Silber in Rom, Bronze in Mexiko  Der fast vergessene Olympiaheld aus Spols bei Remels

| | 21.06.2023 10:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei Olympia 1968 in Mexiko gewann die deutsche Staffel Bronze. Gerhard Hennige (Nummer 16) übergibt den Staffelstab hier an Manfred Kinder (Nummer 22). Fotos: Imago (3)/Privat (2)
Bei Olympia 1968 in Mexiko gewann die deutsche Staffel Bronze. Gerhard Hennige (Nummer 16) übergibt den Staffelstab hier an Manfred Kinder (Nummer 22). Fotos: Imago (3)/Privat (2)
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Manfred Kinder wuchs als ostpreußisches Flüchtlingskind im 100-Seelen-Ort Spols auf. Er war ein großartiger 400-Meter-Läufer. Er spielt heute noch Tennis und feierte unlängst Diamantene Hochzeit.

Spols/Wülfrath - Das kleine Ostfriesland hat schon einige große Olympiasportler in der Leichtathletik hervorgebracht. Hammerwerferin Andrea Bunjes, Hürdenläuferin Silvia Rieger oder auch Zehnkämpfer Frank Müller – sie alle begeisterten die Menschen an der Küste. Einer schaffte es sogar aufs Siegerpodest. Im 100-Seelen-Örtchen Spols bei Remels wuchs nach dem Krieg ein Läufer heran, der später zur Weltklasse zählte. Manfred Kinder startete 1960 in Rom, 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko bei Olympia. Und als einer der schnellsten 400-Meter-Läufer seiner Zeit gewann er mit der 4x400-Meter-Staffel einmal Silber und einmal Bronze.

Manfred Kinder und seine Frau Maria feierten 2021 Diamantene Hochzeit.
Manfred Kinder und seine Frau Maria feierten 2021 Diamantene Hochzeit.

Diese Großtaten sind in Ostfriesland fast in Vergessenheit geraten. Denn als Kinder in Rom und Mexiko aufs Podium kletterte, lebte der Flüchtlingsjunge aus Ostpreußen nicht mehr bei Mutter und Schwester im Landkreis Leer, sondern in Wuppertal. Noch heute beweist er ganz in der Nähe in Wülfrath mit 85 Jahren seine Fitness. „Ich spiele Tennis und fahre gerne mit dem Rad“, erzählt der Senior, der vor zwei Jahren mit seiner Maria Diamantene Hochzeit feierte.

In Mexiko privat untergebracht

Natürlich hat er seine Olympia-Einsätze in bester Erinnerung – besonders die Wochen 1968 in Mexiko. „Da bin ich auf eigenen Wunsch aus dem olympischen Dorf ausgezogen“, erzählt Manfred Kinder. Deutsche Auswanderer, die in Mexiko Stadt lebten, hatten angeboten, Sportler ihres Heimatlandes zu beherbergen. „Ich wurde von meiner Gastfamilie zwei Wochen lang verwöhnt.“

Die Staffel über 4x400 Meter gewann Silber bei Olympia in Rom. Das Bild zeigt (von links): Manfred Kinder, Hans-Joachim Reske, Johannes Kaiser und Carl Kaufmann.
Die Staffel über 4x400 Meter gewann Silber bei Olympia in Rom. Das Bild zeigt (von links): Manfred Kinder, Hans-Joachim Reske, Johannes Kaiser und Carl Kaufmann.

Die Gastgeber bereiteten dem Sportler tolles Essen zu, zeigten ihm die schönsten Ecken der Millionenstadt und nahmen ihn mit zu Familienfesten. Und als Manfred Kinder nach dem Endlauf über 4x400 Meter mit Bronze heimkehrte, da jubelte die ganze Familie. „Sie waren mächtig stolz auf mich.“

In Spols zu dritt im Bett

Natürlich freuten sich damals auch die Menschen in Spols – besonders die Landwirtsfamilie Hoppmann. Dort war Kinders Mutter mit Tochter Elfriede und ihrem Sohn Manfred 1944 nach der Flucht aus Königsberg untergekommen. Kinder hat die beschwerlichen Zeiten nicht vergessen. „Wir hatten ein Zimmer und ein Bett. Da haben wir am Anfang zu dritt drin geschlafen.“

Eines der wenigen Bilder, das aus der Zeit in Spols noch existiert. Das Foto zeigt Manfred Kinder (rechts) mit Schwester Elfriede und der Mutter.
Eines der wenigen Bilder, das aus der Zeit in Spols noch existiert. Das Foto zeigt Manfred Kinder (rechts) mit Schwester Elfriede und der Mutter.

Mit der Schulzeit wurde automatisch sein Bewegungstalent gefördert. „Die fünf Kilometer bis zur Volksschule in Poghausen mussten wir zur Fuß gehen.“ Kinder erinnert sich noch an die vier Jahrgänge, die in einem Raum unterrichtet wurden. „Die Älteren saßen hinten, die Jungen vorne.“ In vorderster Reihe saß es sich nicht ungefährlich. Denn zunächst hatte die Klasse einen Lehrer, der mit einem Stock auch mal Schläge austeilte.

Lehrstelle in Lüdenscheid

Die Strecke zur Schule reichte dem kleinen Manfred nicht an sportlicher Betätigung. „Ich bin oft im Wald laufen gegangen“, erzählt er. Und wenn seine Mutter mit dem Rad losfuhr, um auf der Weide die Kühe von Bauer Hoppmann zu melken, war der Knirps nie fern. „Da bin ich nebenher gelaufen.“ Im Sportverein konnte er seinen Spaß am Laufen noch nicht ausleben. „So etwas gab es in Spols ja nicht.“

So begann die sportliche Karriere von Manfred Kinder erst nach der Schulzeit. Die Mutter hatte es irgendwie geschafft, ihrem 15-jährigen Sohn eine Lehrstelle als Autoschlosser in Lüdenscheid zu besorgen. Dort schlief Manfred Kinder in einem Lehrlingsheim, hantierte über Tag an Fahrzeugen herum und trainierte am Abend beim TV Friesen Lüdenscheid sein Lauftalent. Der Ostfriese beim TV Friesen gewann bald die ersten Jugendtitel über 400 Meter und wechselte dann zum OSV Hörde nach Dortmund. „Mit Bus und Bahn bin ich zunächst zum Training gefahren“, erzählt der Olympionike. „Aber schon bald hatte ich einen Roller.“

Gold knapp verpasst

Nach Ende der Lehre begann Kinder 1957 in Münster eine Ausbildung bei der Polizei. Als Leistungssportler galt er damals schon als kleiner Werbeträger und genoss Freiheiten, um trainieren zu können. Später trat er seinen Dienst in Wuppertal an und gewann zahlreiche Titel für den Wuppertaler SV.

Bei seinen ersten Olympischen Spielen in Rom erreichte Staffel-Schlussläufer Carl Kaufmann in 3:02,7 Minuten nur knapp hinter den USA (3:02,2) das Ziel. Im Einzelrennen über 400 Meter belegte Manfred Kinder Platz fünf und Kaufmann nur haarscharf hinter einem US-Läufer Rang zwei.

Deutscher Meister über 800 Meter

Kumpel Kaufmann landete auch bei Deutschen Meisterschaften meistens knapp vor dem Ostfriesen. „Irgendwann war ich es leid“, erzählt Kinder. „Da bin ich dann auf die 800 Meter gewechselt.“ So wurde er zweifacher Deutscher Meister über eine Strecke, die er nur so nebenbei lief.

1965 bekam Manfred Kinder bei der DM in Duisburg von Erika Frisch (rechts) den Rudolf-Harbig-Preis – der bedeutendste Preis der deutschen Leichtathletik – überreicht.
1965 bekam Manfred Kinder bei der DM in Duisburg von Erika Frisch (rechts) den Rudolf-Harbig-Preis – der bedeutendste Preis der deutschen Leichtathletik – überreicht.

Bei Olympia sprintete Manfred Kinder aber immer über die Stadionrunde. 1964 in Tokio kehrten Kinder und Co. ohne Staffel-Medaille, aber mit imposanten Eindrücken heim. „Allein der Hinflug mit einer Propellermaschine dauerte mit Stopps zwei Tage.“ Und auf der Rücktour nahmen die Leichtathleten sogar noch an einem Sportfest in Indonesien teil.

Schwester lebt in Petersfehn

Der Mann, der in Spols aufgewachsen war, schaffte es vier Jahre später ein drittes Mal zu Olympia und gewann in Mexiko seine zweite Medaille. Nach seiner aktiven Laufbahn arbeitete der Polizeibeamte zwölf Jahre als Bundestrainer. Er wurde mit dem Rudolf-Harbig-Preis für herausragende sportliche Leistungen ausgezeichnet und erhielt sogar das Bundesverdienstkreuz. Auch in privater Hinsicht brachte ihm die Laufbahn Glück. „Auf dem Sportplatz in Lüdenscheid habe ich Maria kennen gelernt.“

Das Paar bekam zwei Töchter, lebt heute in Wülfrath bei Wuppertal und macht häufig Urlaub in Bad Zwischenahn. Dann besucht Kinder nicht nur Schwester Elfriede in Petersfehn (Ammerland). Er schaut auch in Spols vorbei. Dort wissen nur noch die ältesten Einwohner, das einer der ihren ein großer Olympiaheld Ostfrieslands ist.

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