BSV-Mitglied seit 77 Jahren  Kickers-Geburt zwischen Schutt und Asche – Gründer erinnert sich

| | 20.10.2023 12:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Kickers-Nachwuchs besaß in der Anfangszeit keine Trikots. So streifte die Jugend das Unterhemd über die Trainingsjacke und spielte in Weiß. Auf dem Bild der Schülermannschaft ist auch Joachim Frerichs (Dritter von rechts).
Der Kickers-Nachwuchs besaß in der Anfangszeit keine Trikots. So streifte die Jugend das Unterhemd über die Trainingsjacke und spielte in Weiß. Auf dem Bild der Schülermannschaft ist auch Joachim Frerichs (Dritter von rechts).
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Der BSV Kickers Emden wurde im März 1946 in der Emder Herrentorschule gegründet. Joachim Frerichs war damals 14 Jahre alt. Eigentlich sollte der Verein Blau-Weiß Emden heißen.

Emden - Niemand kennt und liebt den BSV Kickers Emden länger als Joachim Frerichs aus Wolthusen. Der Senior, der in Kürze seinen 92. Geburtstag feiert, war schon bei der Geburtsstunde des Vereins mit dabei. Am 24. März 1946 drängten sich 46 fußballbegeisterte junge Männer in ein Klassenzimmer der Emder Herrentorschule. Frerichs zählte mit 14 Jahren zu den Allerjüngsten. Dieser Tag kennzeichnet nicht nur den Beginn einer bewegten Vereinshistorie. Er bedeutete kurz nach dem Krieg für die Jungs und Männer in einer völlig zerstörten Stadt den Aufbruch in bessere Jahre.

Der Klub ließ Frerichs nie mehr los. Er drückt seinem BSV noch heute die Daumen und erhielt kürzlich nachträglich die Ehrennadel für 75-jährige Vereinstreue. „Ins Stadion gehe ich nicht mehr“, erzählt der rüstige Senior, den lediglich der Rücken zwickt. „Aber ich schaue mir die Ergebnisse im Teletext an.“ Das allererste Kickers-Resultat von 1946 steckt in seinem kleinen Privat-Archiv. Eine Woche nach der Vereinsgründung traten die Emder beim FC Norden an und erkämpften als Neuling ein 4:4. Solche Ereignisse und Resultate verdrängten ganz allmählich die Gedanken an verheerende Kriegsjahre.

Schlimme Kriegsjahre

Frerichs musste als Kind gleich dreimal Emden verlassen, weil sich in der Hafenstadt niemand mehr seiner sicher sein konnte. Mit neun Jahren verbrachte er Monate bei seiner Tante in Halberstadt. Im Folgejahr wurde er zunächst in die Nähe von Marburg und dann nach Eschwege gebracht, um dort die Schule zu besuchen. „Kinderlandverschickung nannte man das“, erzählt das BSV-Urgestein.

Er erinnert sich auch noch an seine dritte Tour. Da ging es im August 1942 von Emden nach Bad Wildungen. „Es fuhr ein Sonderzug. Der war voller Schüler.“ Danach endeten diese Schülertouren, und der kleine Joachim verbrachte bei viele Bombennächte in Emden im Bunker. „Wir hatten noch Glück. Unser Haus in der Graf-Ulrich-Straße wurde nie getroffen.“ Frerichs‘ Vater kehrte allerdings nie mehr aus dem Krieg zurück.

Schaumgummi zu Bällen geformt

Zwischen Schutt, Asche und einem zu Hause mit einer alleinstehenden Mutter und zwei Schwestern war Fußball die beste Ablenkung. Es mangelte lediglich an notwendigen Utensilien. „Wir haben Bänder um Schaumgummi geknotet und so einen Ball geformt“, erinnert sich Frerichs. Mit der Kickers-Zeit verbesserte sich die Ausstattung auch für den Knirps aus der 2. Schülermannschaft. Dafür sorgte Betreuer Hänsi Lorenz. „Er war Vereinsmitglied Nummer 1“ , sagt Frerichs lächelnd. Und offenbar verfügte Lorenz über beste Kontakte zu den Schustern der Stadt. „Zu jedem Training brachte er ein Netz voller Bälle und ein weiteres voller Fußballschuhe mit.“

Bei der Jahreshauptversammlung des BSV Kickers Emden verneigte sich Vorsitzender Dr. Jörg Winter ganz tief vor dem Mann der ersten Kickers-Stunde und ehrte den Veteran für seine ewige Mitgliedschaft. Foto: Doden
Bei der Jahreshauptversammlung des BSV Kickers Emden verneigte sich Vorsitzender Dr. Jörg Winter ganz tief vor dem Mann der ersten Kickers-Stunde und ehrte den Veteran für seine ewige Mitgliedschaft. Foto: Doden

Die Treter wurden dem Nachwuchs nur für die Übungsstunde geliehen. „Da musste man Glück haben, dass man ein passendes Paar erwischte“, erzählt Frerichs. „Manchmal waren die Schuhe auch zwei Nummern zu groß.“

Unterhemd statt Trikot

Den Mangel an Trikots behoben Frerichs und Co. auf simple Art. „Wir haben bei den Spielen die Unterhemden über unsere Trainingsjacken gezogen.“ So trugen auch alle Jugendkicker zumindest ein korrektes Element der blau-weißen Vereinsfarben. „Blau-Weiß“ Emden hätte der neue Klub eigentlich auch heißen sollen. Aber gegen diese Namensähnlichkeit legte der Stadtrivale Blau-Weiß Borssum bei einer Sitzung der „Emder Sportgemeinschaft“ erfolgreich sein Veto ein.

So ging der BSV Kickers auf Torejagd, avancierte bald zur Nummer eins in der Stadt und irgendwann zum besten Klub Ostfrieslands. Frerichs fieberte später am Seitenrand mit. Er selber konzentrierte sich als junger Mann auf die berufliche Ausbildung bei der Reederei Fisser & van Doornum, verbrachte 1952 ein Jahr in der Zentrale in Hamburg und weitere Zeit in England und Paris, ehe er später in der Emder Niederlassung bis auf höchste Ebene emporkletterte. Nebenbei gehörte er als CDU-Politiker mehr als zwei Jahrzehnte dem Stadtrat an.

Tägliche Lektüre von OZ, EZ und FAZ

Der Vater von zwei Kindern und Opa von drei Enkeln ist seit 66 Jahren mit seiner Marga verheiratet. Nicht nur Kickers, die Ehefrau und seine Shantygruppe wahren seine Vitalität im Alter. „Ich lese auch jeden Tag drei Zeitungen.“ Mit der Lektüre von OZ, Emder Zeitung und der FAZ bleibt Frerichs auf allen Ebenen Ball.

Derzeit freut sich das Kickers-Urgestein über die neu entfachte Euphorie beim BSV. „Nur auswärts muss es besser werden.“ Wenn dieser Wunsch noch in Erfüllung geht, dann wird der Mann der ersten Stunde nach 77 Jahren als Mitglied vielleicht noch neue Sternstunden seines Herzensvereins genießen dürfen.

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