Zurück nach Kreuzbandriss Vom Horror zur Hoffnung – Kickers-Pechvogel vor Comeback
Kickers-Akteur Efkan Erdogan verletzte sich schon im zweiten Testspiel schwer. Der angehende Lehrer arbeitet hart fürs Comeback. Als Kind türkischer Eltern bekam er früher auch Vorbehalte zu spüren.
Emden/Oldenburg - Der wohl größte Pechvogel unter allen Spielern, die Kickers Emden je neu begrüßt hat, heißt Efkan Erdogan. Nach 90 vielversprechenden Minuten und drei Toren beim 19:0 am 1. Juli auf Borkum endete sein Fußballjahr 2023 bereits 23 Testspielminuten später abrupt mit einem lauten Schrei. In der Partie im niederländischen Appeldoorn gegen den Erstligisten SC Heerenveen erlitt der 27-Jährige den Verletzungsalbtraum eines jeden Fußballers: Kreuzbandriss. Seitdem trainiert, kämpft und schwitzt er Stunde um Stunde für sein Comeback und ist dem Ziel nach mehr als 200 Tagen nahe.
„Es sieht gut aus. Seit Januar bin ich wieder im Training“, erzählt „Effe“ und sehnt die ersten Spielminuten 2024 herbei. „Vielleicht klappt es schon im März.“ Aus seiner Stimme spricht Optimismus, den er selbst nach seinem Totalschaden im Knie nicht gänzlich verloren hatte. Die Horrorszene vom 9. Juli hat er genau vor Augen: „Ich war einen Tick vor meinem Gegenspieler am Ball“, schildert er den Zweikampf mit dem Niederländer Charlie Webster. „Er konnte wohl nicht mehr zurückziehen und hat mein rechtes Knie zerfetzt. Es hat ordentlich geknallt.“
Unfassbare Schmerzen
Der Kickers-Akteur erinnert sich an „höllische Schmerzen“. „Es tat wirklich unfassbar weh.“ Auf der Schmerzskala übertraf die Meldung der Nerven ans Gehirn den Vorgang beim Kreuzbandriss am linken Knie zwei Jahre zuvor um ein Vielfaches. Diesmal waren auch weitere Bestandteile des sensiblen Gelenks schwer lädiert. So wurden diese Blessuren per Arthroskopie zunächst behandelt, ehe ein paar Wochen später die Kreuzband-OP in Hamburg erfolgte.
Die Verletzung bremste nicht nur den Fußballer aus, sondern auch den Lehramtsstudenten. „Es passierte einen Tag vor der Schwimmprüfung und vier Tage vor der Leichtathletik-Prüfung.“ So kam das alte Semester für den künftigen Sport- und Mathelehrer nicht in die Wertung. Und im folgenden musste er im Sport gänzlich passen.
Zu früh wieder gejoggt
Seitdem arbeitet er am Comeback: erst Physiotherapie und Gymnastik, ehe er sich schon zwei Monate nach der OP auf die Joggingstrecke begab. „Natürlich war das zu früh. Es hat wehgetan und mein Arzt hat geschimpft.“ Was dem Kicker wichtiger war: „Das Knie hielt.“
Beim Defensivspieler drehte sich aber nicht alles ums Knie. Er fieberte auch mit seinem BSV Kickers mit, verpasste nur ein Auswärts- und ein Heimspiel und blieb fester Bestandteil des Oberliga-Titelanwärters. „Wir haben ein geiles Team. Alle haben mich unterstützt.“ Bald wurde „Effe“ bei Heimspielen ein Nebenjob angeboten. Er agierte beim Livestream der Spiele als Co-Kommentator. Der angehende Lehrer überzeugte am Mikro mit Lockerheit, Fachkenntnis und geschliffener Sprache, die dem Sohn türkischer Eltern in seinem Leben nicht immer zugetraut worden war. So hat der in Bremen geborene und beim FC Oberneuland ausgebildete Fußballer zumindest unterschwellig oft Ausgrenzung erfahren – nicht nur weil er denselben Nachnamen trägt wie der türkische Staatspräsident. „Öfter, als es mir lieb war, habe ich Sprüche gehört, die vielleicht gut gemeint aber verletzend waren.“ Sätze wie „du sprichst unsere Sprache ganz gut“ oder „ich kannte nur deinen Namen und bin positiv überrascht von dir“, erfreuten ihn keinesfalls, sondern schmerzten.
Trainer nennt ihn „Leadertyp“
Im Fußballleben kam so etwas nicht vor. Und als es wegen seiner vorbildlichen Ausdrucksweise einmal hieß, „du bist der deutscheste Spieler, den wir haben“, konnte Efkan Erdogan da herzlich drüber lachen. „Grundsätzlich sind wir im Fußball so herrlich multi-kulti unterwegs.“ Dieses Gefühl möchte der Abwehrmann bald auch wieder bei Oberligaspielen genießen. Im Training spielt er nach fünf Wochen längst keine Nebenrolle mehr. „Effe ist ein Leadertyp“, sagt Coach Stefan Emmerling. Und so wird Erdogan häufig mit der Leitung des Aufwärmprogramms betraut.
„Nein, nein, nein, das reicht noch nicht“, weist der „Athletik-Chef“ auf dem Trainingsgelände nach zehnminütigen Lauf- und Gymnastikübungen seine Mitspieler bei kurzen Sprints zurecht. „Noch einmal bis zu den Hütchen und dann locker auslaufen.“ Efkan Erdogan schont sich auch in der nächsten Stunde bei keiner Übung. „Nur beim Abschlussspielchen bin ich in Zweikämpfen noch vorsichtig. Aber nicht mehr lange.“ Geduld hat „Effe“ reichlich bewiesen, nun brennt er vor Ehrgeiz und will bald wieder das Emder Trikot tragen. „So schnell wie möglich.“ Erst dann ist die Horror-Szene vom 9. Juli wirklich Geschichte.
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