen, die zwar durchlöchert, aber noch nutzbar waren, mit einem Acrylharz behandelt werden. „Dadurch wird die Stelle wieder fest“, sagt Harms. An den kleineren Teilen habe nicht viel gemacht werden müssen. „Die habe ich nur gereinigt“, sagt die Restauratorin.

Mirja Harms zeigt, wie ein neues Stück Holz an den alten Webstuhl angepasst wurde. Das Holz wird noch so bearbeitet und gebeizt, dass man kaum einen farblichen Unterschied sieht. Foto: Ortgies
Mirja Harms zeigt, wie ein neues Stück Holz an den alten Webstuhl angepasst wurde. Das Holz wird noch so bearbeitet und gebeizt, dass man kaum einen farblichen Unterschied sieht. Foto: Ortgies

Andere Bereiche mussten hingegen großflächiger ausgetauscht werden. Dabei hat sie mit der Tischlerei Feinschliff zusammengearbeitet, in dessen Gebäude sie auch ihre Werkstatt hat. 30 bis 40 Stunden Arbeit habe sie bislang in den Webstuhl investiert. Nun steht der bald der Wiederaufbau an. Etwa zehn große und zehn kleine Teilen müssen dann wieder an die richtige stelle gebracht werden. Dann kann man sich im Heimatmuseum wieder anschaulich die Arbeit der Leinenweberei vorstellen.

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