Weihnachtsfreude in Rechtsupweg Kleine Milla fand ihren Lebensretter zum 1. Advent
Die Fünfjährige leidet unter einer seltenen Blutkrankheit. Die Hoffnung auf Rettung schwand immer mehr. Nun fand sich doch noch ein Stammzellspender. Milla hat nun einen zweiten Geburtstag.
Rechtsupweg - Mögen die Menüs am Heiligen Abend mancherorts noch so exzellent gelingen und die Geschenke unterm Baum noch so üppig ausfallen – das wahre Weihnachtsglück ist in diesem Jahr in Rechtsupweg zu Hause. Fast ein Jahr bangten die Eltern um das Leben ihrer kleinen Milla. Sie waren verzweifelt, konnten kaum noch schlafen und schwebten monatelang zwischen Hoffen und Bangen. Seit September stand es gar nicht mehr gut um die Fünfjährige, die unter der seltenen Blutkrankheit „aplastische Anämie“ leidet. Als Millas Zustand sich immer weiter verschlechterte und die Hoffnung bei Vater Stefan Withof und Mutter Jessica Harms am Tiefpunkt angelangt war, begann urplötzlich das Weihnachtsmärchen. „Wir bekamen aus Freiburg das Zeichen, dass doch noch ein passender Stammzellspender für unser Kind gefunden worden ist“, erzählt Withof.
Ein Knochenmarkspender irgendwo aus Deutschland, Europa oder noch weiterer Ferne machte es möglich, dass die ostfriesische Familie wieder lächeln konnte. Für Milla, die so gerne in der G-Jugend des SV Engerhafe Fußball spielt, und ihre Krankheit so tapfer erträgt, war ein möglicher Lebensretter gefunden. „Wir wissen nichts über diese Person“, sagt der Vater. Alter, Wohnort, Lebensverhältnisse – alles bleibt für mindestens zwei Jahre geheim.
Fußballtag für Milla ist unvergessen
Doch das ist im Moment auch zweitrangig. Milla, deren Knochenmark keine Blutzellen mehr produziert, muss erstmal wieder gesund werden. Auch wenn das Leben für Vater, Mutter und den zehnjährigen Bruder Jason noch immer Kopf steht, denkt die Familie nicht nur ans eigene Wohlbefinden. „Wir möchten allen Menschen von Herzen danken, die uns in der schweren Zeit so sehr unterstützt haben“, sagt Stefan Withof.
Unvergessen ist vor allem der Fußballtag in Engerhafe, den Mitspielerinnen der Damenmannschaft von Jessica Harms Ende Juni organisierten. Es wurde gekickt, gelost, gespeist und gespendet. 1000 Gäste und Fußballer auf dem Sportplatz, zahlreiche Verkaufsstände, 1000 Tombolapreise aus der Geschäftswelt und eine Typisierungsaktion waren Ausdruck der ungemeinen Solidarität in den Dörfern rund um Rechtsupweg und Engerhafe.
Mutter lebte mit im Krankenhaus
Der Erlös in Höhe von 20.000 Euro konnte vor lauter Sorgen um Milla bis heute nicht übergeben werden. Die berufstätige Mutter verbrachte Monate mit der Tochter in Oldenburg und später in Hannover im Krankenhaus. Um Sohn Jason kümmerte sich der Vater. Auch er musste nicht den Arbeitsplatz aufsuchen – es fand sich eine Lösung. Alle unterstützten die Familie – auch nach der Solidaraktion auf dem Fußballplatz.
„Wir erhielten Post und Pakete von wildfremden Menschen“, erzählt Jessica Harms. „Alle wünschten uns nur das Beste. Das tat gut.“ Manchmal befand sich noch ein Geschenk für die Fünfjährige im Paket oder eine kleine Spende im Umschlag. „Wir wissen gar nicht, wie wir das jemals wieder gutmachen sollen“, sagt der Vater. Die lieben Worte, die kleinen Präsente, das Gefühl, mit dem Schicksal nicht allein zu sein, halfen der jungen Familie durch die schwere Zeit. Nun rückt die Hoffnung auf jene Normalität näher, die im Frühjahr 2022 ausgelöscht wurde.
Es begann mit blauen Flecken
Es begann mit blauen Flecken an Millas Schienbein und anderen Körperstellen. „Am Anfang haben wir noch gescherzt, wer denn unsere Tochter geschlagen haben könnte“, erzählt Withof. Doch weil die Hämatome nicht verschwanden, wurde aus Spaß schnell Ernst und irgendwann gar Lebensgefahr. Ein Arzt schickte Milla ins Auricher Krankenhaus. Dann ging es nach Oldenburg und später in die Spezialklinik nach Hannover. Die Diagnose stand früh fest und auch die lebenswichtige Notwendigkeit, einen genetischen Zwilling mit passenden Stammzellen zu finden.
Die aplastische Anämie ist anders als Leukämie keine Krebsform, wie Withof erklärt. „Es handelt sich um ein Versagen des Knochenmarks. Es bildet keine Blutzellen mehr.“ Die Folgen sind nicht minder dramatisch als bei einer Leukämie. Neben einer Stammzelltransplantation gibt es auch die Möglichkeit, die Erkrankung mit Chemotherapie und anderen Medikamenten zu bekämpfen.
Wettlauf mit der Zeit
Doch das gelang bei Milla nicht. Im Herbst schlug ein letzter Versuch fehl. Die Blutwerte wurden immer schlechter, die Ängste immer größer und Withofs Nächte immer kürzer. „Ich habe nur noch bis vier Uhr schlafen können.“ Dann nahm er Kontakt zu seiner Lebensgefährtin auf und erkundigte sich nach Millas Befinden. Auf eine positive Rückmeldung wartete er vergebens. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit, vielleicht doch noch den rettenden Spender zu finden.
Im Oktober traf dann tatsächlich die erlösende Spender-Nachricht aus Freiburg ein. Und am 25. November erfolgte die Transplantation in der Medizinischen Hochschule Hannover. Es war ein Freitag – zwei Tage vor dem 1. Advent. „Das ist nun Millas 2. Geburtstag“, sagt die Mutter. „Wir sind einfach glücklich.“
Blutwerte werden besser
Doch noch ist nicht alles überstanden. Abwehrreaktionen des Körpers sind weiterhin denkbar. Aber das Mädchen befindet sich auf einem guten Weg, wie der Vater betont. „Die Blutwerte werden stetig besser.“
Die Verzweiflung ist gewichen, Hoffnung aufgekeimt. Für Stefan Withof ist solch eine dramatische Situation nicht neu. Vor 23 Jahren bekam sein Vater ein Spenderherz und lebt heute noch damit. Organspendeausweis, Typisierung und Blutspenden – das alles ist für seine Familie eine Selbstverständlichkeit. Nun wünschen sich Mama, Papa und Bruder die vollständige Genesung von Milla.
Rückkehr zu Weihnachten
Die Vorbereitung auf eine Rückkehr wurden schon vor Wochen getroffen. Weil Millas Immunsystem auf Null zurückgefahren werden musste, könnte jede Blume im Haus und auch ein natürlicher Weihnachtsbaum wegen möglicher Pilze und Bakterien lebensbedrohlich werden. „Wir haben alle Pflanzen entsorgt und hatten schon vorher einen künstlichen Weihnachtsbaum“, sagt Stefan Withof.
Vier Tage vor Heilig Abend durften Milla und Mutter tatsächlich das Krankenhaus verlassen. „Fröhlichen Weihnachten steht nun nichts mehr im Wege“, sagt der Vater. Das Weihnachtsglück ist wirklich in Rechtsupweg zu Hause.