Nach schwerem Unfall Der Fußballtrainer, der im Rollstuhl sitzt
Von Kindesbeinen an spielte Karsten de Voß Fußball. Das – und Laufen – war als Jugendlicher plötzlich nicht mehr möglich. Auf bemerkenswerte Weise geht der Pewsumer seiner Leidenschaft weiter nach.
Pewsum - Als sich der TuS Pewsum in der Ober- und Landesliga jahrelang einen Namen machte, war auch ein Mann im Rollstuhl ganz nahe dabei. Ob in Lingen, Osnabrück oder Hannover: Karsten de Voß gehörte als Betreuer und gute TuS-Seele am Spielfeldrand zum festen Erscheinungsbild der Krummhörner. Nach seinem Abschied 2015 ist er nach kurzer Pause längst auf den Fußballplatz zurückgekehrt. Zwar nicht mehr in den oberen Ligen, dafür aber nun an allervorderster Front – als der Fußballtrainer, der im Rollstuhl sitzt.
„Mir macht das sehr großen Spaß“, sagt Karsten de Voß, der im April 40 Jahre alt wird. Mehr als sein halbes Leben sitzt der Trainer des TuS Pewsum II (B-Klasse) nun schon im Rollstuhl. Der 15. August 2000 war der Tag, der sein Leben von jetzt auf gleich komplett veränderte. Nach einem Verkehrsunfall mit dem Mofa war er querschnittsgelähmt, die Ärzte machten ihm keine Hoffnungen, dass er jemals wieder laufen könnte. „Ich hatte mich damals relativ schnell mit der Situation abgefunden. In der monatelangen Reha in der Spezial-Klinik in Hamburg, in der man auf das Leben im Rollstuhl vorbereitet wurde, wurde man diesbezüglich zum Glück auch nicht in Watte gepackt.“
Team holt mehrere Meisterschaften
17 Jahre alt war Jugendfußballer und Jung-Schiedsrichter Karsten de Voß, als all das passierte. Mit der 1. Herren fand er schnell ein neues Hobby, das zu seiner Leidenschaft passte. Als es 2015 Zeit war, die Betreuer-Zelte mal abzubrechen, schlummerte schon der Trainer-Gedanke in seinem Kopf. Für den Tag x. Der kam dann zwei Jahre später, als seine große Clique mit vielen gestandenen Spielern entschloss, eine eigene Mannschaft zu gründen. „Auch wenn ich den vielen erfahrenen Spielern jetzt nicht mehr so viel Neues beibringen werde, macht es mir großen Spaß.“ Wenn die Jungs zum Aufwärmen im Training 5:2 spielen, baut er die nächsten Übungen und Hütchen auf. „Das dauert als Rollstuhlfahrer natürlich etwas länger.“ Ist Co-Trainer Stefan Folkerts dabei, geht es dann schneller. Auch der verletzte Spieler David Davids unterstützt ihn inzwischen als Co-Trainer.
Die Mannschaft gab sich den Namen U32 – ein spaßiger Gruß an die vielen U23-Teams. „Aber bei uns ist inzwischen kaum einer mehr jünger als 32 Jahre, der älteste Spieler mit Ingo Ukena sogar 44 Jahre alt“, sagt de Voß und lacht. Nach einer Meisterschaft in der C-Klasse 2018 und dem Aufstieg in die B-Klasse folgte auch dort 2020 in der ersten „Corona-Saison“ der Titel. „Wir haben aber auf den Aufstieg verzichtet und sind in der B-Klasse zufrieden“, so Karsten de Voß.
Fußball-Cheff Neumann zieht den Hut
Im vergangenen Jahr wagte er sich sogar an die C-Lizenz heran, fuhr mit drei Mitstreitern des TuS Pewsum für zwei dreitägige und einen fünftägigen Trainer-Lehrgang zum Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV) nach Barsinghausen. Auf Nachfrage unserer Zeitung konnte man sich nicht an einen anderen Rollstuhlfahrer erinnern, der zuvor schon die C-Lizenz in der NFV-Zentrale gemacht hatte. Da man die Trainer-Lehrgänge auch in den Kreisen absolvieren kann, hat der Verband keine Landes-Statistik. „Er ist mit Sicherheit einer von ganz, ganz, ganz wenigen in Niedersachsen“, so ein Verbandsmitarbeiter. Ostfrieslands Fußballchef Winfried Neumann nötigt das alles großen Respekt für Karsten de Voß ab. „Aller höchste Hochachtung, da kann man nur den Hut vor ziehen.“
Ende November schloss er die Prüfung erfolgreich ab. „Der Lehrgang war super, hat mir total viel Spaß gemacht und meine Lust nochmal vergrößert.“ Er meisterte in der hügeligen Landschaft in Barsinghausen so manches natürliche Hindernis, auch mit Hilfe seiner Pewsumer Kumpels – die Lizenzkosten samt Unterkunft hatte der TuS für alle komplett übernommen. Und die praktische Prüfung mit einer D-Jugend aus der Region meisterte er auch bravourös.
Eine üble Erfahrung beim Spiel
Vielleicht will er auch irgendwann sogar die B-Lizenz in Angriff nehmen. Das Trainer-Dasein erfüllt ihn und macht Lust auf mehr. Wenn die U32 vielleicht mal in ein Altherren-Team übergeht, geht es für ihn auch mal an anderer Stelle weiter. „Ab der C-Jugend aufwärts ist vieles vorstellbar“, so der Mitarbeiter der Stadtwerke Emden, der seit 2010 in seinem Eigenheim (Bungalow) in einer „Fußballer-Siedlung“ in Pewsum wohnt. Dort leben einige seiner Spieler und manch ehemaliger Weggefährte. Der langjährige Erste-Herren-Kapitän Markus Dielenschneider ist sein direkter Nachbar.
Seit bald sechs Jahren tritt der 39-Jährige am Spielfeldrand nun als Trainer auf. Dabei kam es nur einmal zu einer ganz üblen Situation. Bei einem etwas hitzigen Auswärtsspiel bedrohte ihn nach einem Platzverweis pro Team ein gegnerischer Spieler: „Er sagte zu mir: ,Ich trete dich gleich aus dem Rollstuhl‘.“ Die Pewsumer wollten aus Protest schon das Feld verlassen, spielten dann aber doch weiter.
Ansonsten muss sich der Fußballtrainer mit Leidenschaft und Lizenz nur mit den Tücken mancher Sportanlagen auseinandersetzen. In Hage und Halbemond befanden sich die Kabinen zum Beispiel im Obergeschoss. Dann tragen die Spieler ihren Trainer Karsten de Voß eben schon vor der Partie auf Händen. „Einer trägt meinen Rollstuhl, der andere nimmt mich die Treppenstufen auf den Arm – das geht ganz schnell.“