Job beim Ex-Schweinsteiger-Klub Kickers-Erfolgscoach Marc Fascher ist nun Chicago-Scout
Der Hamburger führte Emden von 2004 bis 2007 fast von der 4. in die 2. Liga. Unsere Zeitung sprach mit ihm über die intensiven Kickers-Jahre, seine Arbeit für den USA-Klub und ein Trainer-Comeback.
Emden - Marc Fascher brannte für das Trainerdasein. So kannten ihn auch die Fans des BSV Kickers Emden in seiner Zeit von 2004 bis 2007: leidenschaftlich, emotional, erfolgshungrig. Aber in all den vergangenen Jahren wurde die Flamme immer kleiner. „Wenn du nach Siegen keine Freude mehr verspürst, sondern nur noch Erleichterung in diesem schnelllebigen Geschäft, dann ist das ein Alarmsignal“, erzählt der Hamburger, der nach seiner letzten Station bei den Sportfreunden Lotte (2017) keinen Trainerjob mehr annahm. Im Fußballgeschäft ist der 55-Jährige weiterhin tätig, aber in ganz anderer Rolle: Emdens Kult- und Erfolgscoach ist nun Europa-Scout für den amerikanischen Profiklub Chicago Fire.
Der Verein der Major League Soccer (MLS) ist in Deutschland vor allem durch Bastian Schweinsteiger bekannt. Der Weltmeister von 2014 ließ dort von 2017 bis 2019 seine beeindruckende Karriere ausklingen. „Wir haben uns leider knapp verpasst“, sagt Fascher mit einem Lächeln. „Schweinsteiger genießt in Chicago Kultstatus, alle lieben ihn hier.“ Marc Fascher arbeitet seit dem 1. September 2020 für Chicago Fire. Zuvor war der Fußball-Lehrer für den damaligen Zweitligisten SV Darmstadt als Scout tätig. „Ein Freund hatte die Idee. Ich bin ihm noch sehr dankbar. Es war für mich richtig, nach all den intensiven Trainer-Jahren auf ein anderes Pferd zu satteln.“
Tolle Jahre bei Kickers
An seine Zeit auf dem „Gaul“ Kickers Emden denkt Marc Fascher gerne zurück. Der junge Trainer kam vor genau 20 Jahren von Concordia Hamburg nach Emden. In der ersten Saison gelang mit 84 von 102 möglichen Punkten und nur 18 Gegentoren – die starke Defensive war Faschers Markenzeichen – die Meisterschaft in der damaligen viertklassigen Oberliga Nord. In der zweiten Saison wurde Kickers in der drittklassigen Regionalliga als Aufsteiger Neunter und schaffte in der dritten Fascher-Spielzeit fast den Aufstieg in die 2. Bundesliga.
„Das war meine erfolgreichste und schönste Zeit“, so Fascher, der auch mit Preußen Münster nochmals in die 3. Liga aufstieg. Mit Hansa Rostock, Carl-Zeiss Jena oder Rot-Weiss Essen trainierte der „Hamburger Junge“ weitere Traditionsklubs. Heute informieren ihn Emdens Fußball-Liebhaber Kai Schoolmann und der ehemalige Kickers-Physiotherapeut Frank Bajen mitunter über Neuigkeiten bei Kickers.
Das neue Leben als Scout
Das Fußballleben von Marc Fascher hat sich entschleunigt, erfüllt ihn aber weiterhin. „Mir macht die Arbeit als Scout und auch im Team total viel Spaß“, sagt Fascher, dessen Lebensmittelpunkt weiter Hamburg ist – „und immer bleiben wird“. Die Scouting-Arbeit beinhaltet nicht mehr die tägliche Präsenz auf und neben dem Platz, den Druck von Verein und Öffentlichkeit und die permanente Anspannung. „Ich habe auch früher schon viele und gerne Fußballspiele gesehen, Gegner beobachtet, war sehr fleißig. Aber Beobachten von Spielen und Spielern ist jetzt natürlich ein anderes.“
Er reist per Flieger, Auto oder Bahn quer durch Europa, um den Spielermarkt zu beobachten oder konkrete Spieler zu scouten. Dabei gibt es feste Aufträge und Termine, aber auch die Möglichkeit, selbst den Kalender zu bestücken und nach interessanten Spielern Ausschau zu halten. Dabei „packt“ man oft mehrere Spiele in eine Tour, wie ein Beispiel aus dem Oktober zeigt. Da ging es für vier Tage nach Istanbul. Donnerstag stand das Conference-League-Spiel zwischen Besiktas und FC Lugano an. Am Samstag und Sonntag folgten Partien der türkischen SüperLig: Basaksehir gegen Gaziantep und Kasimpasa gegen Fenerbahce.
Der „Rohdiamant“ aus Lissabon
Zu Chicagos Scout-Team für Europa gehören noch zwei weitere Kollegen. Fascher ist dabei der Deutschland-Experte, die anderen beiden jeweils für Osteuropa beziehungsweise Frankreich. Zusammen haben sie ganz Europa im Blick. Dabei sichten sie für Chicago und den FC Lugano. Die Fire-Klubbesitzer haben auch den Schweizer Erstligisten übernommen. Für den FC Lugano sichteten Fascher und seine Kollegen auch Martim Marques. „Das ist ein Rohdiamant und war ein Zufallstreffer. Er hat aber voll eingeschlagen“, so Fascher.
Die Sichtung des 19-jährigen Portugiesen zeigt, wie es in der großen Welt der Scouts auch mal ablaufen kann. Fascher sei zu einem Vier-Länder-Turnier nach Portugal gereist, um eigentlich Talente vier anderer Länder zu begutachten. Dann schaute er spontan ein Spiel von Nachwuchsteams von Benfica und Sporting Lissabon. „Und dann sieht man auf einmal diesen Spieler. So etwas macht auch großen Spaß.“
Amerikaner wollen immer mehr
Bekommen hat Marc Fascher den Chicago-Job mitten in der Corona-Pandemie. Auch deshalb ist es erst zu einer Reise nach Chicago gekommen. Das große Jahrestreffen aller Scouts in den USA ging über zehn Tage, zuletzt fand dieses in Lugano statt. Bei seinem USA-Trip sah er auch mehrere Spiele der MLS. „Ich würde die Liga von der Leistungsstärke mit dem Durchschnitt der 2. Bundesliga vergleichen. Aber die MLS wird jedes Jahr stärker, hier passiert viel.“
Das liegt auch an der bevorstehenden Weltmeisterschaft 2026, die überwiegend in den USA ausgetragen wird. Co-Gastgeber sind Kanada und Mexiko. „Die WM 2026 wird ein Highlight und sicherlich alle Rekorde sprengen“, sagt Fascher mit Blick auf das Selbstverständnis der Amerikaner. Der Transfer von Messi von Paris nach Miami habe schon für enorme Euphorie gesorgt. Er selbst hat bei Chicago Fire noch einen Vertrag bis Ende 2024 plus einjährige Option. Die Saison in der MLS erstreckt sich immer über ein Kalenderjahr, Ende Februar startet die neue. „Ich hoffe, dass ich auch bei der WM 2026 noch für Chicago tätig sein darf.“
Ein Comeback als Trainer?
Oder wird Marc Fascher doch nochmal schwach und kehrt auf die Trainerbank zurück? „Ich habe diesen Job geliebt und würde im Fußball auch niemals nie sagen. Aber momentan ist das für mich völlig undenkbar. Ich bin mit meinem Leben derzeit total zufrieden, habe viel mehr Lebensqualität.“
Vor 20 Jahren war sein Alltag noch ein anderer. Da lebte er den Trainerjob mit Haut und Haar. Im Sommer 2004 startete der „Hamburger Junge“, den eine langjährige Freundschaft mit St. Pauli-Legende Holger Stanislawski verbindet, seine erfolgreichen Kickers-Jahre. Sein ehemaliger Kickers-Spieler Stephan Nachtigall antworte kürzlich bei einem Fragebogen von „Reviersport“: „Mein bester Trainer war im Profibereich bei Kickers Emden Marc Fascher, weil er so tickt wie Jürgen Klopp.“
Marc Fascher erinnert sich nicht nur gerne an die Spieler und Erfolge zurück, sondern auch an die Menschen. „Ostfriesen gelten ja als kühl und zurückhaltend: Wenn du aber ihr Herz erobert hast, sind sie absolut treu und stehen zu dir. Das war eine unheimliche Wertschätzung.“ Das unschöne Ende nach einem Disput mit der Vereinsführung und Entlassung vor dem letzten Spieltag im Mai 2007 ist für ihn nur noch eine Randnotiz. „Was ist eine Woche gegenüber drei Jahren?“, fragt Fascher rhetorisch. „Das waren drei Traumjahre bei Kickers – mit Sternchen.“