Irre Spielfeldverkleinerung  Kickers-Arena bebte beim späten 4:3-Siegtor im Schlamm

| | 12.11.2023 13:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nach seinem 4:3 sprintete Torschütze Tido Steffens Richtung Fanblock, ehe ihn die Mitspieler herzten. Fotos: Doden
Nach seinem 4:3 sprintete Torschütze Tido Steffens Richtung Fanblock, ehe ihn die Mitspieler herzten. Fotos: Doden
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Zehn Stunden kämpften 100 Helfer um die Austragung des Spitzenspiels gegen Bersenbrück. Am Ende rettete eine irre Spielfeldverkleinerung das Spektakel, bei dem der BSV 2:0 führte und 2:3 hinten lag.

Emden - Das Jahrhundertspiel des BSV Kickers Emden vom 15. Mai 1994 hat am Samstag ernsthafte Konkurrenz bekommen. Vor 29 Jahren glückte dem BSV am letzten Spieltag der Amateuroberliga nach einem 0:3-Pausenrückstand gegen die von Felix Magath trainierten HSV-Amateure noch das zum Titel und zur Zweitliga-Aufstiegsrunde benötigte Unentschieden (3:3) - in einer irren Regenschlacht. Dieses Resultat wäre beinahe auch beim Schlamm-Spektakel im Oberliga-Spitzenspiel gegen Tabellenführer TuS Bersenbrück herausgesprungen. Doch in der 92. Minute beförderte Kickers-Torjäger Tido Steffens nach einem „Monster“-Einwurf von David Schiller den Ball aus drei Metern zum 4:3-Siegtor ins Netz. Da bebte das Stadion und die 1749 Fans tobten.

So sehen überglückliche Sieger aus. Minutenlang feierten die Spieler mit den Fans.
So sehen überglückliche Sieger aus. Minutenlang feierten die Spieler mit den Fans.

Die Emder hatten zunächst 2:0 geführt, dann 2:3 hinten gelegen und schoben sich mit diesem Sieg auf Platz zwei vor. „Dieses Spiel geht in die Geschichte ein“, sprudelte es aus Kapitän Steffens beim Abpfiff heraus. „Das habe ich den Jungs schon vor dem Anpfiff im Mannschaftskreis prophezeit.“

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Epischer 10-Stunden-Kampf

Der Steffens-Treffer mit Geschichtsbuch-Charakter war die Krönung eines epischen 10-Stunden-Kampfes gegen Pfützen, Matsch und Regenschauern. Am Ende rettete eineinhalb Stunden vor dem Anstoß nur eine wohl in der 5. Liga noch nie erlebte Spielfeld-Verkleinerung um gleich 2000 Quadratmeter die Fußballparty.

Das Spielfeld war am Ende rund um das Eckballhütchen restlos ramponiert.
Das Spielfeld war am Ende rund um das Eckballhütchen restlos ramponiert.

Weil die Kicker am Seitenrand knöcheltief in den Morast eingesunken wären, hätte Schiedsrichter Marco Scharf (Cuxhaven) sonst nicht angepfiffen. „Da haben wir die Linien an beiden Seiten um 10 Meter nach innen verlegt“, erklärte Kickers-Manager Henning Rießelmann nach dem Drama. „Wir haben heute Grenzen verschoben“, meinte er mehrdeutig. „Am Ende hatte auch ich eine Träne im Auge.“

Feld wurde 20 Meter schmaler

Letztlich erfüllte das Minispielfeld mit 48 Metern Breite - der Standard sind 68 - noch so gerade das Mindestmaß von 45 Metern. Damit belohnten der BSV, der Spielleiter und vor allem auch der Gegner aus Bersenbrück, der dem Spielfeldtrick mit „Trainingshütchen“ als Eckfahnen zustimmte, die stundenlange Arbeit der Helfer um die rührigen Platzwarte Uwe Eeten und Marco Hufert. „Ein Riesenlob an Kickers für das, was hier geleistet wurde“, sagte auch der sympathische Gäste-Trainer Tobias Langemeyer. „So haben wir ein Spektakel erlebt.“

Die Kickers-Fans zündeten verbotenerweise Pyrotechnik, so dass Kickers mit einer Geldstrafe rechnen muss.
Die Kickers-Fans zündeten verbotenerweise Pyrotechnik, so dass Kickers mit einer Geldstrafe rechnen muss.

„Seit 10 Uhr waren nahezu 100 Menschen auf dem Platz. Das ist einmalig in der Kickers-Geschichte“, schwärmte hinterher der Vorsitzende Dr. Jörg Winter. Die BSV-Helfer wurden unterstützt von THW und Feuerwehr. „Wir werden immer mehr zu einer Familie“, zeigte sich auch der Sportliche Leiter Sebastian Plog angetan.

Tore nach Ecken und Einwürfen

Ab 18.07 Uhr rollte tatsächlich der Ball. „Aber mit Fußball hatte das gar nichts zu tun“, betonte Einwurfhüne David Schiller. „Das war 100 Prozent Kampf.“ Für typische Spielzüge war das Feld zu schmal und zu matschig. So kam es darauf an, mit hohen Bällen Getümmel in den Strafräumen zu verursachen. Es war kein Zufall, dass gleich fünf der sieben Treffer aus Eckbällen und Einwürfen resultierten. Es wären weitaus mehr möglich gewesen. „Das Spiel hätte auch 6:6 oder 7:7 ausgehen können“, sagte der Emder Trainer Stefan Emmerling.

Beim Abkreiden des neu geschaffenen Spielfeldes musste genau Maß genommen werden.
Beim Abkreiden des neu geschaffenen Spielfeldes musste genau Maß genommen werden.

Seine Mannen entwickelten zunächst mehr Druck und sorgten für mehr Turbulenzen im Torraum. Das 1:0 erzielte Schiller im Nachschuss, nachdem Tobias Steffen an Torwart Nils Böhmann gescheitert war. Steffen vergab wenig später die 150-prozentige Chance, als er vor dem leeren Tor den Innenpfosten traf. Wenig später glückte ihm der 2:0-Pausenstand im Anschluss an einen weiten Schiller-Einwurf und einen Kopfball von Janek Siderkiewicz.

Drei TuS-Tore in neun Minuten

Kickers ließ weitere Chancen - vor allem durch Steffens - Ende der ersten und zu Beginn der zweiten Hälfte ungenutzt, ehe die Partie vollends kippte. Der TuS erzielte innerhalb von neun Minuten durch Nicolas Eiter (51.), Markus Lührmann (55.) und Michel Eickschläger (59.) eine 3:2-Führung. Es hätten noch mehr TuS-Tore fallen können - vor allem weil Eickschläger gegen den als Verteidiger diesmal überforderten André N‘Diaye permanent für brenzlige Situationen sorgte.

Spieldaten

Emden: Djokovic, Engel, Eilerts, Herbst, N‘Diaye, Kaissis (78. Lameyer), Siderkiewicz, Steinwender (78. Abbey), Steffen (62. Stöhr), Schiller, Steffens.

Tore: 1:0 Schiller (16.), 2:0 Steffen (30.), 2:1 Eiter (51.), 2:2 Lührmann (55.), 2:3 Eickschläger (59.), 3:3 Eigentor Hedemann (71.), 4:3 Steffens (92.).

Letztlich brachte der Gast per Eigentor durch Leonard Hedemann nach einer Ecke Kickers zurück ins Spiel. In der 85. Minute verhinderte erst BSV-Akteur Sven Lameyer mit einer Rettungstat auf der Torlinie und beim zweiten Versuch der überragende Torhüter Isaak Djokovic mit einer Glanzparade das 3:4.

Dann folgte die 92. Minute, der Einwurf, das Steffens-Tor und das Stadionbeben. Da jubilierte auch der so besonnene Janek Siderkiewicz. „Das ist Ostfriesland, das ist Kickers“, sagte der ballgewandte Super-Kämpfer. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“