Schiff in Sichtweite  Unglücksfrachter und Borkum kommen sich nah

| | 03.08.2023 16:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zahlreiche Schaulustige beobachteten, wie der Frachter am Donnerstag an Borkums Küste entlang geschleppt wurde. Foto: Ferber
Zahlreiche Schaulustige beobachteten, wie der Frachter am Donnerstag an Borkums Küste entlang geschleppt wurde. Foto: Ferber
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Die havarierte „Fremantle Highway“ ist auf ihrem Weg nach Eemshaven am Donnerstag an Borkums Küste vorbeigeschleppt worden. Das Spektakel lockte zahlreiche Schaulustige an.

Borkum - „Hoffentlich halten die Seile.“ Dem Wunsch einer Urlauberin hätten sich am Donnerstagvormittag wohl alle Schaulustigen angeschlossen, die entlang der Promenade über den Südstrand bis zum Schwarzen Deckwerk verfolgten, wie der in der vergangenen Woche havarierte Autofrachter „Fremantle Highway“ erfolgreich die Borkumer Küste Richtung Eemshaven passierte. Das rund 200 Meter lange, durch ein Großfeuer stark beschädigte Schiff, das am Mittag sicher am Zielort einfuhr, wurde von zwei Schleppern gezogen und von weiteren Booten und einem Flugzeug der Küstenwache begleitet.

Blick über die Promenade: Die „Fremantle Highway“ kommt Borkum ziemlich nahe. Foto: M. Kauf
Blick über die Promenade: Die „Fremantle Highway“ kommt Borkum ziemlich nahe. Foto: M. Kauf

Und von zahlreichen gezückten Smartphones und Kameras – und Kommentaren. „Sieht viel größer aus als im Fernsehen“, war da zu hören oder „Jetzt bloß nicht noch umkippen, Junge“. An anderer Stelle wurde zwischen Sonnenbad und Vormittagspils lebhaft über das Für und Wider solcher „Riesenpötte“ diskutiert. Tourist Jürgen Alister, mit seiner Frau zum ersten Mal auf der Insel, geriet eher zufällig in den ganzen Trubel. „Ich wusste gar nicht, dass die jetzt schon unterwegs sind. Wir wollten eine Radtour machen und sind dann dahin gefahren, wo die Massen sich gesammelt haben.“ Er habe fest die Daumen gedrückt, dass die Sache gut ausgeht. „Für Borkum wäre es ganz schlecht gewesen, wenn hier etwas passiert wäre“, so der Gast aus Nordrhein-Westfalen.

Geht alles gut mit der „Fremantle Highway“? Die zahlreichen Zuschauer behalten das Geschehen im Blick. Foto: Ferber
Geht alles gut mit der „Fremantle Highway“? Die zahlreichen Zuschauer behalten das Geschehen im Blick. Foto: Ferber

Erleichterung über geglücktes Manöver

Auch Borkums Umweltbeauftragte Sandra Franke ließ sich das Spektakel nicht entgehen und behielt die „Fremantle Highway“ auf ihrem Weg in den niederländischen Zielhafen am Strand per Fernglas im Auge. Man wundere sich, dass das Schiff überhaupt standgehalten habe, „wenn man sieht, wie weit runter das Feuer war“. Sie habe ein „mulmiges Gefühl“ (gehabt), gestand Franke. Wenn der Frachter jetzt brechen würde, „hätten wir ein Riesenproblem. Ich hätte auch nicht gedacht, dass er so nah vorbeifährt“. In den vergangenen Tagen habe sie „alle paar Minuten“ nachgeschaut, ob es Neuigkeiten zur „Fremantle Highway“ gebe, „weil ich mir echt Sorgen gemacht habe“. Ob sich indes die Brandursache am Ende noch genau feststellen lasse, sei ihren Informationen nach fraglich, so die Umweltbeauftragte.

Voller Südstrand: Das Abschleppen des Frachters lockte die Massen an. Foto: Ferber
Voller Südstrand: Das Abschleppen des Frachters lockte die Massen an. Foto: Ferber

Am Schwarzen Deckwerk, kurz vor Beginn des Loopdeelenwegs, hatte auch Göran Sell, Geschäftsführer der Nordseeheilbad Borkum GmbH (NBG), mit seinem Rad Halt gemacht, während der Autofrachter weiter Richtung Eemshaven-Panorama am Horizont gezogen wurde. Die Erleichterung darüber, dass das Abschleppmanöver gut ging, war Sell durchaus anzumerken. „Jetzt wissen die Gäste, was sie erzählen können“, scherzte er. Möglich also, dass die Aktion am Ende mehr Gesprächsstoff liefert als die Beach Days 2023. Die ältere Dame aus dem Sauerland jedenfalls, die sich mit ihrer Freundin auf einer Bank auf dem Deckwerk ausruhte, hatte ihre Familie zeitnah mit Fotos versorgt. „Ich habe schon was nach Haus geschickt. Mein Sohn hat gesagt, ihr könnt das live sehen und ich habe heute Morgen noch was bei uns in der Zeitung gelesen.“

Der havarierte Autofrachter passiert den Borkumer Südstrand. Foto: Ferber
Der havarierte Autofrachter passiert den Borkumer Südstrand. Foto: Ferber

Von Neuwagen nicht viel übrig geblieben

Mit dem geglückten Abschlepp-Manöver ist die Gefahr einer Ölverseuchung für die Nordsee und das Wattenmeer gebannt, hieß es am Donnerstag. Der Frachter musste aus Sicherheitsgründen so schnell wie möglich in einen sicheren Hafen gebracht werden. Das Schiff sei zwar intakt, das Feuer erloschen, sagte ein Sprecher der Wasserbehörde, aber das Risiko bestehe, dass Flammen wieder aufloderten. Und die „Fremantle Highway“ ist eben schwer beschädigt. „So etwas will man nicht auf offener See haben“, sagte der Sprecher. Die Risiken auf Öllecks durch Risse in den Stahlwänden oder sogar ein Kentern nahmen zu. Und für den Nachmittag war harter Nordwestwind vorhergesagt.

Eemshaven ist etwa 64 Kilometer vom bisherigen Ankerplatz vor der Insel Schiermonnikoog entfernt. Das Schiff soll zunächst entladen und Schadstoffe entsorgt werden. Die Berger vermuten, dass von den rund 3800 Neuwagen an Bord, darunter knapp 500 E-Autos, nicht viel übrig ist. Die „Fremantle Highway“ war auf dem Weg von Bremerhaven nach Singapur, als Feuer ausbrach. Brandherd war vermutlich die Batterie eines E-Autos. Das ist aber noch nicht bestätigt. Bei der Evakuierung des Schiffes war ein Mann aus Indien gestorben. Die übrigen 22 Besatzungsmitglieder wurden gerettet.

Mit Material von dpa

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