Müllsünder aufrütteln  Am besten wäre es, wenn es keine Müllsammel-Aktionen mehr bräuchte

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 19.03.2023 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In Eilsum half Mia (links) ihrer Mutter Sonja Hinderks konzentriert beim Müllsammeln. Foto: Wagenaar
In Eilsum half Mia (links) ihrer Mutter Sonja Hinderks konzentriert beim Müllsammeln. Foto: Wagenaar
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An diesem Samstag ist die Aktionswoche „#emdenmacht“ gestartet. Im Stadtwald und auf den Stadtgräben waren Freiwillige verärgert darüber, was die Leute alles achtlos in die Natur werfen.

Emden/Krummhörn/Hinte - Für die freiwilligen Müllsammlerinnen und -sammler ist es unverständlich: Wer wirft seinen Abfall einfach achtlos in die Natur? Und es ist nicht irgendein Müll. Im Emder Stadtwald war am Samstag eine der ersten Aktionen der „#emdenmacht“-Woche, die von der Stadtverwaltung angestoßen wurde. Der Verein Stadtwald Emden hatte dabei zu der Säuberungsmaßnahme aufgerufen. Und die mehr als zehn Freiwilligen, die dem folgten, holten säckeweise nicht nur „Party-Müll“ aus der Forstanlage.

Ein großes Stück Styropor-Verpackung lag in einem Graben. Foto: Hanssen
Ein großes Stück Styropor-Verpackung lag in einem Graben. Foto: Hanssen

Unter anderem wurden Pfannen, Styropor in allen Größen, PVC-Platten, Teile einer Badewanne und Teppiche aus dem Grün geschleppt. In einem Entwässerungsgraben trieben rund zehn fest zugeknotete Gefrierbeutel, die mit Katzenstreu und -kot gefüllt waren. Ein gefüllter Gelber Sack hatte sich in einem anderen Wasserlauf schon langsam aufgelöst. Der Inhalt war nur noch schwer mit dem Greifer zu schnappen. Aber natürlich: Auch der „Party-Müll“ war da. Außer McDonalds-Verpackungen fanden sich zahlreiche Schnaps- und Bierflaschen. Eine Sektflasche vermutlich noch von Silvester. Auch Böller-Reste wurden gefunden. Ein Müllsünder hatte sich offenbar gesund ernährt: In einem Graben neben dem Spazierpfad fanden sich unter anderem die Plastikverpackung für einen Salat und eine Glas-Flasche von einem Smoothie.

Obwohl bei der Müllsammel-Aktion beim Stadtwald nicht so viele Freiwillige wie erhofft zusammen kamen, wurde säckeweise Abfall aus der Natur geräumt. Christina Dane (Vierte von rechts) und Schengül Obes (Vierte von links) von Verein Stadtwald Emden hatten das Projekt angemeldet. Foto: Hanssen
Obwohl bei der Müllsammel-Aktion beim Stadtwald nicht so viele Freiwillige wie erhofft zusammen kamen, wurde säckeweise Abfall aus der Natur geräumt. Christina Dane (Vierte von rechts) und Schengül Obes (Vierte von links) von Verein Stadtwald Emden hatten das Projekt angemeldet. Foto: Hanssen

40 Freiwillige sammelten zu Land und Wasser

„Das müssten wir eigentlich jede Woche machen“, sagte Christina Dane vom Wald-Verein, als sie den Müllhaufen nach nur etwa eineinhalb Stunden Sammeln sah. „Bei jedem Spaziergang könnte eigentlich jeder eine Tüte und einen Greifer mitnehmen“, so Leonie Tempel. Das meinten auch Spaziergänger, die den Sammlern im Wald begegneten.

So sieht ein Milchshake-Becher nach einer langen Zeit im Wasser aus. Foto: Hanssen
So sieht ein Milchshake-Becher nach einer langen Zeit im Wasser aus. Foto: Hanssen

Beobachtungen am Sonntag bei dem dritten Gewässer-Clean-Up der Bürgerinitiative „Ja zu Janssens Tuun“ machten da ein wenig Hoffnung. Nicht nur packten etwa 40 Freiwillige, die sich angemeldet hatten, an, um die Stadtgräben, den Delft und den Wall von Müll zu befreien, auch spontan kamen Aktive aller Altersgruppen dazu. Ein großer Container war am frühen Nachmittag mehr als voll. Neben Alltagsmüll wurden unter anderem auch ein Bürostuhl, zwei Fahrräder, das Blatt einer Kreissäge, Kleidungsstücke, ein Tannenbaum mit Weihnachtskugeln und ein Gartenstuhl aus dem Wasser gefischt.

Der Müllcontainer war schon am Mittag fast voll. Foto: Hanssen
Der Müllcontainer war schon am Mittag fast voll. Foto: Hanssen

Drogen, Partymüll und Pfand

„Ein Portemonnaie mit Ausweispapieren haben wir ebenfalls aus dem Wasser geholt. Ein weiterer Ausweis und ein Päckchen mit Ecstasy haben wir auch gefunden. Diese Dinge habe ich dann im Anschluss bei der Emder Polizei abgegeben“, teilt Ingo Weber von der Initiative im Nachgang mit.

Alfred Kieselbach (links) und Ingo Weber sind die Initiatoren der Gewässer-Clean-Ups. Auf dem Boot sammelte sich schnell Müll - unter anderem ein Fahrrad, ein Weihnachtsbaum, eine Angel und ein Bürostuhl. Foto: Hanssen
Alfred Kieselbach (links) und Ingo Weber sind die Initiatoren der Gewässer-Clean-Ups. Auf dem Boot sammelte sich schnell Müll - unter anderem ein Fahrrad, ein Weihnachtsbaum, eine Angel und ein Bürostuhl. Foto: Hanssen

Der „grausigste Ort“ zum Sammeln sei hinter der Martin-Luther-Kirche gewesen. „Dort haben wir acht volle Müllsäcke eingesammelt und doch nicht alles erwischt. Kleinteile, Scherben, etc konnten dort nicht restlos eingesammelt werden.“ Hinter der Kirche am Wasser ist ein beliebter Treffpunkt insbesondere für Jugendliche. Mit dem Pfand der vielen gesammelten Flaschen und Dosen insgesamt will die Initiative Bollerwagen für die nächsten Aktionen kaufen.

Stadt will mehr Verantwortungsbewusstsein bei Einzelnen schaffen

Mit viel Engagement sammeln die Freiwilligen den Abfall anderer aus der Natur, das zeigen allein die zwei ersten Aktionen. Was den Teilnehmern einerseits das Gefühl gibt, etwas Gutes geschafft zu haben, ist andrerseits frustrierend. Schnell ist der nächste Müll da, der vielleicht von ein paar Wenigen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Stadt achtlos beiseite geworfen wird. Am Ende geht es daher insbesondere darum, die Müllsünder - also die Ursache des Ganzen - zu packen zu kriegen. Damit der Unrat gar nicht erst in die Natur entsorgt wird und Sammelaktionen wie in dieser Woche überflüssig werden. Der Umweltgedanke soll früh gelehrt werden.

Die Emderin Mona Reekers sammelte zu Wasser von einem Kajak aus, während andere an Land Müll suchten. Foto: Hanssen
Die Emderin Mona Reekers sammelte zu Wasser von einem Kajak aus, während andere an Land Müll suchten. Foto: Hanssen

Da setzte die Aktion „Saubere Stadt“ an, bei der vor der Pandemie meist vor Ostern Schulen, Kitas, Vereine und Firmen an einigen Tagen Abfall gesammelt haben. „Emdenmacht“ ist der Nachfolger dessen. Die Stadt Emden will damit verstärkt Müllsündern den Kampf ansagen. Dabei setzt sie darauf, das gemeinschaftliche Verantwortungsbewusstsein zu stärken, sagte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) bei der Vorstellung der Aktionswoche, die bis zum 25. März geht. Schon länger sei ihm „ein Dorn im Auge“, dass das „nicht-soziale Verhalten Einzelner“, die beispielsweise ihren Müll in der Umwelt entsorgten, durch das ehrenamtliche Engagement von einigen Gruppen und Einzelpersonen kompensiert werde. Noch die ganze Woche gibt es Aktionen, für die man sich hier anmelden kann.

Schon nach nur etwa zwei Stunden Müllsammeln war der Container fast voll. Foto: Hanssen
Schon nach nur etwa zwei Stunden Müllsammeln war der Container fast voll. Foto: Hanssen

In den Gemeinden Krummhörn und Hinte wurde auch gesammelt

In der Gemeinde Krummhörn gab es am Samstag ebenfalls Säuberungsaktionen. Unter anderem in Eilsum, Grimersum, Freepsum und Greetsiel kamen Freiwillige zusammen, um ihr Dorf zu säubern. Viele gehörten der (Jugend)Feuerwehr an. In Freepsum packten laut Ortsvorsteher Johannes Voß 46 Leute mit an. In etwa 2,5 Stunden wurden etwa an acht Kilometern die Gräben und Straßenrandstreifen gereinigt. Erstmalig wurde auch Teile des Freepsumer Meeres abgesucht, so Voß. Hierbei wurden in diesem Jahr etwa 500 Kilogramm Müll gesammelt. Eine Gruppe Kinder reinigte den Spielplatz.

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Müllsammeln in der Krummhörn
18.03.2023

In der Gemeinde Hinte war schon am vergangenen Samstag der Aktionstag „Unsere saubere Gemeinde“. In Suurhusen war die Freiwillige Feuerwehr federführend, wie Ortsbrandmeister Heyko Meints mitteilt. Unterstützung gab es von der Jugendfeuerwehr, dem Sportverein, SPD Ortsverein, MC-Torn Rötten Suurhusen, einigen Bürgerinnen und Bürgern und Bürgermeister Uwe Redenius (parteilos). „Alle ‚Ecken’ in Suurhusen konnten wir leider nicht von Müll befreien, dafür ist ein Tag zu kurz oder die Beteiligung zu gering. In diesem Fall sind die Anwohner gefragt, diese ‚Ecken’ selbst zu reinigen“, so Meints.

In der Gemeinde Hinte hatten sich Freiwillige schon vergangenen Samstag zum Müllsammeln getroffen. Foto: privat
In der Gemeinde Hinte hatten sich Freiwillige schon vergangenen Samstag zum Müllsammeln getroffen. Foto: privat

Man müsse sich wundern, was man so alles in den Gräben und am Straßenrand finde: alte Lampenschirme, Altglas sowie komplett abgepackte Müllsäcke. „Alles Sachen, die man eigentlich über unser normales Müllsystem entsorgen kann. Man fragt sich: Warum werfen die „Leute“ es in den Graben oder auf den Grünstreifen. Ist es Faulheit oder Dummheit?“, schreibt Heyko Meints. „Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr noch etwas mehr Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten, noch besser wäre es, diese Aktionen müssten nicht mehr durchgeführt werden, weil alle ihren Müll vorschriftsmäßig entsorgen.“

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