Ostfriese ist Nationalspieler  Holger Wulff erlebte besonderes Länderspiel in London

| | 06.10.2023 15:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nach der Auswechslung von Andreas Dick übernahm Holger Wulff (rechts) am Donnerstagabend die Kapitänsbinde der Bundeswehr-Nationalmannschaft. Foto: Bundeswehr
Nach der Auswechslung von Andreas Dick übernahm Holger Wulff (rechts) am Donnerstagabend die Kapitänsbinde der Bundeswehr-Nationalmannschaft. Foto: Bundeswehr
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Der 32-Jährige trat mit der Bundeswehr-Nationalmannschaft zum wiederholten Male gegen England an. Vor sieben Jahren traf der Fußballer des SV Großefehn beim „Game of Remembrance“ sogar Bobby Charlton.

Großefehn/London - Donnerstagabend Länderspiel in London, heute eigentlich Bezirksliga in Ostfriesland: Holger Wulff tingelt diese Tage wieder zwischen den Fußball-Welten, wobei beide aus Amateurfußballern besteht. Doch als Spieler der Bundeswehr-Nationalmannschaft erlebt der Kicker des SV Großefehn seit 2015 immer mal wieder die größere Bühne. So trat der Feldwebel in einem Militär-Länderspiel am Donnerstag in der Hauptstadt London gegen die englische Soldaten-Nationalmannschaft an.

Holger Wulff spielt seit Anfang des Jahres wieder für den SV Großefehn. Foto: Doden/Emden
Holger Wulff spielt seit Anfang des Jahres wieder für den SV Großefehn. Foto: Doden/Emden

Nach dem 0:0 in London wird der 32-Jährige nicht wie ursprünglich geplant mit seinen Teamkollegen des SVG um 18 Uhr zum Liga-Spiel in Hinte antreten. „Ich habe vorhin mit unserem Trainer telefoniert. Wir haben uns darauf verständigt, dass ich diese Woche aussetze“, sagte der Ostfriese am Freitagmittag vor dem Abflug vom Flughafen Heathrow am Nachmittag nach Köln/Bonn. Wegen eines mehrmonatigen Lehrgangs in Hamburg und nun der Fußballreise ist Wulff in diesen Wochen wenig zuhause gewesen. Nun kann er sich am Wochenende um seine hochschwangere Frau Kim kümmern.

Erinnerungen an den Weihnachtsfrieden 1914

Bereits vor der Begegnung hatte der frühere Spieler von Germania Leer (2015/2016) und Kickers Emden (2016 bis Ende 2022), der im Januar zu seinem Heimatverein Großefehn zurückgekehrt ist, von der sportlichen Brisanz berichtet, die auch in diesen Spielen zwischen Deutschland und England herrscht. „Da ist immer Feuer drin und es geht gut zur Sache. Das war auch am Donnerstag so. Aber es war alles im Rahmen und nach der Partie saßen beide Teams noch länger zusammen.“

Auch 2018 war Holger Wulff (unten, Vierter von links) in Nottingham dabei. Das Foto täuscht. Bei der Partie waren rund 10.000 Zuschauer (auf der anderen Seite) dabei. Foto: Bundeswehr
Auch 2018 war Holger Wulff (unten, Vierter von links) in Nottingham dabei. Das Foto täuscht. Bei der Partie waren rund 10.000 Zuschauer (auf der anderen Seite) dabei. Foto: Bundeswehr

Die Begegnung ist nicht irgendein Länderspiel. Sie hat Tradition und einen besonderen Hintergrund. Das „Game of Remembrance“ soll auch an die vielen Soldaten erinnern, die im 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 auf beiden Seiten an der Front gestorben sind. „Das Ganze erinnert auch an den kurzen Weihnachtsfrieden an der Front 1914“, erklärt Nationalmannschafts-Pressesprecher Stefan Wagner. Der Geschichte nach sollen britische und deutsche Soldaten zum Weihnachtsfest einen kurzen Waffelstillstandsfrieden geschlossen haben. „An einem Frontteil soll sogar zusammen Fußball gespielt worden sein.“

Holger Wulff traf Bobby Charlton

Seit 2012 werden die freundschaftlichen Begegnungen ausgetragen, sowohl bei den Frauen (diesmal 1:1) als auch bei den Männern. „Das passiert im Jahres-Wechsel abwechselnd in Deutschland und England“, so Holger Wulff, der schon einige dieser Partien miterlebt hat. Der Mittelfeldspieler war auch beim bisher größten der „Remembrance“-Spiele mittendrin. 100 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs wurde die Gedenkbegegnung 2018 im Stadion des Traditionsclubs Nottingham Forrest aus der Premier League ausgetragen. „Das war ganz, ganz besonders. 10.000 Zuschauer kamen zu dem Spiel. Die Engländer sind schon positiv verrückt“, sagt Holger Wulff.

Auch 2016 war Holger Wulff beim „Game of Remembrance“ in England schon dabei und wurde nach der Partie von 1966-Weltmeister Sir Bobby Charlton geehrt. Foto: Archiv
Auch 2016 war Holger Wulff beim „Game of Remembrance“ in England schon dabei und wurde nach der Partie von 1966-Weltmeister Sir Bobby Charlton geehrt. Foto: Archiv

Bei einer Partie 2016 gab es beim 2:1-Sieg der Deutschen im englischen Burton-upon-Trent vor 1500 Zuschauern auch eine ganz spezielle Begegnung. Augenzeuge von Wulffs Tor zum 1:0 war niemand Geringeres als die englische Fußball-Legende Sir „Bobby“ Charlton, der auch Wulff nach dem Spiel eine Medaille überreichte. Der heute 85 Jahre alte Charlton führte die englische Nationalelf bei der Heim-WM 1966 zum Titel und absolvierte zwischen 1954 und 1973 insgesamt 606 Partien für Manchester United. „Ihm kurz die Hand zu schütteln, war klasse“, sagte Wulff schon vor sieben Jahren unmittelbar nach der Begegnung mit dem Weltmeister, der nach Medienberichten inzwischen an Demenz erkrankt sein soll.

Erst die Hymnen, dann viele Torchancen

Prominenz und Massen auf den Tribünen gab es am Donnerstagabend nun nicht. Rund 500 Zuschauer verfolgten die Begegnung im schmucken Amateurstadion des Aldershot Town Football Club, das laut Wulff der Lohmühle in Lübeck ähnelte. Nach dem formellen Vorspiel mit Hymnen und Ehrungen ging es fußballerisch 90 Minuten zur Sache. „Es war ein temporeiches und leistungsgerechtes 0:0. In der ersten Halbzeit hatten wir die besseren Chancen, in der zweiten die Engländer“, sagt der Zeitsoldat des Luftwaffenstützpunkts in Wittmund. Nach der Auswechslung von Andreas Dick übernahm der Großefehner sogar die Kapitänsbinde.

Für Wulff und seine Mitspieler, die in ihrer Laufbahn teilweise bis zur Regionalliga im Einsatz waren, war es das erste offizielle Länderspiel nach langer Zeit. Corona und der Ukraine-Krieg verhinderten die üblichen Länderspiele und auch Weltmeisterschaften. Wulff trat 2017 bei einer WM im Oman an.

Die dritte Halbzeit war stimmungsvo

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„Wir haben in den vergangenen Monaten aber immer mal wieder regionale Freundschaftsspiele gemacht, einmal auch gegen den 1. FC Saarbrücken“, so der Ostfriese. Die fünftägige Reise nach England mit dem Spiel am Donnerstagabend war nun aber der Höhepunkt der jüngeren Vergangenheit.

Der war mit dem Abpfiff noch nicht beendet – nach dem Duschen folgte der Anpfiff zum geselligen Teil. Nach Hähnchen und Reis und ein paar gemeinsamen Bierchen gab es eine Art „Wettsingen“ mit den Engländern. „Aus jeder Mannschaft sind mal ein paar Jungs abwechselnd nach vorne gegangen und haben wie bei einer Karaoke-Party bekannte Lieder aus der Heimat gesungen. Das war sehr witzig.“

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