Ostfriesin feiert Erfolg als Trainerin Mama aus Aurich erlebt Wübbenhorst-Traumstart in Bern
Imke Wübbenhorst startete mit den Frauen von Young Boys Bern erfolgreich in die Super League. Die Ostfriesin besprach taktische Finessen mit einem Ex-Bundesligastar.
Bern/Aurich - Mutter Kerstin war extra von Aurich nach Bern angereist. Da konnte beim Debüt der ostfriesischen Fußball-Trainerin Imke Wübbenhorst in der Schweizer Super League der Frauen gar nichts schiefgehen. Mit der Mama aus Ostfriesland auf der Tribüne trieb die Tochter an der Seitenlinie ihre Frauen der Young Boys Bern zur Höchstleistung. YB Bern besiegte zum Saisonstart am Samstag den FC St. Gallen mit 4:0 – ein Traumstart im legendären Berner Wankdorfstadion, wo 1954 die Herberger-Nationalelf das Wunder von Bern vollbrachte.
Solch einen Charakter besaß das 4:0 der „Girls“ von Young Boys zweifelsohne nicht, aber über eine Überraschung durften sie sich schon freuen. Der Tabellensiebte der Vorsaison bezwang eine Mannschaft, die bis zum Sommer 2022 doppelt so viele Punkte eingesammelt hatte. „Der Sieg war sehr wichtig“, sagt Imke Wübbenhorst. „Da wissen die Spielerinnen, dass es Sinn macht, wie wir trainieren.“
Zahllose Glückwünsche auf dem Handy
Hinterher vibrierte ihr Handy pausenlos. „Ich habe viele Glückwünsche aus Deutschland bekommen – auch aus Cloppenburg und Aurich.“ Zu den ersten Gratulanten zählte der Ex-Bundesligaspieler und aktuelle Drittliga-Trainer Olaf Janßen von Viktoria Köln. „Darüber habe ich mich sehr gefreut“, sagt die 33-Jährige. Sie hatte in der vergangenen Saison noch als Janßen-Assistentin in Köln gearbeitet.
Natürlich bekam die Fußballlehrerin auch reichlich Komplimente bei ihrem neuen Klub. „Das sind tolle Menschen hier“, sagt sie. Der wohl berühmteste Mitarbeiter arbeitet im Wankdorfstadion gleich im Büro nebenan. Mit dem einstigen Dortmunder Torjäger Stephane Chapuisat tauschte sich Imke Wübbenhorst in den Tagen vor dem Spiel viel über taktische Finessen aus. Chapuisat ist bei den Young Boys als spezieller Stürmer-Trainer engagiert.
Ostfriesin lässt Frauen viel laufen
„Ich habe meine Angreiferinnen aber noch nicht zu ihm geschickt“, sagt die Damentrainerin. Die Frau von der Nordsee möchte die Mannschaft aus den Bergen erstmal mit den gravierenden Veränderungen bei ihren Übungseinheiten vertraut machen. „Die Spielerinnen müssen sich an neue Intensitäten gewöhnen“, sagt Wübbenhorst. Ein Chip am Körper lieferte nach dem Sieg über St. Gallen den Beweis, dass dies geglückt war. Eine Mittelfeldspielerin lief in den 90-Auftaktminuten 11,0 Kilometer. „Und da waren 17 Sprints dabei“, betont die Trainerin. 10,9, 10,8 und 10,7 Kilometer Wegstrecke waren die nächsten Top-Marken.
Solche Kilometerleistungen gab es in der Vergangenheit nicht. „Sagen wir mal so: Die Mannschaft hat früher gespielt wie Schweizer“, erzählt Imke Wübbenhorst lächelnd. „Immer schön neutral und nicht aggressiv.“ Wenn der Gegner den Ball besaß, zogen sich die Young-Boys-Frauen brav zurück nach hinten.
4:0 schon zur Pause
Nun lernen sie die Fußballidee der Auricherin kennen, die deutsche Robustheit und Laufdisziplin mit international bewährter Taktik verknüpft. Der Gegner wird permanent unter Druck gesetzt. „Wir pressen sehr früh.“ Mit dem „ostfriesischen Matchplan“ sowie der Härte der deutschen Bundesliga-Neuzugänge Caroline Krawczyk und Henrike Sahlmann kam der FC St. Gallen überhaupt nicht klar. Melaurie Granges erzielte in der 7. Minute das 1:0. Stephanie Waeber erhöhte fünf Minuten später auf 2:0. Und dann durften Trainer-Mutter Kerstin Wübbenhorst auf den Rängen und Vater Johann zu Hause am Laptop vor der Pause noch zweimal jubeln.
Da gesellte sich zu neuen deutschen Tugenden in Bern noch rumänischer Torinstinkt hinzu. Neuzugang Cristina Carp machte kurz vor der Halbzeit mit zwei Treffern bereits das 4:0 perfekt. Mit Pausen-Applaus der 400 Zuschauer (Wübbenhorst: „Leider sind es bei den Frauen auch nicht mehr als in Deutschland“) war die Belohnung.
Mit Mutter in der VIP-Loge
Abschnitt zwei verlief unspektakulär. Da ließen offenbar die Berner Kräfte nach. „Nach dem Spiel waren die Spielerinnen sehr kaputt.“ Die Energie reichte aber noch zu einem gemeinsamen Essen mit dem gesamten Betreuerstab in einem Restaurant in Wankdorf. Mit am Tisch saß auch die Trainer-Mutter mit den Maskottchen-Qualitäten.
Kerstin Wübbenhorst hatte eine Woche Urlaub bei der Tochter verbracht und neben den Schönheiten der Stadt das Umfeld des Vereins kennengelernt. Am Donnerstag hockten die Wübbenhorst-Frauen gemeinsam in der Arena und ließen sich beim Hinspiel der Champions-League-Qualifikation der Männer zwischen Bern und Anderlecht (0:1) in der VIP-Loge gutgehen.
Teurer Anruf unserer Zeitung
„Auch sonst ist Bern eine wunderschöne Stadt“, schwärmt die Neu-Einwohnerin. Sie hat für sich schon ein stadttypisches Hobby entdeckt: das Aare-Schwimmen. Dabei lassen sich die Menschen im Fluss meilenweit mit der Strömung treiben. „Kürzlich bin ich von meiner Wohnung in die eine Richtung gejoggt und im Fluss zurückgetrieben.“ Die Aare fließt schnell. Für die sechs Kilometer im Wasser benötigte Imke Wübbenhorst nur 38 Minuten.
Neben solchen Vergnügen bekam die Ostfriesin auch schon die Strenge der Schweizer Polizei zu spüren. Als unsere Zeitung anrief und sich Imke Wübbenhorst in großer Eile befand, griff sie ausnahmsweise im Auto kurz zum Handy und wurde prompt gestoppt: Das machte 120 Schweizer Franken. Berner Beamte kennen keine Gnade – auch nicht für die neue Trainerin des populären Hauptstadt-Klubs.