Ablenkung oder Hilfsmittel Handyverbot an Schulen: eine gute Idee?
Die niederländische Regierung will das Smartphone aus dem Unterricht verbannen. Was hält man auf Borkum von der Maßnahme? Eine Nachfrage bei Grund- und Inselschule.
Borkum/Niederlande - Den Notizblock hochgehalten und ein Treffen über WhatsApp abmachen oder unterm Tisch TikTok-Videos gucken: In den Niederlanden sollen Handys und Co. bald aus den Klassenzimmern verbannt werden. Ab 1. Januar 2024 ist die Nutzung von Smartphone, Tablet oder Smartwatch in den Sekundarschulen nicht mehr erlaubt, schreibt die niederländische Regierung, die Rijksoverheid, in einer ihrer Mitteilungen. Ab dem Schuljahr 2024/2025 soll das dann unter anderem auch für Grundschulen gelten.
Als Grund für das Verbot führt die Regierung an, dass es immer „mehr Hinweise“ darauf gebe, dass Handys in der Klasse schädlich seien. Die Schüler könnten sich weniger konzentrieren und ihre Leistung leide, gerade wenn sie die sozialen Medien nutzten. Ausnahme der künftigen Regelung: Wenn Handys für den Inhalt des Unterrichts notwendig seien, zum Beispiel in einer Lektion über Medienkompetenz. Schülerinnen und Schüler, die auf ihr Telefon angewiesen seien, könnten es ebenso benutzen, zum Beispiel aus medizinischen Gründen oder wegen einer Behinderung.
Schülersprecher wünschen Handyzone
Was hält man auf Borkum vom Vorstoß der niederländischen Regierung? „Da gehen Politik und Realität meiner Meinung nach ein bisschen auseinander“, so die Einschätzung von Philipp Wenning, Leiter der Inselschule. „Die Kinder werden auch weiterhin ihre Handys in der Tasche haben, das kann man so gut wie nicht verhindern.“ Wenn die Kollegen aus dem Nachbarland stärker kontrollieren, würden sie eher den Unmut der Kinder und Eltern auf sich ziehen, vermutet Wenning. Es sei dann auch mehr eine Frage der Elternhäuser als der Schulen, die sich kümmern müssten, dass die Handys tatsächlich zu Hause bleiben.
An der Inselschule, führt Philipp Wenning aus, dürften die Kolleginnen und Kollegen entscheiden, wann das Handy – und wenn, dann für Unterrichtsinhalte – genutzt werden darf. Standard sei aber, dass mit schuleigenen Geräten wie I-Pads gearbeitet werde. Und in der Pause? Die Schülervertreter, berichtet Wenning, hätten darum gebeten, dass im Schulbereich eine Art Handyzone eingerichtet wird, wo Schüler ab einem gewissen Jahrgang ihre Handys benutzen dürften. Dieser Vorschlag habe sich aber kürzlich auf einer Konferenz nicht durchgesetzt. Vor allem Eltern hätten sich stark eingebracht und wünschten sich für ihre Kinder vormittags eine möglichst handyfreie Zeit.
Wie Helmpflicht: Alle oder Keiner
Auch wenn es offiziell also weiterhin nicht erwünscht ist, in der Pause in die WhatsApp-Gruppe zu luschern, gibt sich Schulleiter Wenning realistisch: „Fakt ist, die Schüler benutzen Handys, wo wir es nicht sehen.“ In einem Notfall darf man natürlich selber wählen, kann sich aber auch ans Sekretariat wenden, wo alle entsprechenden Kontakte und Handynummern, um die Eltern zu informieren, vorlägen, so Wenning. „Es ist ganz wichtig“, resümiert der Schulleiter abschließend, „dass die Kinder einen vernünftigen, auch medienkritischen Umgang mit den Geräten lernen. Nur so können wir das, was zu Hause in den Kinderzimmern passiert, hier mit der Schule verknüpfen.“
Jörg Deisinger, Leiter der Grundschule Borkum, hält ein Handyverbot an Schulen für nicht umsetzbar. „Dann müsste ich den Lehrern ja eigentlich auch sagen, dass sie in der Schule kein Handy benutzen dürfen. Wie bei der Helmpflicht: entweder Helmpflicht für alle oder gar keine.“ Seiner Einschätzung nach sei so ein Verbot auch kaum mit den Grundrechten in Deutschland vereinbar, würde zudem eher vermehrt zu einer heimlichen Mediennutzung führen. Man sollte den Kindern vielmehr einen vernünftigen Umgang mit dem Handy zeigen, auch auf die Gefahren hinweisen, so Deisinger. „Das Elternhaus muss natürlich mitziehen. Wenn den Eltern das alles egal ist, haben wir generell ein Problem.“
Lehrerverband sieht Verbot skeptisch
Mit Blick auf das geplante Handyverbot in den Niederlanden ergänzt der Rektor: „Es wird spannend sein zu sehen, wie sie es kontrollieren wollen. Und wie die Kinder darauf reagieren. Würden sie es akzeptieren oder gehen sie auf die Barrikaden?“ In der Borkumer Grundschule werde das Thema Handy(-nutzung) unter anderem im Zuge des vom Lions Club geförderten Gesundheitsprogramms „Klasse2000“ angesprochen. Innerhalb der Schule würden Privatgeräte aber nicht ausgepackt. Gleichwohl, bekräftigt Jörg Deisinger, sei die Kommunikation und der Austausch über soziale Medien wie WhatsApp oder TikTok auch im Leben auf der Insel mittlerweile tief verwurzelt.
Der deutsche Lehrerverband indes teilt offenbar die Skepsis von Philipp Wenning und Jörg Deisinger: „Ein absolutes Handyverbot für alle Altersgruppen und den gesamten Schulbereich kann man nicht durchsetzen“, sagte Verbandspräsident Stefan Düll kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Viele Eltern wollten, dass ihre Kinder sich für kurzfristige Absprachen melden können. Zwar sei das Störungspotenzial durch Smartphones groß, bestätigte Düll. Doch habe es auch in der analogen Zeit viel Ablenkung gegeben: Schülerinnen und Schüler hätten Arbeitsaufgaben für andere Fächer gelöst, Briefchen geschrieben oder andere private Dinge erledigt. „Die Gedanken sind frei, die kann niemand kontrollieren.“
Wichtiger sei ein „Ansatz des emanzipierten Schülers“. Man müsse sich gemeinsam Gedanken machen, wie man mit digitalen Geräten in der Schule umgehe. „Ein flächendeckendes Komplettverbot führt nur zu Umgehung und in der Folge zur Drangsalierung junger Menschen“, sagte Stefan Düll. Auch gegen digitales Mobbing helfe ein Handyverbot kaum. „Wer mobben will, macht dann nachmittags weiter. Das können Lehrkräfte nicht kontrollieren.“ Online-Mobbing müsse für sich behandelt und besprochen werden, um dann gezielt dagegen vorzugehen.
Mit Material von dpa