Bei WM ist Ehemann ein Gegner  Der Liebe wegen von Costa Rica nach Norderney

| | 30.11.2022 09:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Roxana Flores-Fischer und ihre Tochter Selena sind nicht nur beim Fußball ein Herz und eine Seele. Foto: Mücke
Roxana Flores-Fischer und ihre Tochter Selena sind nicht nur beim Fußball ein Herz und eine Seele. Foto: Mücke
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Roxana Flores-Fischer lebt seit 23 Jahren auf der Insel. Dort kutschiert sie einen Doppeldeckerbus des Familienunternehmens und hatte am Sonntag am Steuer einen besonderen Glücksmoment.

Norderney - Es war Liebe auf den ersten Blick. Der Norderneyer Rüdiger Fischer machte im Oktober 1998 Urlaub in Costa Rica und traf in der Hauptstadt San José auf die einheimische Roxana Flores. „Wir haben uns gesehen und verliebt“, erzählt die 46-Jährige. „Im Januar war ich schon für einen Monat auf Norderney.“ Sie erlag dem Charme des Busunternehmers und den ersten Schneeflocken, die sie in ihrem Leben zu Boden rieseln sah. „Am 30. April bin ich endgültig nach Norderney gezogen.“ Roxana Flores-Fischer ist längst zur ostfriesischen Insulanerin geworden, doch im Herzen auch eine Costa Ricanerin geblieben. Und so wird sie im WM-Duell zwischen Deutschland und Costa Rica eine „Gegnerin“ ihres Mannes sein.

„Natürlich sind wir uns nicht einig – wie immer“, scherzt die temperamentvolle Ehefrau. Sie wird sich vor dem Fernseher im rot-blauen Nationaltrikot aber nicht einsam fühlen. Gemeinsam mit ihrem Neffen, der gerade aus Mittelamerika zu Besuch ist, wird sie Costa Rica die Daumen drücken. Rüdiger Fischer und Sohnemann Ronaldo (18) tragen hingegen Schwarz, Rot, Gold im Fußballherzen. Ronaldos Schwester Selena (22) hätte für eine zahlenmäßige Übermacht des Außenseiters im Wohnzimmer sorgen können. Sie schwärmt fürs Heimatland der Mutter, studiert und lebt aber mittlerweile in Wien.

Drei Jahre Heimweh

Roxana Flores-Fischer kennt den Spagat zwischen alter und neuer Heimat seit 23 Jahren. Sie meistert ihn perfekt. „Aber in den ersten drei Jahren hatte ich Heimweh“, räumt sie ein. Es fehlten ihr in der Anfangszeit die deutschen Wörter, die deutschen Freunde - aber ganz besonders ihre große Familie. Roxana Flores-Fischer ließ ihre Mutter, acht Schwestern, zwei Brüder sowie unzählige Tanten, Onkel, Nichten und Neffen in der Ferne zurück. „Das ist nicht ganz leicht für mich. Ich lebe als einzige im Ausland.“

Das Bild zeigt Rüdiger Fischer (von links), Sohn Ronaldo, Neffe Brandon und Roxana Flores-Fischer. Foto: Privat
Das Bild zeigt Rüdiger Fischer (von links), Sohn Ronaldo, Neffe Brandon und Roxana Flores-Fischer. Foto: Privat

Jedes Jahr im Winter, wenn Norderney nur spärlich von Touristen besucht ist, fliegt sie deshalb für vier Wochen nach San José und stillt ihre Sehnsucht nach Heimat und Familie. Ansonsten genießt sie voll und ganz das Leben auf der Nordseeinsel, die neuen Freunde und ihren Beruf. „Vor zehn Jahren habe ich den Busführerschein gemacht“, erzählt sie. Seitdem kutschiert sie im Doppeldecker, der sich im Sommer als Cabrio fahren lässt, die Urlauber entlang der 14 Haltestellen auf der Insel und gibt mit einem Lachen auf den Lippen gerne Tipps an die Gäste weiter.

Sonntag war Party in Costa Rica

Am Sonntag versprühte Roxana Flores-Fischer ganz besonders gute Laune auf ihrer Linie 8. Denn als Costa Rica gegen Japan mit 1:0 gewann, saß sie gerade am Steuer ihres imposanten Gefährts. Ihr Neffe Brandon sollte anrufen, sobald ein Tor fiele. Gegen 12.40 Uhr stieß die Chefin im Bus dann irgendwo zwischen Zentrum und Nordstrand einen Jubelschrei aus. Keysher Fuller hatte das 1:0 für Costa Rica erzielt und seine Nation in Ekstase versetzt. Natürlich meldete sich Brandon prompt bei seiner Tante.

Damit begann ein Party-Sonntag bei Familie Fischer. „Mein Neffe ist völlig fußballbegeistert“, erzählt die Busunternehmerin. Und Siege werden in Costa Rica nun einmal ausgelassen gefeiert. „Die Menschen singen, tanzen und feiern den ganzen Tag auf der Straße. Wir sind alle Verrückte.“

Stolz auf ihr kleines Land

Sie glaubt aber nicht wirklich an eine weitere costa-ricanische Jubelparty nach dem Deutschlandspiel. „Wir sind nur ein kleines Land und einfach stolz, dass wir es bis zur WM geschafft haben.“ So stellt sich Roxana Flores-Fischer eher auf ein Fußballergebnis wie beim WM-Eröffnungsspiel 2006 ein. Da saß sie mit ihrem Mann in München im Stadion und erlebte einen deutschen 4:2-Sieg.

Sollte also die Mannschaft von Hansi Flick und nicht Costa Rica das Achtelfinale bei der WM erreichen, dann würde die Frau, die zwischen zwei Welten schwankt, fortan ihr anderes Fußballherz schlagen lassen.

„Dann trage ich mein deutsches Trikot und eine Deutschland-Mütze.“ So ließe sich dann auch die WM-Harmonie mit Ehemann Rüdiger wieder herstellen. Doch erstmal sind sie jetzt Gegner - die Frau aus Costa Rica und ihr ostfriesischer Ehemann.

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