Fifa-Schiedsrichter in Regionalliga Ukrainischer Kriegsflüchtling pfiff Kickers-Spiel in Lübeck
Die letzten Monate waren für Denys Shurman die schwierigsten in seinem Leben. Der ukrainische Schiedsrichter flüchtete nach Hamburg und leitete zuletzt ein Kickers-Spiel. Bald geht es für ihn zurück.
Hamburg - Wenn Denys Shurman seine größte Leidenschaft ausübt, dann vergisst er für 90 Minuten seine Sorgen. Das ukrainische Fifa-Schiedsrichtertalent ist in der Fußball-Regionalliga Nord gelandet und leitete am letzten Freitag die Partie zwischen dem VfB Lübeck und Kickers Emden. Mit Kriegsausbruch in der Nacht zwischen dem 23. und 24. Februar flüchtete er mit seiner Familie aus Wyschnewe, einem Vorort von Kiew.
Über Freunde und Verwandte kam er über die Westukraine und Polen schließlich nach Hamburg und lebt mit seiner Frau Svitlana und dem sechsjährigen Sohn Nazar seitdem in einem Ferienhaus. Seine Mutter und sein Bruder, mit dem er einen Pizzadienst betrieb, blieben in der Heimat zurück. Aber er hatte nicht nur Angst wegen des Kriegs-Horrors in der Heimat, sondern musste sich auch große Sorgen um seinen Sohn machen.
Sohn Nazar schwer erkrankt
Nazar ist schwer erkrankt und benötigte dringend spezielle Medikamente, die in der Ukraine nicht mehr zur Verfügung standen. Daher bekam Denys Shurmans auch eine Sondererlaubnis und durfte das Land trotz der allgemeinen Mobilmachung der 18- bis 60-jährigen Männer verlassen.
„Ich bin unheimlich dankbar, dass ich durch eine großartige Unterstützung in Deutschland weiterhin die Möglichkeit habe, als Schiedsrichter aktiv zu sein“, erklärt der 35-Jährige. Denn nach seiner Flucht nach Deutschland wurde ihm schnell klar, dass er gerne wieder pfeifen würde. Die Verbände spielten unbürokratisch mit, der Hamburger Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrick kümmerte sich um ihn, organisierte viel und half ihm bei der Spielvorbereitung.
In Kiew vor 30.000 Zuschauern
„Es war sehr wichtig, im Training zu bleiben. Denn ich habe schon noch große Ziele als Schiedsrichter“, erzählt Shurman. Auch wenn er sonst in Kiew vor teilweise 30.000 Zuschauern Spiele in der Premier Liga leitete, freute er sich auch über die Atmosphäre wie am vergangenen Freitag in Lübeck. Souverän leitete er die Partie zwischen dem Topfavoriten und dem Aufsteiger. Dass sein Assistent den Emdern kurz vor Ende der Partie den fünften Wechsel verweigerte, habe er nach der Partie schon mitbekommen. Es war wohl ein Missverständnis und sei auf ein Kommunikationsproblem zurückzuführen.
Shurmans erster Einsatz in dieser Saison war dann nicht in Norddeutschland, sondern schon wieder international. Mit deutschen Assistenten leitete er am 21. Juli auf Island die Partie zwischen Breidablik und Podgorica (Qualifikation zur UEFA Conference League). Von solchen Partien können die Spieler in der Fußball-Regionalliga natürlich nur träumen. Vorerst werden für Denys Shurman auch keine weiteren dazukommen.
Als Aufbauhelfer in die Heimat
Denn er wird Deutschland wieder verlassen. Alleine, ohne die Familie, auch als eine Art Aufbauhelfer. Denn am 22. August soll die höchste ukrainische Liga in einigen Städten wie Kiew oder Lwiw wieder starten, einige Vereine müssen aufgrund der Zerstörung der Stadien und Trainingsstätten ausweichen.
Zu dem Projekt werden natürlich auch Schiedsrichter benötigt. Und Denys Shurman wird wieder in die Heimat fliegen. Der Beschluss zur Wiederaufnahme wurde natürlich mit dem Verteidigungsministerium getroffen. Die Partien sollen zunächst ohne Zuschauer ausgetragen werden, bei Luftangriffen werden die Spiele unterbrochen, damit sich alle Beteiligten in Sicherheit bringen können. „Ich bin hin und hergerissen. Natürlich freue ich mich, wieder zurückzufliegen. Denn ich glaube, dass es auch für die Bevölkerung in der Ukraine sehr wichtig ist, dass der Fußball zurückkehrt“, beschreibt Denys Shurman seine Gefühle.
Familie bleibt in Hamburg
Allerdings ist er auch sehr traurig, da seine Frau Svitlana mit Nazar vorerst in Hamburg bleiben wird. „Nazar kommt vielleicht bald in einen Kindergarten, ihm geht es soweit ganz gut. Es ist schwierig, nach Hause ins Kriegsgebiet zu fliegen und zu wissen, die Familie vielleicht die nächsten zwei, drei Monate nicht zu sehen“, so Shurman.
Er hofft natürlich sehnlichst auf ein baldiges Ende des Krieges, und dass er mit seiner Familie in die Heimat zurückkehren kann. Aber auch seinen Traum von der internationalen Schiedsrichter-Karriere lebt er weiter. „Ein Champions League- oder ein WM-Spiel zu leiten, das wäre was.“ Zunächst geht aber die Saison los – mitten im Krieg.