Traditionelle Feier  Chag Chanukka Sameach – das jüdische Lichterfest in Leer

| | 15.12.2023 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Kantor Baruch Chauskin (links) und der 98-jährige Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg entzünden gemeinsam die Kerzen der Chanukkia – des achtarmigen Leuchters. Foto: Ortgies
Kantor Baruch Chauskin (links) und der 98-jährige Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg entzünden gemeinsam die Kerzen der Chanukkia – des achtarmigen Leuchters. Foto: Ortgies
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In der Ehemaligen Jüdischen Schule in Leer wurde Chanukka gefeiert. Beim jüdischen Lichterfest geht es fröhlich zu. Holocaust-Überlebender Albrecht Weinberg findet aber auch mahnende Worte.

Leer - Gemeinsam halten der Leeraner Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg und der Kantor der jüdischen Gemeinde Osnabrück, Baruch Chauskin, die brennende Kerze. Sie entzünden die erste von acht Kerzen auf dem Chanukkia – dem achtarmigen Kerzenhalter. „Baruch atah Adonai, Eloheinu Melech ha’olam, asher kid’shanu b’mitzvotav v’tsivanu l’hadlik ner shel Hanukkah“, singen Chauskin und Weinberg, während die weiteren Kerzen zu brennen anfangen. Übersetzt bedeutet der Gesang: „Gepriesen bist Du, unser Gott, Herrscher des Universums, der Du uns heilig gemacht hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast die Chanukka-Lichter anzuzünden.“ Es ist der erste Segensspruch zum jüdischen Chanukka, dem Lichterfest. Der Kantor singt laut und kräftig, der 98-jährige Weinberg leise und eher für sich.

Kantor Baruch Chauskin singt vor dem großen Chanukkia klatschend ein Lied. Foto: Ortgies
Kantor Baruch Chauskin singt vor dem großen Chanukkia klatschend ein Lied. Foto: Ortgies

Zahlreiche geladene Gäste sind an diesem Donnerstagabend, 14. Dezember 2023, in die Ehemalige Jüdische Schule (EJS) nach Leer gekommen, um gemeinsam das Fest zu feiern. Darunter sind Landrat Matthias Groote, der stellvertretende Bürgermeister von Leer, Bruno Schachner, und der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg. Albrecht Weinberg hat auch Schülerinnen und Schüler des Ubbo-Emmius-Gymnasiums eingeladen, mit ihm Chanukka zu feiern. Sie gestalten die Veranstaltung mit. Doch zunächst singt Kantor Baruch Chauskin mit allen. „Ma‘Os zur Jeschuati“ („Zuflucht, Felsen unserer Erlösung“) oder „Ner Li“ („Ich habe eine Kerze“) erklingen.

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Chanukka in Leer
15.12.2023

Erinnerung an die Wiedereinweihung des jüdischen Tempels

Albrecht Weinberg und die anderen Gäste hören schließlich aufmerksam zu, als vier Schülerinnen des Seminarfachs „Jüdisches Leben in Ostfriesland“ die Hintergründe von Chanukka erläutern. „Das Fest hat im Judentum eine große Bedeutung, auch wenn es keinen Ursprung in der Thora hat“, erklärt eine Jugendliche. Es erinnere an den erfolgreichen Widerstand gegen die syrisch-griechische Herrschaft und die Wiedereinweihung des Tempels im Jahr 164 vor Christus. Zuvor sei der jüdische Glaube stark eingeschränkt und schließlich verboten worden. „Der Tempel wurde für den griechischen Gott Zeus entweiht“, trägt sie vor. Es bildete sich eine jüdische Widerstandsgruppe, die Makkabäer. Diese konnten die Besatzer erfolgreich vertreiben. „Der Tempel konnte wieder eingeweiht werden“, sagt die Schülerin.

Gemeinsam wurden jüdische Lieder gesungen. Foto: Ortgies
Gemeinsam wurden jüdische Lieder gesungen. Foto: Ortgies

In Erinnerung daran, werde das Fest noch heute gefeiert. Als der Tempel wieder geweiht werden sollte, habe es aber nur rituelles Öl für das ewige Licht für einen Tag gegeben. „Wie durch ein Wunder hielt es aber für acht Tage, sodass in dieser Zeit neues Öl beschafft und der Tempel geweiht werden konnte“, erläuterte eine weitere Schülerin. Deshalb zünde man heute an jedem Tag des Chanukka-Festes eine Kerze auf dem Chanukkia an. Kantor Baruch Chauskin nickt zustimmend.

Latkes, Sufganiyot und ein Dreidel

Gefeiert werde das Fest traditionell morgens mit einem Gottesdienst in der Synagoge. Ein wichtiger Teil sei aber auch, dass abends die Familie zusammenkommt und das Lichterfest feiere. „Der Vater oder die kleinen Söhne zünden die Kerzen an, nachdem die jüdischen Segenssprüche gesprochen wurde“, stellt eine Schülerin vor. Das Licht der Kerzen dürfe dabei nicht als Beleuchtung des Raumes dienen. Zu essen gebe es ölige Speisen wie Latkes (Kartoffelpuffer) und Sufganiyot (Berliner). Getrunken werde Punsch oder Glühwein. Außerdem werde gemeinsam mit dem Dreidel – einem Kreisel – gespielt.

Albrecht Weinberg (Zweiter von links) beantwortete Fragen, die sich die Schülerinnen und Schüler des Ubbo-Emmius-Gymnasiums zuvor überlegt hatten. Foto: Ortgies
Albrecht Weinberg (Zweiter von links) beantwortete Fragen, die sich die Schülerinnen und Schüler des Ubbo-Emmius-Gymnasiums zuvor überlegt hatten. Foto: Ortgies

Daran erinnert sich auch Albrecht Weinberg. „Wir haben Chanukka auf deutsch-jüdische Art gefeiert“, erinnert er sich auf Nachfrage einer Schülerin an seine Kindheit in Rhauderfehn. „Wir haben gegessen und getrunken, ein paar Lieder gesungen.“ Da es in Rhauderfehn keine Synagoge gab, sei man zunächst nicht zum Gottesdienst gegangen. Später sei man zu den Feiertagen nach Weener zu Verwandten gefahren und habe dort die Synagoge besucht. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg in New York lebte, habe er zwar die Kerzen angezündet, sei aber nie in die Synagoge gegangen. „Wenn man in Auschwitz war, wie wir, dann hat man seinen Glauben verloren“, sagt Weinberg. Der 98-Jährige appelliert an diesem Abend an die Jugendlichen: „Ihr sollt euch nicht einschüchtern lassen, wenn diese Fanatiker den Mund aufmachen. Sagt eure Meinung! Ihr könnt heute offen sprechen und dafür sorgen, dass so etwas nie, nie wieder passiert.“

Mit einer langen Fackel wurden draußen die Lichter am Chanukkia angezündet. Foto: Ortgies
Mit einer langen Fackel wurden draußen die Lichter am Chanukkia angezündet. Foto: Ortgies

Fröhliche Lieder werden angestimmt

Gemeinsam geht es für alle dann nach draußen. Dort steht ein eindrucksvoller etwa drei Meter Hoher Chanukkia. Den habe Willem Fokkens, Vorsitzender des Vereins „Freunde der Synagoge Bourtange“ zur Verfügung gestellt. Mit einer langen Fackel entzündet Kantor Baruch Chauskin die einzelnen Lichter, singt die jüdischen Segensprüche und singt klatschend ein Lied. „Fröhliches Chanukka“ ruft er, bevor alle wieder ins Haus gehen.

Landrat Matthias Groote (rechts) begrüßte zahlreiche Gäste. Foto: Ortgies
Landrat Matthias Groote (rechts) begrüßte zahlreiche Gäste. Foto: Ortgies

Dort wird es nun noch feierlich. Chauskin sing mit seiner kräftigen Stimme einige jiddische und hebräische Lieder, animiert die Gäste zum Klatschen und Mitsingen. Es wird gelacht und applaudiert – und auf Albrecht Weinbergs Gesicht sieht man immer wieder ein Lächeln und Schmunzeln. Nach rund anderthalb Stunden lädt EJS-Leiterin Susanne Bracht zum Essen und Trinken ein. Unter anderem gibt es die im jüdischen Sufganiyot genannten Berliner. Chanukka ist ein fröhliches Lichterfest, hat der Kantor zuvor deutlich gemacht. In diesem Sinne: Chag Chanukka Sameach – Fröhliches Chanukka

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