TSV reist mit besonderem Torwart nach Emden  Beim Kickers-Gegner Havelse spielt auch ein Staatsanwalt

| | 11.08.2022 19:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Alexander Dlugaiczyk arbeitet seit 2014 für die Staatsanwaltschaft Hannover. Foto: Behrens
Alexander Dlugaiczyk arbeitet seit 2014 für die Staatsanwaltschaft Hannover. Foto: Behrens
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Alexander Dlugaiczyk will Tore verhindern und für Gerechtigkeit sorgen. Der Torwart des TSV Havelse ist Staatsanwalt. Ein Leben zwischen 4. Liga und Loverboy-Prozess.

Havelse - Wer den Namen Alexander Dlugaiczyk in Internet-Suchmaschinen eingibt, bekommt nicht nur unzählige sportliche Berichte über den Fußballtorwart des Regionalligisten TSV Havelse ausgespuckt. „Bandendiebstahl in Hannover: Gericht verurteilt Rumänen zu Gefängnisstrafe“, „,Falsche Polizisten‘: Hohe Strafen für Betrüger gefordert“ oder „Loverboy-Prozess: Staatsanwaltschaft fordert sechseinhalb Jahre Haft“ sind weitere Schlagzeilen. Alexander Dlugaiczyk ist aber kein Bösewicht, ganz im Gegenteil. Bei den Prozessen steht er auf der Seite des Gesetzes: als Staatsanwalt.

Für den TSV Havelse spielt Alexander Dlugaiczyk nun schon zum dritten Mal. Die Garbsener sind der Herzensverein des Hannoveraners geworden. Archivfoto: Imago
Für den TSV Havelse spielt Alexander Dlugaiczyk nun schon zum dritten Mal. Die Garbsener sind der Herzensverein des Hannoveraners geworden. Archivfoto: Imago

Tagsüber Loverboy-Prozess, am frühen Abend Viertliga-Training: Die Gegensätze sind nicht jeden Tag so extrem. „Solch ein Prozess ist eine größere Sache, den man auch nicht jeden Tag hat“, berichtet der 39-Jährige vor dem Havelse-Gastspiel bei Kickers Emden (Samstag, 14 Uhr) im Gespräch mit unserer Zeitung. Seit 2014 arbeitet er nun schon für die Staatsanwaltschaft Hannover, zwischenzeitlich auch als Richter. Vergangene Saison sorgte die Kombination aus Justiz-Job und Fußballtorwart auch überregional für Aufsehen, weil Havelse nach dem Überraschungs-Aufstieg ein Jahr lang in der 3. Liga spielte. „Ich war sicherlich der einzige Staatsanwalt in der 3. Liga, auch in der Regionalliga ist mir von keinem anderen bekannt.“

Mitspieler von Per Mertesacker

Alexander Dlugaiczyk ist ein „Hannoveraner Junge“, spielte in der Jugend viele Jahre für den Nachwuchs von Hannover 96 und für die Niedersachsenauswahl. Auch der spätere Weltmeister Per Mertesacker war einige Spielzeiten sein Mitspieler. Als Abiturient und Zivildienstleistender trainierte er dann auch einige Monate bei den Profis mit. „Natürlich träumt man da auch von einer Laufbahn als Profi“, erinnert sich Dlugaiczyk. Doch als es bei den „Roten“ nicht weiterging und er 2003 zu Arminia Hannover in die 4. Liga wechselte, fuhr der Torwart bewusst zweigleisig und begann mit dem Jura-Studium. „Ich wollte nie jemand werden, der über die Dörfer tingeln muss, um ein paar Jahre vom Fußball leben zu können.“

Erst Staatsanwalt, dann Richter, nun wieder Staatsanwalt: Alexander Dlugaiczyk. Foto: Behrens
Erst Staatsanwalt, dann Richter, nun wieder Staatsanwalt: Alexander Dlugaiczyk. Foto: Behrens

So schloss Dlugaiczyk sein Studium erfolgreich ab, startete ins Berufsleben und blieb all die Jahre Fußballtorwart für verschiedene Klubs im Raum Hannover. Er ist nun schon das dritte Mal beim TSV, der sein Herzensverein geworden ist, für den er auch am längsten gespielt hat. Im Emder Ostfrieslandstadion, in dem er schon einige Male zu Gast war, wird er Samstag vermutlich auf der Bank Platz nehmen. Beim Kampf um die Nummer eins warf ihn in der Vorbereitung eine Corona-Infektion und die zehntägige Quarantäne zurück. Jetzt will er sich über das Training für die Spiele empfehlen, auch noch weitere Viertliga-Einsätze sammeln.

Staatsanwalt? Die Neuzugänge staunen immer

Vergangene Saison waren die Rollen klarer verteilt. Havelse stellte auf Profitum um, hatte eine klare Nummer eins. „Aber ich habe kaum Trainingseinheiten verpasst.“ Die Dezernatsarbeit ließ sich mitunter flexibel einteilen, eine clevere und vorausschauende Dienstplanung tat sein übriges. 18-mal stand er auch mit im Spieltags-Kader, musste für Anreisen am Freitag nach Würzburg, München oder Zwickau dann eben mal Urlaub nehmen. Dem allseits geschätzten Keeper wurden dann gegen Waldhof Mannheim auch nochmal ein paar Drittliga-Minuten gegeben.

Alexander Dlugaiczyk reist mit Havelse Samstag nach Emden. Foto: Imago
Alexander Dlugaiczyk reist mit Havelse Samstag nach Emden. Foto: Imago

Nach dem Abstieg in die Regionalliga ist in Havelse wieder der semiprofessionelle Alltag mit vier bis fünf Trainingseinheiten um 17.30 Uhr eingekehrt. Im Sommer gab es auch einen großen Umbruch, viele Spieler gingen, viele kamen. Und da war eines wie immer: „Wenn die neuen Jungs dann erfahren, dass ich Staatsanwalt bin, sorgt das oft für Staunen und viele Nachfragen“, berichtet Dlugaiczyk, der im Februar 40 Jahre alt wird. Seine letzte Saison? „Vermutlich“, sagt der Torwart. Ganz sicher ist es nicht. „Die Lust ist das entscheidende Kriterium. Warten wir mal ab.“

Diese Saison erwartet er eine spannende Regionalliga, die an Qualität gewonnen habe. Auch auf sein eigenes, neuformiertes Team ist er gespannt. Bisher gab es einen Punkt aus den ersten beiden Spielen. Möglicherweise reist ja ein neuer Daniel-Kofi Kyereh (SC Freiburg), Deniz Undav (Brighton & Hove Albion, Premier League) oder Fynn Lakenmacher (1860 München) mit dem TSV am Samstag nach Emden. Alle drei nahmen in Havelse Anlauf für ihre Profi-Laufbahn – und konnten sich im Tor auf ihren Staatsanwalt Alexander Dlugaiczyk verlassen.

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