Unmut wegen Lärm  „Ballermann“ Borkum trübt den Inselurlaub

| | 09.08.2023 17:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Der überdachte Sitzbereich am Nordsee Aquarium ist ein beliebter abendlicher Treffpunkt auf der Insel. Foto: Ferber
Der überdachte Sitzbereich am Nordsee Aquarium ist ein beliebter abendlicher Treffpunkt auf der Insel. Foto: Ferber
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Zwei Touristen haben sich unabhängig voneinander über zu laute Musik während ihres Aufenthalts auf Borkum beschwert. Was sagen Polizei, Stadt und NBG dazu?

Borkum - Sein jüngster Borkum-Urlaub wird Matthias Möller in Erinnerung bleiben – in nicht allzu schöner. „Eigentlich finde ich die Insel sehr gut wegen des Hochseeklimas, weil ich mit den Bronchien und der Lunge zu tun habe“, erklärt der Tourist aus der Nähe von Bielefeld. Doch die Erholung wurde – nach ähnlichen Erfahrungen 2022 – auch in diesem Jahr merklich getrübt. In einer (zweiten) E-Mail an Bürgermeister Jürgen Akkermann, die der Redaktion vorliegt, schreibt Möller: „Mittlerweile versammeln sich sogar mehrere Gruppen von Partyvolk am Aquarium. Jede Gruppe verfügt über eine Musikanlage mit enorm viel Leistung, sodass die Bässe sehr weit tragen. Man bekommt nachts dadurch keinen Schlaf.“

Selbst tagsüber, so Möller weiter, könne man nicht in Ruhe sonnenbaden; es sei auch schon zu Polizeieinsätzen gekommen. Hier gehe es nicht um Musik, sondern nur noch um Krach. „Die machen da einen Alarm, der ist nicht von schlechten Eltern“, ergänzt der Urlauber im Gespräch mit dieser Zeitung. Kurgäste, die in den überdachten Sitzbereichen am Nordsee Aquarium Entspannung suchten oder dort abends den Sonnenuntergang sehen wollten, wollten nicht von irgendwelchen Bässen „vollgedröhnt werden“. In seiner Mail kommt Matthias Möller zu dem ernüchternden Schluss: „Als Kurgast auf der Insel ist das für mich nun das Aus, da kann ich auch zum Ballermann nach Spanien fahren. Ich komme hier her, um Wind, Wellen und Ruhe zu genießen.“

An Schlaf war nicht zu denken

Ähnliche Eindrücke schildert eine langjährige Borkum-Urlauberin nach ihrem jüngsten viertägigen Aufenthalt im Juli. Sie beschreibt unter anderem: „Am Abend des 21. Juli fingen dann die Tiefbässe an, über die Insel zu dröhnen. Musik, die in Mark und Bein ging und mich durchschüttelte. An Schlafen war in der Nacht nicht zu denken. Ich war verzweifelt. Es war körperlich grausam. Mein Hund reagierte nicht minder verstört. So muss es auf Mallorca am Ballermann sein, dachte ich.“

Um genau diese Verhältnisse nicht zu haben, sei sie nach Borkum gefahren. Sie sei wütend gewesen über so viel Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit. „Es lag völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft, wie man eine ganze Insel mit Bässen beschallen kann, was sehr qualvoll sein kann, nur weil ein paar Leute feiern wollen.“ Niemand wolle den Jugendlichen den Spaß verderben. „Es geht aber anders. Mit normal eingestellter Musik (und leiseren Bässen) haben schon ganze Generationen vor uns gefeiert und Spaß gehabt.“

Eine Stimme von der Polizei

Svenia Temmen von der Polizeiinspektion Leer/Emden kann nach Rücksprache mit ihren Borkumer Kollegen in Sachen Musiklärm keine Ausreißer im Vergleich zu den Vorjahren bestätigen. Temmen spricht von einem „normalen Borkum-Hochsaison-Level“. Gleichwohl räumt die Sprecherin ein, dass es im Sommer, wenn die Insel proppenvoll ist und viele Feriengäste dort sind, auch mal trubeliger zugehe und lauter werde. Der eine wolle kuren, beim anderen sei Party angesagt, zeigt Temmen das Konfliktpotenzial auf.

Wem etwas auffalle, der solle sich aber jederzeit an die Polizei wenden. „Die Kollegen können immer nur dann agieren, wenn ihnen auch persönlich Bescheid gesagt wird“, so Svenia Temmen. Wird dann jemand erwischt, werde nicht gleich „die Keule“ rausgeholt. „Beim ersten Mal gibt es eine Ermahnung, das ist in unserem Ermessensspielraum ganz einfach möglich und die richtige Form, mit Urlaubern, die ein bisschen Spaß haben, umzugehen. Da kann man nicht immer gleich mit einer Ordnungswidrigkeit oder einem Bußgeld dazwischengehen.“

Eine Stimme von der NBG

Dass sich gerade im Sitz-Bereich in Nähe des Nordsee Aquariums regelmäßig Jugendliche (vor allem auch von der Insel) treffen, sei lange bekannt, sagt Pia Hosemann, stellvertretende Tourismusdirektorin von der Nordseeheilbad Borkum GmbH (NBG). Sie nutzten die Lokalität, weil sie trocken und windgeschützt sei. Die Kollegen vor Ort, etwa von der Strandmeisterei, fänden meist anderntags die Hinterlassenschaften wie Bierflaschen oder Chipstüten.

Die Problematik, erläutert Hosemann in dem Kontext, sei zudem, dass es auf Borkum an Orten fehle, wo sich junge Menschen auch mal abends – das Jugendhaus in der Ankerstraße hat nur wochentags und nur bis 21 Uhr auf und liegt in Wohngebietsnähe – treffen könnten. Hier müsse sich eher die Stadt oder der Stadtrat Gedanken machen, wo und wie man entsprechende Möglichkeiten schaffen könnte. Als NBG sei es „per se nicht unser To Do, dieses Grundproblem zu lösen. Wir kämpfen mit den Folgen.“

Eine Stimme aus dem Rathaus

„Vor allem in den Sommermonaten kommt es immer wieder zu Beschwerden über Ruhestörungen beziehungsweise Störung der Nachtruhe. Diese Ruhestörungen finden meistens an denselben Örtlichkeiten auf der Insel statt“, erklärt Eike Müller, Leiter der Ordnungs- und Sozialabteilung der Stadt Borkum, auf Anfrage. Aus diesem Grund erhöhe die Polizei während der Sommermonate die Präsenz an diesen Plätzen und führe stichprobenartig Kontrollen durch. „Sollten von der Polizei Ruhestörungen festgestellt werden, werden diese dann auch vor Ort unterbunden“, so Müller. Beschwerden über Ruhestörungen, die tagsüber durch mobile Musikanlagen stattfinden, hätten der Stadt in der Vergangenheit nicht vorgelegen.

Generell, fährt der Leiter der Ordnungs- und Sozialabteilung fort, beschäftige sich die Stadt Borkum „natürlich damit, den Borkumer Jugendlichen einen Ort im Sommer anzubieten, an dem diese sich auch abends draußen treffen können, ohne dabei Dritte zu stören“. Bis jetzt sei man aber leider noch zu keinem Ergebnis gekommen. „Dies hängt auch mit den Voraussetzungen zusammen, die dieser Ort haben müsste (Erreichbarkeit, Wetterschutz, Toiletten…)“, so Eike Müller.

Eine Stimme aus dem Jugendhaus

Der „Rentnergrill“ – so werden die geschützten, überdachten Sitzbereiche neben dem Aquarium auch genannt – sei vor allem abends ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche, bestätigt der ausgebildete Heilerziehungspfleger Daniel Wilms, der im Jugendhaus als Erzieher arbeitet. In dem Promenaden-Bereich werde auch das eine oder andere konsumiert. „Letztens hat die Polizei aber auch drei unserer Jugendlichen gelobt, weil sie nur Pizza gegessen haben“, berichtet Wilms.

Auch er sieht das Problem eines fehlenden Rückzugsortes für (ältere) Jugendliche auf der Insel. Wo der Bolzplatz hinterm Jugendhaus ende, gäbe es zum Beispiel eine Grünfläche. Aber dort liege zu viel Schutt drauf, da müsse man erst entsorgen. Und es bleibt die Nähe zu den Wohnhäusern. Schon jetzt, so Wilms, gebe es Beschwerden, wenn die Kids vorne an der Feuerwehreinfahrt, „auf dem einzig vernünftigen Boden“, mit Roller oder Skateboard fahren.

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