Umfrage in der Fußballszene Vor der „Glühwein-WM“ – Lust und Frust bei Ostfriesen
Ein umstrittenes Gastgeber-Land, ein ungewöhnlicher Zeitpunkt und kaum Vorlauf: Kommt da unter Fußballern WM-Stimmung auf? Wir haben uns bei einem Quartett aus Ostfriesland umgehört.
Ostfriesland - Sieben Tage nach dem letzten Bundesliga-Spiel und kurz vor der Adventszeit startet am Sonntag die vermutlich umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Berichte und Diskussionen um die Menschenrechtssituation oder die Bedingungen der Gastarbeiter im WM-Land Katar bestimmten die „Vor-WM-Wochen“ in Deutschland. Aber wie groß ist die sportliche Vorfreude bei Fußballern aus der Region auf die „Glühwein-WM“? Unsere Zeitung hat sich bei einem Quartett umgehört.
Helga Christians
Die Hagerin ist eine Fußball-Pionierin, gehörte Anfang der 70er-Jahre zu den ersten zehn Frauen in Deutschland, die eine Trainer-Lizenz erhielt. „Aufgrund der Umstände in Katar freue ich mich nicht so auf das Turnier wie sonst“, sagt die 72-Jährige, die mit ihrem Mann Erwin oft viele Turnierspiele live im TV verfolgt hat. „Dieses Mal werden wir uns auf die deutschen Spiele beschränken. Die schaue ich natürlich, ich bin ja Fußballfan.“ Die WM 1966 in England sei das erste Turnier gewesen, bei dem sie als Teenager mit ihren Eltern Spiele im Fernsehen gesehen hatte.
Der deutschen Mannschaft traut sie mindestens das Halbfinale zu. Das würde auch ihren Mischlings-Hund „Addy“ begeistern. „Der freut sich immer, wenn wir Fußball schauen und legt sich dann gemütlich auf das Sofa.“ So wird er es auch am Mittwoch machen, wenn die Jungs von Hansi Flick ihr Auftaktspiel gegen Japan bestreiten. Um 14 Uhr. Mit einer Tasse Tee? „Vielleicht auch mit einem Bier“, sagt Christians und lacht.
Uwe Groothuis
Ostfrieslands Fußball-Legende aus Emden kann sich nicht uneingeschränkt auf die WM freuen. „Die ganzen Diskussionen werden während der WM nicht vorbei sein“, sagt der 68-Jährige und ergänzt mit Hinblick auf die diversen Vorwürfe Richtung Katar und FIFA. „Das Land hat so viel Geld und lässt die Gastarbeiter teilweise so beschissen wohnen. Sowas geht nicht.“
Niedersachsens Fußballer des Jahres aus dem Jahr 1991 wird sich einige Spiele aber anschauen, sofern er Zeit hat. Besonders die deutschen. „Ich bin und bleibe auch Fußball-Fan, auch wenn die Euphorie auch aufgrund des Winter-Zeitpunktes nicht so da ist. Und der 1:0-Testspielsieg im Oman hat auch nicht dazu beigetragen, dass die Euphorie steigt.“
Fußballfachmann Groothuis weiß aber, dass das Spiel ohne einige Stammspieler auch nicht der Maßstab sein kann. Er freute sich besonders über das Tor von Niclas Füllkrug. „Ich würde ihn Mittwoch gegen Japan direkt aufstellen.“
Das Spiel wird er sich auf dem heimischen Sofa anschauen. Die anderen Termine sind ihm noch gar nicht präsent – das sei bei den vorherigen Turnieren stets anders gewesen. Der Trainer des Fußball-Bezirksligisten SpVg Aurich würde auch nicht von sich aus ein Training verschieben, sofern ein Deutschland-Spiel mit dem Aurich-Training kollidieren würde. „Außer es würde der große Wunsch des Teams sein.“
Tido Steffens
Beim Torjäger des Fußball-Regionalligisten Kickers Emden steigt so langsam Tag für Tag die sportliche WM-Vorfreude. „Bis Sonntag war noch Bundesliga, da hatte man sich gar nicht damit beschäftigt. Nun habe ich mir auch mal in Ruhe den Spielplan und alles angeschaut. Ich bin Fußball-Fan und freue mich auf die Spiele“, sagt der 28-Jährige. Beim Spielplan-Studium fiel dann auch die arbeitnehmerunfreundliche Anstoßzeit auf des ersten Spiels auf: 14 Uhr. „Wir sind bei der Arbeit noch in Gesprächen, ob wir es ermöglichen können, das Spiel zu schauen“, sagt der Maschinenbau-Ingenieur.
Die zweite Partie gegen Spanien, an einem Sonntagabend (27. November), will er sich mit seiner Clique anschauen, so wie er es auch bei den vorherigen Turnieren gemacht hatte. „Zusammen schauen macht nochmal mehr Spaß.“ Ob statt Bier nun Glühwein auf den Tisch kommt, wisse er noch nicht. „Dass eine WM im Winter ist, ist für uns ja alle neu und völlig ungewohnt.“ Eins sei aber wie immer: Im Freundeskreis und bei der Arbeit wurden nun die ersten WM-Tipprunden gegründet.
Alexander Meiborg
Der Basketball-Trainer und Macher bei Fortuna Logabirum ist auch Fußballfan und als solcher viel und oft mit Borussia Dortmund unterwegs. Bei der EM 2021 schaute er sich zudem einige Spiele der niederländischen Nationalmannschaft live im Stadion an. „Zu dieser WM fehlt mir der Bezug. Für mich gehört so ein Turnier in den Sommer, auch wenn die Südamerikaner sich nun berechtigterweise freuen, dass sie es mal in ihrem Sommer erleben“, sagt Meiborg.
Auch die kurze Pause zwischen Bundesliga-Ende und WM-Start irritiert ihn. Normalerweise endete eine Saison im Mai, danach vergingen noch einige Wochen, ehe der Fan seine Vorfreude auf EM oder WM langsam steigern konnte. „Das fehlt diesmal komplett. Ich habe am Donnerstag erst beim Radiohören realisiert, dass die WM schon Sonntag startet. Ich muss mal sehen, wie sich alles entwickelt und wie viel ich überhaupt schaue.“