Als Norderney Geschichte schrieb  Wunder von Leer – 1958 wurden Insulaner zu Fußballhelden

| | 22.12.2023 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dieses Bild von der Fußballsensation 1958 in Leer zeigt den Germania-Platz mit Blick auf die Evenburgallee.
Dieses Bild von der Fußballsensation 1958 in Leer zeigt den Germania-Platz mit Blick auf die Evenburgallee.
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Das Bezirkspokalfinale vor 65 Jahren war ein Drama in zwei Akten. Auf Norderney hieß es 4:4 nach Verlängerung. Elfmeterschießen gab es noch nicht. So folgte ein zweites Endspiel beim großen Favoriten.

Norderney - Drei Generationen Forner - drei Generationen Fußball. Wenn auf Norderney Oma, Opa, Söhne, Schwiegertöchter und vier Enkel gemeinsam den heiligen Abend feiern, ist geballte Fußballkompetenz und auch Handball-Expertise unterm Weihnachtsbaum versammelt. „Natürlich wird auch über Sport gefachsimpelt“, sagt Gastgeber Markus Forner aus der zweiten Generation. Die Forners, die beim TuS Norderney große Spuren hinterlassen haben, schwelgen natürlich auch in Erinnerungen. Manchmal wird noch die Großtat des Seniors gepriesen. Denn 1958 zählte Opa Waldo Forner zu den gefeierten Helden der Insel.

Die TuS-Helden von 1958 (hinten von links): Gerhard Heckelmann, Wilt Krüger, Manfred Richter, Alfred Aggen, Waldo Forner, Gerd Pauls, Kassenwart Fritz Becker, Werner Daehne, Karl Meyenburg. Vorne (von links): Werner Puhle, Peter Liwa und Hans Krüger.
Die TuS-Helden von 1958 (hinten von links): Gerhard Heckelmann, Wilt Krüger, Manfred Richter, Alfred Aggen, Waldo Forner, Gerd Pauls, Kassenwart Fritz Becker, Werner Daehne, Karl Meyenburg. Vorne (von links): Werner Puhle, Peter Liwa und Hans Krüger.

Vor 65 Jahren sorgte der TuS Norderney nämlich für eine Sensation, die die Insel Kopf stehen ließ. Nach einem Drama in zwei Akten triumphierten die Bezirksklassenkicker im Endspiel des Bezirkspokals gegen den Oberligisten Germania Leer. „Das erste Endspiel auf Norderney endete 4:4 nach Verlängerung“, erzählt der 85-Jährige.

Forner-Tor in der 103. Minute

Weil damals das Elfmeterschießen noch nicht erfunden war, musste das Finale wiederholt werden - diesmal in Leer. Mit wenig Hoffnung, aber zwei Bussen voller Schlachtenbummler fuhren die Insulaner von Norddeich nach Leer und siegten vor 1000 Zuschauern sensationell mit 2:1 nach Verlängerung. Das entscheidende Tor erzielte Waldo Forner in der 103. Minute. „Ich habe es noch vor Augen“, erinnert er sich. „Leer war drückend überlegen. Da habe ich kurz vor der Mittellinie den Ball bekommen“, schildert er den Treffer, der eine ganze Insel über Tage in Ekstase versetzte. Dann habe er seinen damals 18-jährigen Gegenspieler Sepp Piontek, der später Werder-Profi und Nationalspieler wurde, abgeschüttelt. „Schließlich bin ich Richtung Tor gelaufen und habe getroffen.“

Im Hotel Stadt Hamburg feierte der TuS. Die Fans hatten Transparente dabei. „Das hätte Herberger sehen müssen“, hieß es.
Im Hotel Stadt Hamburg feierte der TuS. Die Fans hatten Transparente dabei. „Das hätte Herberger sehen müssen“, hieß es.

Nach dem Abpfiff wurden die Helden auf den Schultern ihrer Anhänger vom Feld getragen. Vier Jahre nach dem deutschen Wunder von Bern hatten die Insulaner ihr Wunder von Leer. Die Kunde vom Triumph sprach sich in Windeseile auf der Insel herum. Als die Kicker mit dem Dampfer den Hafen erreichten, wurden sie von Menschenmassen und einem Fanfarenzug empfangen. Einige Leute hatten in Windeseile Transparente gefertigt. „Das hätte Herberger sehen müssen“, hieß der wohl originellste Schriftzug.

Opa Waldo guckt heute bei Enkeln zu

Ob Opa Waldo unterm Weihnachtsbaum seinen Husarenstreich noch einmal schildern muss, wird der Abend zeigen. Es war vermutlich die geschichtsträchtigste Forner-Aktion für den TuS Norderney. Doch es folgten über Jahrzehnte bis heute viele gute Taten der Familie für den Klub. Denn Opa vererbte das Sportler-Gen an seine Söhne Markus und Ralf, die es wiederum an ihre jeweils zwei Kinder weitergaben.

Weihnachten feiert die ganze Familie Forner (links Oma Karin und Opa Waldo) immer gemeinsam.
Weihnachten feiert die ganze Familie Forner (links Oma Karin und Opa Waldo) immer gemeinsam.

Während Ralf die Insel und auch Ostfriesland verließ, blieb der jüngere Bruder ein Norderneyer. Dessen Kinder Charlotte und Jonas gehen heutzutage für den TuS auf Torejagd. Wenn „Lotti‘“ für die Handballerinnen oder Jonas für die Fußballer in der A-Klasse aufläuft, ist Opa immer dabei. „Er verpasst kein Spiel der beiden“, erzählt Markus Forner. Die sportlichen Erfolge der anderen beiden Enkel lässt sich Waldo Forner telefonisch schildern. Aus Marvin ist ebenfalls ein Kicker geworden und Phil hat sich zum zweiten Handballer der Familie entwickelt.

Spielertrainer war zuvor Skispringer

Das Enkel-Quartett ist der ganze Stolz von Opa Waldo und Oma Karin. Aber vermutlich wird keines der Enkelkinder jemals den sportlichen Helden-Status des Großvaters erlangen.

Waldo Forner denkt noch gerne an die Geschehnisse vom 1. Juni 1958 zurück. Neben dem Siegtorschützen gab es zehn weitere „Insel-Könige“. „Vor allem Manfred Richter hatten wir viel zu verdanken“, sagt der 85-Jährige. Richter kam aus dem Erzgebirge, hatte bei Wismut Aue gespielt und war auch ein exzellenter Skispringer. Der Wintersportler kam zum Ende der Kriegsgefangenschaft nach Jever, lernte eine Norderneyerin kennen und zog mit ihr auf die Insel. Als Spielertrainer formte er die Wunderelf von der Nordsee und erzielte in Leer auch das 1:0-Führungstor. Es folgte das 1:1 durch Bernhards und eben jener Forner-Treffer, der zu einem Stück Insel- und Familiengeschichte geworden ist.

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