Tiere auf der Insel  Borkum und das Problem wilder Katzen

| | 02.10.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Beim Besuch des Reporters machte diese Katze große Augen. Foto: Ferber
Beim Besuch des Reporters machte diese Katze große Augen. Foto: Ferber
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Die ungezügelte Vermehrung wildlebender Katzen auf Borkum beschäftigte den Tierschutzverein. „Kastration ist harmlos. Die Straße ist grausam!“, schreibt er bei Facebook und macht sich für den Eingriff stark.

Borkum - „Nach Sexorgie in Tierhotel brauchte Kater Infusionen“: Die Überschrift des Artikels, den der Tierschutzverein Borkum vor knapp zwei Wochen bei Facebook gepostet hat, lässt schmunzeln. Aber nur auf den ersten Blick. Denn dahinter verbirgt sich ein ernstes Problem, wie dem beigefügten Appell des Vereins zu entnehmen ist: „Bitte lasst Eure Samtpfoten kastrieren!“

Borkum und die wildlebenden Katzen: Es ist ein Dauerthema auf der Insel. Eines, das durchaus für Kontroversen sorgt. Erinnert sei nur an den Vorschlag vor einigen Jahren, die Tiere zum Abschuss freizugeben. Verlässliche Zahlen, wie viele Wildstreuner tatsächlich, vor allem in den Dünen, leben, gibt es nicht. Melanie Güldenpfennig, 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins, schätzt mindestens 300. Tendenz steigend. Allein 23 Katzenbabys (Stand vergangene Woche) seien 2022 bisher im Tierheim gelandet; im ganzen Jahr 2021 waren es laut Güldenpfennig 25.

Im Kittenzimmeer gilt all you can eat

Betreut, aufgepäppelt und bestenfalls vermittelt werden sie vor Ort von Maike Christiansen und ihrem Team. Es ist zuweilen ein Full-Time-Job über die vorgegebenen Dienststunden hinaus, der auch mal Einsatz nach Feierabend verlangt. Die Tierpflegerin gibt einen Einblick ins Kittenzimmer. Dort tollen Morgan, Makkaroni und Co. umher, springen auf den Katzenbaum oder stärken sich am Futterteller. Für die „Beinahe-Teenies“ im Wachstum gilt noch all you can eat. Sie sehen gesund aus, munter. „Da sagt jeder nur, ach wie niedlich. Aber so kommen die hier nicht an“, weiß Maike Christiansen.

Maike Christiansen hat im Kittenzimmer jemanden zum Schmusen gefunden. Foto: Ferber
Maike Christiansen hat im Kittenzimmer jemanden zum Schmusen gefunden. Foto: Ferber

Zum Beweis muss sie nur einen Raum weiter gehen, zu den Neuankömmlingen. Dort ist ein schwarzer, frisch kastrierter Kater untergebracht. „Als er ankam, war er gelb wie eine Zitrone“, berichtet Christiansen. Vermutlich Leberschaden. Dazu eine Hornhautverletzung. Mittlerweile hat sich das Tier bekrabbelt. Als Schmusetiger wird es sich aber wohl nie eignen. Sobald Maike Christiansen etwas näher tritt, faucht der Kater unüberhörbar. Das Leben als „Wilder“ war zu prägend, Anfassen ist ein No-Go. Der Mensch bleibt Feind, eine spätere Vermittlung scheint unwahrscheinlich. „Der kommt nicht zu einem aufs Sofa zum Fernsehgucken.“

Babsi lässt sich nicht gerne anfassen

Dies dürfte auch für das Jungtier im Käfig gegenüber gelten, das einige Tage zuvor gefunden wurde. Unterernährt, phlegmatisch hockt es in der Ecke, noch zu schwach für eine Kastrations-OP. Katze Babsi immerhin ist eine der neugierigeren im Erwachsenen-Gehege – was nicht heißt, dass sie sich gerne kraulen lässt. Es sei für sie der „totale Punk“, sagt Maike Christiansen, wenn sie berührt werde. Was aber hin und wieder notwendig ist, da Babsi an chronischer Zahnfleischentzündung leidet und auch mal geimpft werden muss.

Unterernährt, phlegmatisch: Dieses Jungtier ist noch relativ neu im Borkumer Tierheim. Foto: Ferber
Unterernährt, phlegmatisch: Dieses Jungtier ist noch relativ neu im Borkumer Tierheim. Foto: Ferber

Aber wie verhält man sich, wenn man ein Katzenbaby findet? Abstand nehmen, die Situation beobachten, rät Melanie Güldenpfennig. Meist sei die Mutter in der Nähe und verstecke sich nur. „Man sieht, wenn das Tier krank ist, zum Beispiel die Augen verklebt sind“, erklärt die Vorsitzende – und schiebt als Warnung hinterher: „Eigenschutz ist wichtig. Ich sage immer liebevoll, es sind kleine Piranhas. Sie haben scharfe Krallen und Zähne.“ Ansonsten das Ordnungsamt oder den Tierschutzverein informieren, wo Kitten gesehen wurden. Man schaue sich dann die Lage vor Ort an, stelle notfalls eine Lebendfalle auf. Die Kleintiere auf keinen Fall in den Rucksack oder Fahrradkorb stopfen, sagt Güldenpfennig.

Im Kittenzimmer ist immer was los – zuweilen auch im Waschbecken. Foto: Ferber
Im Kittenzimmer ist immer was los – zuweilen auch im Waschbecken. Foto: Ferber

Tiere beeinflussen Schutzgebiet

Das Grundproblem, schildert sie, sei die wilde Vermehrung, dass nicht auf die Kastrationspflicht geachtet werde – auch nicht bei den Tieren, die einen Besitzer oder eine Besitzern haben, und deren (ungewollter) Nachwuchs ebenfalls häufig im Tierheim oder als herrenlose Katzen in der Wildnis lande. Mit Folgen:

„Sie fressen, weil sie fressen müssen, auch Vögel, die wir schützen wollen“, sagte Gundolf Reichert von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer Anfang vergangenen Jahres im Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Tiere haben einen Einfluss auf das Schutzgebiet, den wir nicht haben wollen.“

Via Facebook wirbt der Tierschutzverein Borkum für eine Kastration: „Da sie unter Vollnarkose durchgeführt wird, ist die Kastration für die Katze vollkommen schmerzlos. Auch der Heilungsprozess verläuft meist schnell und wird von der Katze gut verkraftet. Eine Kastration hat keine negativen Folgen für die Katze, sie ist anschließend genauso lebensfroh und gesund wie vorher.“ Auch würden weder Katzen noch Kater danach dick oder faul; sie blieben gute Mäusefänger. „Kastration ist harmlos. Die Straße ist grausam!“, appellieren die Tierschützer um Melanie Güldenpfennig und Maike Christiansen.

Setzen sich für den Tierschutz auf Borkum ein: die erste Vorsitzende Melanie Güldenpfennig (Mitte) und Carola Lappe (2. Vorsitzende). Rechts auf dem Bild: der frühere Vorsitzende des Vereins Frank Sepmann. Foto: privat
Setzen sich für den Tierschutz auf Borkum ein: die erste Vorsitzende Melanie Güldenpfennig (Mitte) und Carola Lappe (2. Vorsitzende). Rechts auf dem Bild: der frühere Vorsitzende des Vereins Frank Sepmann. Foto: privat

Gespräche über Kosten und Pachtvertrag

Ein anderer Hinweis, gerichtet an Inselbevölkerung wie Touristen gleichermaßen, ist ihnen ebenso wichtig: die herrenlosen Katzen nicht füttern. Ansonsten trage man die Verantwortung für die Tiere. Denn laut Landkreis Leer gilt als Katzenhalterin oder Katzenhalter bereits, wer freilaufenden Katzen regelmäßig Futter zur Verfügung stellt – verbunden mit der Auflage, die Tiere auf eigene Kosten von einem Tierarzt kastrieren und mittels Tätowierung oder Mikrochip kennzeichnen zu lassen. Bei unüberlegter Fütterung durch Privatpersonen, schreibt der Verein bei Facebook, seien problemlos drei Würfe pro Jahr mit bis zu acht Jungen möglich. Wichtig sei es deshalb, die Katzenpopulation in Grenzen zu halten, denn aus mehr herrenlosen Tieren würden mehr hungrige und kranke Tiere, die es zu versorgen gelte. Zudem würden Hauskatzen durch freilebende Katzen mit Krankheiten wie Katzen-Aids, Katzenschnupfen oder Tollwut infiziert.

Laut Melanie Güldenpfennig steht in Kürze ein Gespräch mit dem Bürgermeister an, bei dem es auch um die gestiegenen Kosten gehen soll. Die 2000 Euro Fundtierpauschale, die man von der Stadt bekomme, seien zu wenig, erklärt die Vereinsvorsitzende mit Blick auf Ausgaben für Futter, Kastrationen oder die angekündigten Beitragserhöhungen der Tierärzte. Dazu bräuchten gerade die Kitten oftmals spezielle Medikamente, zum Beispiel bei Augenerkrankungen oder Herpesentzündungen. Im schlimmsten Fall müssten sogar Augen entfernt werden, was ebenfalls ins Geld gehe und auf der Insel nicht gemacht werde.

Ein anderes Gesprächsthema: Die Baugenehmigung für die Sanierung des Tierheims mit Teilabbruch und Neubau liegt mittelweile vor. Jetzt sind drei Jahre Zeit, das ambitionierte Projekt umzusetzen. Um eine Förderung vom Tierschutzbund zu bekommen, erklärt Melanie Güldenpfennig, müsse man einen Pachtvertrag vorweisen, der mindestens über zehn Jahre gehe. Über eine entsprechende Verlängerung soll mit der Stadt gesprochen werden.

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