Ansturm nach Corona Kinderboom in Ostfrieslands Vereinen – Mittelalter hört auf
Die neuesten Zahlen der Kreissportbünde bergen etliche Überraschungen. Der Leeraner KSB-Chef übt Kritik an der Stadt Leer.
Ostfriesland - Die Familie der Auricher Kreissportbundvorsitzenden ist das beste Beispiel. Als Anne Thonicke vor wenigen Monaten einen Sohn zur Welt brachte, meldete ihr Partner den kleinen Erdenbürger umgehend als Mitglied beim TuS Hinte an. Damit ist der Filius der KSB-Vorsitzenden ganz unwissentlich einem Trend gefolgt, der in Hinte, im Kreis Aurich und in ganz Ostfriesland spürbar ist. „Die Kinder rennen den Vereinen die Bude ein“, sagt Anne Thonicke.
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Der Boom bei den Minis ist so gewaltig, dass die Vereine in Ostfriesland erstmals nach vielen Jahren keine Verluste meldeten, sondern sich über Zuwächse freuten. Insgesamt gab es Anfang dieses Jahres 156.779 Sportler in der Region. Das ist ein Plus gegenüber dem Vorjahr um 1535 Mitglieder. Für diese Tendenz sorgten die Minis im Alter von 0 bis 14 Jahren quasi im Alleingang. Während hier 2332 Sportler mehr in Hallen und auf Sportplätze strömten, verzeichnete die Sportbünde in anderen Altersklassen sogar Rückgänge.
Corona stört nicht mehr
Anne Thonicke und ihre KSB-Kollegen zeigen sich überwältigt vom Ansturm der Mädchen und Jungen. „Viele Kinder konnten in den Corona-Jahren nicht starten“, weiß Thonicke, die diesen Effekt als KSB-Chefin ebenso spürt wie vor Ort als Vorsitzende des TuS Hinte. „Nun drängen die Kinder in die Vereine, als hätten sie nur auf diese Möglichkeit gewartet.“
Diese Entwicklung registriert sie in allen Bereichen. „Das ist bei den Wuselgruppen im Kinderturnen genauso wie beim Mini-Handball oder bei den Bambini-Fußballern.“ Die neue Sport-Begeisterung der Jüngsten stellt die Vereine sogar vor Probleme. „Uns fehlen mittlerweile Übungsleiter“, sagt Thonicke. Für den TuS Hinte sucht sie gerade händeringend Betreuer für die Babyturngruppe.
Boom geht immer weiter
Ein Abflauen des Kinder-Ansturms ist nicht in Sicht, auch wenn Corona schon 2022 kaum einen Sportler mehr stoppte. „Es sieht so aus, als wenn der Boom so weitergeht“, sagt sie. „Im ersten Quartal haben wir in Hinte schon wieder 48 neue Anmeldungen.“
In anderen Kreisen ergibt sich dasselbe Bild. Der KSB Leer freut sich über einen Zuwachs von 548 Sportlern. Auch hier ist der Kinder-Ansturm frappierend (plus 739) und lässt den leichten Rückgang in anderen Altersklassen vergessen.
Größtes Plus in Emden
Den größten Kinderandrang hat prozentual gesehen der Stadtsportbund Emden. Dort beträgt das Plus bei den Jüngsten (0 - 14) gleich 439 Mitglieder. Das ist ein Zuwachs von fast 15 Prozent. Und beim KSB Wittmund freut man sich über 201 zusätzliche Kinder in Vereinen gegenüber dem Vorjahr. Der Leeraner KSB-Chef Jörg Kromminga verweist aber darauf, dass die Zugänge keine Selbstläufer sind. „Nur wer gute Arbeit macht und über engagierte Übungsleiter verfügt, der gewinnt auch Mitglieder.“
Er zählt einige Beispiele auf. So wuchs die DLRG Weener gleich um 212 Sportler. Fortuna Veenhusen (+77), Concordia Ihrhove (+72) Fortuna Logabirum (+64) oder Stern Schwerinsdorf (+60) seien weitere Musterbeispiele für wachsende Vereine in schwierigen Zeiten.
Tadel für Stadt Leer
Gerade in der Stadt Leer haben die meisten Klubs aber mit Verlusten zu kämpfen. Das lastet Kromminga weniger den Vereinsvorständen an. „Die Verwaltungsspitze und die Politik in Leer hat kein Interesse am Sport“, sagt der KSB-Chef klipp und klar. „Die Turnhallen sehen aus wie vor 50 Jahren.“ Solche Bedingungen locken nun mal keine Sportler an. „Die Infrastruktur der Sportstätten muss dringend verbessert werden.“
Anne Thonicke ist froh, dass sie in Hinte nicht alleine durch den neuen Kunstrasen gute Bedingungen anbieten kann. Trotzdem erreicht der TuS mit seinen Angeboten nicht mehr alle Altersklassen. In der ganzen Region gibt es Verluste in der Klasse der 41- bis 60-Jährigen. Diese „Mittelalter“ verlor ostfrieslandweit fast 900 Mitglieder. „Diese Altersgruppe haben wir in der Coronazeit verloren“, sagt Anne Thonicke. Und es sei schwer, sie zurückzugewinnen.
„Mittelalter“ ist umgestiegen
Laut Thonicke hat diese Alterskategorie in den vergangenen Jahren verstärkt auf Onlinesport via Zoom oder Youtube gesetzt oder sind auf Individualsport (Rennradfahren, Joggen) umgestiegen. „Die haben sich damit arrangiert.“
Und so wundert sich die Auricher KSB-Chefin nicht, dass die 40- bis 60-Jährigen auch den Volksläufen fernbleiben. Der Teilnehmerschwund beim Ossiloop sei nicht untypisch. „Einige Volksläufe in Ostfriesland werden gar nicht mehr angeboten.“
Trotz dieser Sorgen überwiegt bei den Funktionären die Freude am Boom bei den Minis. „Ein Aufbruch ist zu erkennen“, betont Jörg Kromminga. „Die Stimmung ist überall positiv.“
