Einblicke in Handwerk und Co.  So vielfältig ist die Ausbildung auf Borkum

| | 30.09.2022 07:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit Konzentration bei der Sache: Inselschüler Jan Müller (links) bearbeitet einen Holzbalken. Tischler-Ausbilder Michael Lövenich hat ein Auge darauf. Foto: Ferber
Mit Konzentration bei der Sache: Inselschüler Jan Müller (links) bearbeitet einen Holzbalken. Tischler-Ausbilder Michael Lövenich hat ein Auge darauf. Foto: Ferber
Artikel teilen:

Die Berufsbildenden Schulen der Insel haben an einem Tag der offenen Tür über Ausbildungsberufe informiert. Die eingeladenen Inselschüler hatten dabei die Qual der Wahl.

Borkum - „Hier siehst du, dass zu viel Luft ist. Auf der anderen Seite sieht es ganz gut aus.“ Die Manöverkritik von Michael Lövenich fällt moderat aus. Schließlich hantieren vor ihm keine Profi-Tischler mit Handsäge, Stemmeisen, Hammer und Schraubzwinge, sondern Inselschüler. Inselschüler wie Jan Müller. Der ist mit Eifer und Konzentration bei der Sache, versucht sich an Kreuzüberblattung und Zinkverbindung. Das Arbeiten mit Holz scheint sein Ding zu sein – auch wenn es schwerer ist, als es aussieht, wie er zugibt.

Jan Müller ist einer von rund 100 Schülerinnen und Schülern aus den Jahrgängen acht, neun und zehn der Inselschule, die am Donnerstag den Berufsbildenden Schulen Borkum (BBS) einen Besuch abgestattet haben – und das nicht (nur), um eine Wurst vom Grill abzustauben, sondern um sich über Ausbildungsberufe und deren Inhalte zu informieren. Und das ganz auf Augenhöhe: „Der Ansatz ist, dass auch unsere Schüler etwas zu ihren Berufen erzählen und Praktisches vorführen. So werden die Inselschüler sozusagen mit ihrem eigenen Klientel konfrontiert und trauen sich auch mehr zu fragen“, erläutert Janine Weisz, die an den BBS Wirtschaftsberufe und Englisch unterrichtet. So sei das Ganze authentisch und relativ locker, ergänzt ihr Mann Daniel, der ebenfalls Lehrer an den BBS Borkum ist und am Tag der offenen Tür über die Ausbildung zum Maurer informiert.

Theoriepauken gehört auch dazu

Einblicke werden an diesem Vormittag in viele Bereiche gewährt. Lehrkraft Ralf Anderer zum Beispiel, seit August neu an den BBS, erklärt, was es mit dem Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik auf sich hat. Dem Beruf, bei dem man vermutlich mit den meisten unterschiedlichen Zangen zu tun hat. „Es ist nicht mehr wie früher, dass man schwere Heizkörper in den fünften Stock schleppen muss“, berichtet er einer Gruppe Schülerinnen, und verweist auf das aktuell „heiße Thema“ Energie, das auch in diesem Berufsfeld eine große Rolle spielt. Ein paar Türen weiter, bei den Kfz-Mechatronikern, gibt Niko Macuga Auskunft. Der ehemalige Inselschüler hat erst kürzlich „die Seiten gewechselt“, macht jetzt eine Ausbildung bei der Borkumer Kleinbahn. „Autos haben mich immer schon interessiert“, sagt der 17-Jährige. Er verhehlt aber nicht, dass ihn im Laufe der dreieinhalb Jahre viel Theoriepauken erwartet – und zeigt Bücher mit seitenweise Tabellen und Stromkreisplänen, die es zu kennen gilt.

Im Raum der Kfz-Mechatroniker gibt es auch praktische Einblicke. Foto: Ferber
Im Raum der Kfz-Mechatroniker gibt es auch praktische Einblicke. Foto: Ferber

In einem anderen Raum ist Eske Bakker im Einsatz. Aber nicht in ihrer Funktion als Borkums Jugendbeauftragte, sondern als angehende Medizinische Fachangestellte (MFA). Seit August macht sie ihre Ausbildung im Medizinischen Versorgungszentrum und erläutert verschiedene Pflasterarten, wie man Kompressen richtig anlegt und Wunden verbindet. In Zehntklässler Mateusz Kaminski hat sie einen interessierten Zuhörer gefunden. Ob man als MFA Medikamente verabreichen darf, ist nur eine seiner zahlreichen Fragen. „Ich bin Feuerwehrmann und deswegen wäre es auch wichtig, medizinisch tätig zu sein“, erklärt der 16-Jährige. „Ich überlege, später auf dem Festland Berufsfeuerwehrmann oder Sanitäter zu werden.“

Eske Bakker, angehende Medizinische Fachangestellte, informiert Mateusz Kaminski über Mullbinde, Kompresse und Co. Foto: Ferber
Eske Bakker, angehende Medizinische Fachangestellte, informiert Mateusz Kaminski über Mullbinde, Kompresse und Co. Foto: Ferber

Als Bäcker auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs

Im Unterricht von Lehrerin Sandra Andreas geht es um etwas ganz anders: Physik, Chemie, Teigeigenschaften, Mehle, Lebensmittelzusatzstoffe. Drei Jungs und ein Mädchen im zweiten Lehrjahr lernen derzeit bei ihr die Bäckertheorie. Auch den Inselschülerinnen und -schülern versucht sie, den Beruf schmackhaft zu machen. Für Bäcker und Konditoren gebe es viele Möglichkeiten, berichtet sie, zum Beispiel auch eine Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen oder in Hotels und Restaurants weltweit. Angst, dass sie später keinen Job finden, da gerade Bäckereien unter den hohen Energiepreisen leiden und daher teilweise schließen müssen, hätten ihre Schützlinge nicht, sagt Sandra Andreas. „Soweit denken sie noch nicht.“

Bis zu 16 Ausbildungsberufe im Handwerk, in den kaufmännischen Berufen und im Gesundheitsbereich, ist der BBS-Homepage zu entnehmen, werden in der Einrichtung beschult. Auch die Dual Plus Fachhochschulreife wird angeboten. „Wir sind die aufnehmende Schule Nummer eins, neben Esens“, sagt Daniel Weisz. Geschätzte 50 Prozent der Jungen und Mädchen kämen nach der Inselschule an die BBS. Gleichwohl, ergänzt Janine Weisz, seien auch an den BBS Borkum die Schülerzahlen rückläufig. Rund 70, schätzt sie, seien es aktuell. „Viele haben eher den Anspruch, studieren zu gehen, oder hören nach dem Abitur auf und machen dann eine Ausbildung. Aber leider sind sie für Borkum dann meist verloren, weil sie auf dem Festland sind und dort in eine andere Berufsschule gehen.“ Manche von ihnen kämen aber auch zurück auf die Insel.

Ähnliche Artikel